J. G. Ballards "High-Rise" im Kino: Eine gelungene Verfilmung?

Umfrage25. Juli 2016, 14:07
34 Postings

Ben Wheatley hat den 1975 erschienenen Roman auf die Leinwand gebracht, die Kritiken sind geteilt. Wie hat Ihnen der Film gefallen?

Dass ein Film, der auf einem Roman James Graham Ballards basiert, dazu gedacht ist, Unbehagen hervorzurufen, überrascht nicht. Gemeinhin wird der Engländer (1930–2009) als Science-Fiction-Autor gehandelt, besonders im deutschsprachigen Raum wurde er zeitweise auch in die Trash-Ecke gestellt. Vor allem in seinen späteren Werken siedelte Ballard seine tristen, technisierten Landschaften jedoch selten in einer fernen Zukunft an, sondern exerzierte seine dystopischen Visionen in einer zwar verfremdeten, aber bekannten Welt durch.

So auch in "High-Rise". Aus heutiger Sicht ist es eine Welt von gestern, die gezeigt wird. Es sind die 1970er-Jahre, als der junge, erfolgreiche Arzt Robert Laing in einen Hochhauskomplex einzieht. Anstatt der erwarteten Anonymität findet er sich schnell in einem eigenen Mikrokosmos wieder inklusive Partys, Sex, Klassenkämpfen und Dekadenz. Nicht alle Bewohner besitzen die gleichen Privilegien, und es braucht nur den langsamen Ausfall der Technik, um das gewissermaßen als Sozialexperiment angelegte Zusammenwohnen scheitern zu lassen. Das Haus beginnt zu verfallen, und mit ihm die Bewohner. Am Ende geschehen Vergewaltigungen und Mord.

Taylor Swift und die vergangene Zukunft

"Alle meine Bücher handeln ja davon, dass unsere humane Gesittung wie die Kruste über der ausgespienen Lava eines Vulkans ist. Sie sieht fest aus, aber wenn man den Fuß daraufsetzt, spürt man das Feuer", umriss Ballard einmal sein literarisches Werk. Nun hat Ben Wheatley "High-Rise" verfilmt, das 1970er-Jahre-Setting übernommen und mit Jeremy Irons, Sienna Miller und Tom Hiddleston ein durchaus prominentes Ensemble zusammengestellt – Hauptdarsteller Hiddleston schwirrt zudem gerade aufgrund seiner Liaison mit Popstar Taylor Swift durch Klatschspalten und Social Media. Ballard, der in Werken wie "The Atrocity Exhibition" Starkult eindringlich seziert hat, hätte an dieser trivialen Gegebenheit vielleicht seine Freude.

Was sagen die Kritiken?

Der Film stellt also eine Zukunft da, die aus heutiger Sicht längst Vergangenheit ist. Für die Kritik im STANDARD ist dieser Umstand sogar der Dreh- und Wendepunkt des Films, der sich auf seine visuelle Intensität verlasse. Das Stilbewusstsein, der Sinn für das Material seien derart dominant, dass die Frage aufkomme, ob Wheatley "High-Rise" vor allem verfilmt habe, "um einen einstmals zukünftigen Ort mit der Eleganz von Retro-Optiken auszustatten". Den Film präge eine Lust an Oberflächenreizen, die auch die Körper der Darsteller betreffe. Als exemplarisch dafür wird jene Szene herausgestellt, in der der Körper eines Hausbewohners beim Suizid in Zeitlupe auf ein Autodach prallt.

Was der Film jedoch nicht vermag, so die Kritik, sei, tatsächliche Spannung zu erzeugen. Zu wenig interessiere Wheatley sich für den Plot und die Psychologie hinter der Geschichte. Das Politische werde nur marginal berührt; und wenn am Ende Margaret Thatcher aus dem Off dem neoliberalen Zeitalter huldigt, sei das mehr "akustisches Ornament denn politischer Zusammenhang". Auf die Frage, wie eine Zukunft aussehen könnte, die vor 40 Jahren erdacht wurde, gebe es nur die Antwort: unsere Gegenwart. Die Mühe, diese Antwort zu konturieren, mache sich der Film aber nicht. Er probiere nur scheinbar aus, sozialen Wohnbau als Form gesellschaftlicher Integration zu denken.

Auch in der "New York Times" kommt man zu dem Ergebnis: Der Film ist träge. Obwohl er viele Aspekte der Ballard'schen Erzählung perfekt übersetze, komme er nicht an deren Witz heran.

Anders wird der Film in der "Zeit" und im "Spiegel" bewertet. Die "Zeit" resümiert, der Film sei "sehr erwachsenes Kino, fernab der unzähligen Feelgoodmovies, die derzeit für die Generation 50+ produziert werden". "High-Rise" sei inspirierend und unangenehm. Im Gegensatz zur STANDARD-Kritik wird das Politische herausgestrichen: "In Hinblick auf die vieldiskutierte Identitätskrise der Mittelschicht" wird der Film hier als sehr aktuell gesehen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Bewertung im "Spiegel". Sie sieht die tristen Zukunftsvisionen Ballards überzeugend umgesetzt. Wheatley betone erfolgreich die weiterhin "virulenten Themen des immerhin 40 Jahre alten Romans": soziale Verödung, industriellen Niedergang und die Lust am Nichtfunktionieren. Gerade indem die 70er unverbraucht und unnostalgisch inszeniert würden, werde die Aktualität dieser (Zeit-)Probeme deutlich. Dabei beschreibe "High-Rise" zwischen "gutgelauntem Nihilismus und satirischer Kulturkritik einen Ort, an dem sich die Gesellschaft häutet".

Was sagen Sie?

Im Gegensatz zu der Cronenberg-Verfilmung des Ballard-Romans "Crash" (1996) ruft "High-Rise" keine große öffentliche Aufregung hervor. Die Kritiken bleiben dennoch gespalten. Wie haben Sie den Film gesehen? Welche Aspekte der Kritik – positiv wie negativ – halten Sie für diskutierenswert? (Julia Meyer, 25.7.2016)

  • What would Taylor Swift do?
    foto: thimfilm

    What would Taylor Swift do?

  • Die wilden 70er.
    foto: thimfilm

    Die wilden 70er.

  • Dem Architekten des Hauses (Jeremy Irons) bleibt am Ende wenig.
    foto: thimfilm

    Dem Architekten des Hauses (Jeremy Irons) bleibt am Ende wenig.

Share if you care.