Donald Trump krempelt die "Grand Old Party" um

Analyse18. Juli 2016, 06:00
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Statt niedriger Steuern und Freihandel will der republikanische Kandidat Abschottung und Nostalgie

Vor zwei, drei Monaten sah es noch nach einem sommerlichen Showdown aus. Es schien, als steuerten die US-Konservativen auf einen Wahlparteitag zu, auf dem alles möglich sein würde, selbst eine Art Putsch der Parteigranden gegen einen lärmenden Seiteneinsteiger, der in der Bilanz der Vorwahlen die Nase klar vorn hatte. Das Szenario hat sich praktisch im Nichts aufgelöst.

Wenn nicht alles täuscht, vereinen sich die Republikaner diese Woche in Cleveland hinter einem Kandidaten, den sie vor gut einem Jahr genau wie der Rest der Welt noch müde belächelt haben. Wenn nicht noch Überraschendes geschieht, wird es wohl eine Krönungsmesse werden. Was sich die Niemals-Trump-Bewegung an Rebellionsszenarien ausmalte, ist nur noch Schall und Rauch. Der Populist hat die Partei Abraham Lincolns, Teddy Roosevelts und Ronald Reagans gekapert.

Trump hat politische Gegner, Frauen, Latinos, Kriegsveteranen und Behinderte beleidigt. Er kündigte den Bau einer Mauer zu Mexiko an – zu bezahlen durch Mexiko. Er erklärte, er werde alle Freihandelsabkommen der USA aufkündigen und neu verhandeln, er fantasierte von einem Einreiseverbot für Muslime, er redete der Wiedereinführung der Folter an Terrorverdächtigen das Wort und empfahl Staaten wie Japan oder Südