Hausboote: Österreicher nicht nahe am Wasser gebaut

Ansichtssache23. Juli 2016, 15:00
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Die Österreicher sind keine Seefahrer. Nur zwei Hausboote liegen in der schönen blauen Donau in Wien. Obwohl das Wohnen am Wasser viel Idylle und ein Leben inmitten der Natur verspricht, ist die Nachfrage gering.

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Auf dem Steg vor dem Hausboot steht ein Graureiher, so starr und unbeeindruckt von den herannahenden Menschen, dass man glauben könnte, er sei gar nicht echt. Bis er sich dann doch gemächlich von den ausgebleichten Holzplanken erhebt, ruhig über den Seitenarm der Donau gleitet und sich weiter hinten auf dem Steg erneut niederlässt.

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Hier draußen im Kuchelauer Hafen, wo Ente und Biber einander gute Nacht sagen, schwimmt Wiens zweites Hausboot inmitten grüner Idylle. Von der gegenüberliegenden Seite des Wassers hört man gelegentlich den Zug der Franz-Josefs-Bahn vorbeirauschen. Hinter den Bahngleisen fällt der Blick auf den rosaroten Kirchturm der Pfarrkirche Kahlenbergerdorf. 1300 Meter sind es noch bis zur niederösterreichischen Grenze.

Seit 2011 liegt hier, im 19. Bezirk an der Anlegestelle des Motor Yacht Club Austria, ein 50 Quadratmeter großes, schwimmendes Haus. Gebaut wurde es vom Unternehmen Techmetall, das eigentlich kompakte Eigenheime auf dem Festland errichtet. Der Wunsch eines Kunden hat dazu geführt, dass 2009 Wiens erstes Hausboot gebaut wurde. Mittlerweile schwimmen zwei dieser Mikrohäuser auf der Donau, ein drittes ist derzeit im Bau, berichtet Techmetall-Eigentümer Sascha Haas.

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Um überhaupt so weit zu kommen, gab es einige Hürden zu überwinden. Was auf der Donau schwimmt, muss – mit Ausnahme von Lokalen an der Donauinsel – ein zugelassenes Boot sein, so sieht die Stadt Wien es vor. Vor dem Bau des ersten Hausbootes musste die Firma Techmetall deshalb zu einer Schiffswerft werden, weil nur eine Werft auch tatsächlich ein Schiff bauen darf. Weil das Hausboot aber anfangs nur ein schwimmendes Haus und kein Boot war, musste es auch noch motorisiert, also zum Boot werden. Damit fahren darf nur, wer ein Kapitänspatent hat, wohnen darauf natürlich jeder. "Wer in einem Lkw wohnt, braucht auch keinen Lkw-Führerschein", vergleicht Haas. Die wenigen Plätze, an denen die Stadt Wien Hausboote erlaubt, müssen zudem hochwassersicher sein. Außerdem dürfen Hausboote nur in ruhigem Gewässer ohne Strömung liegen.

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180.000 Euro hat das 50 Quadratmeter große Hausboot gekostet, 3500 Euro im Jahr fallen für den Liegeplatz im Kuchelauer Hafen an. An anderer Stelle – etwa in der Marina Wien – kostet der Liegeplatz gar 8000 Euro jährlich. Inkludiert sind dabei jeweils Betriebskosten, Diebstahlschutz und die Überstellung zum Winterliegeplatz und wieder zurück. Die offizielle Meldeadresse der Hausbootbewohner ist die Adresse des Hafens Kuchelau – Kuchelauer Hafenstraße 2. Auch ihre Post wird dorthin geliefert. Vom Festland zum Haus kommt man mit dem Tretboot oder – über einen zwei Kilometer langen Uferweg – auch mit dem Auto.

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Das Hausboot selbst hat 2,80 Meter hohe Wände, die zu 60 Prozent aus Glas bestehen. "Wer im Wohnzimmer sitzt, sitzt direkt am Wasser, auch im Winter, wenn das Boot beheizt wird. Je nachdem, woher die Sonne kommt, macht man die Rollläden einfach zu", erklärt Haas. Wie in jeder anderen Wohnung gibt es eine Küche, ein Schlafzimmer und ein Badezimmer, zudem ist im "Bootskeller" Platz, um Fahrräder, Reisekoffer, etc. einzulagern. Auf dem Bootsdach haben die aktuellen Bewohner zudem einen kleinen Kräuter- und Gemüsegarten angelegt – zu erreichen mit einer Leiter von der hinteren Terrasse aus. Eine zweite Terrasse auf der Vorderseite bietet Platz für Sitzgelegenheiten und ist der ideale Platz für einen Sprung ins kühle Nass.

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"In einem Hafen ist meist wenig Strom vorhanden, deshalb muss ein Hausboot so konzipiert sein, dass kein Starkstrom benötigt wird", sagt Haas. Gekocht wird daher mit zwei Induktionsplatten, geheizt mit Infrarot-Paneelen.

Das sogenannte Schwarzwasser, die Fäkalien, werden in einem Tank gesammelt, der sich im Schwimmkörper des Hausbootes befindet und zwischen 1000 und 2000 Liter fasst. Auf beiden Seiten des Bootes gibt es eine Kupplung – wie man sie von einer Senkgrube kennt -, durch die alle paar Monate von einem Pumpwagen die Fäkalien abgesaugt werden. Ein Display im Boot zeigt an, wann der Tank geleert werden muss. "Vier Fünftel des Wasserverbrauchs, also das Abwasser aus Geschirrspüler, Waschmaschine oder Dusche, das sogenannte Grauwasser, wird mittels Biokläranlage gereinigt und wieder in die Donau zurückgeführt", erklärt Haas.

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Im Sommer läuft – wie überall sonst in Wien – Hochquellwasser über eine Leitung an Bord des Bootes. "Im Winter allerdings", sagt Haas, "haben die meisten Häfen ihr Wasser abgedreht, damit die Leitungen nicht auffrieren." Beim Hausboot hat Techmetall daher eine Wasseraufbereitungsanlage eingebaut. Ein Rüssel mit Begleitheizung ragt vom Schwimmkörper ins Wasser und saugt über zwei Vorfilter das Nutzwasser aus der Donau – "damit sind die Bewohner autark und können ganzjährig wohnen", sagt Haas stolz.

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Obwohl das Wohnen auf dem Hausboot viel Romantik verspricht, hält sich die Nachfrage in Grenzen: "Wir würden weitere Hausboote bauen, aber derzeit gibt es keine Anfragen", sagt Haas.

Der erste ganzjährige Bewohner des Hausbootes im Kuchelauer Hafen, der namentlich nicht genannt werden will, kann sich das nicht erklären. Obwohl man in der Stadt sei, lebe man mitten in der Natur – Schwäne schwimmen um das Haus herum, der Biber klopft am Rumpf des Bootes an, von der Terrasse kann man direkt ins Wasser springen, erzählt er begeistert. Zudem habe man seine Ruhe. Das Leben am Wasser sei viel entspannter, sagt der Wiener, "auch weil alle dort auf der Suche nach Erholung vom stressigen Alltag sind".

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Im vergangenen Jahr ist er trotzdem ausgezogen: Er wolle bald heiraten, und 50 Quadratmeter seien für eine Familie zu klein, erzählt er. Dass es in Deutschland und Holland jeweils über 100.000 Hausboote gibt und in Österreich kaum welche, versteht der ehemalige Hausbootbewohner nicht. "Ich kann das Leben auf dem Wasser guten Gewissens weiterempfehlen." Er vermutet, dass die Österreicher keinen Bezug zu dieser Wohnform haben, weil sie bei uns keine Tradition hat. Insgesamt sei das Wohnen auf seinem Hausboot weit günstiger gewesen als in einer herkömmlichen Miet- oder Eigentumswohnung.

Ein Stück donauaufwärts steht das dritte Hausboot der Firma Techmetall, allerdings noch an Land. In den nächsten Monaten wird der Rohbau fertiggestellt, erstmals verfügt dieses Modell über zwei getrennte Schlafzimmer – für Eltern und Kinder -, erklärt Haas. Gibt es einen interessierten Käufer, muss nur noch der passende Liegeplatz gefunden werden, irgendwo zwischen Motorbooten und Schwanenfamilien. Haas ist zuversichtlich. (Bernadette Redl, 23.7.2016)

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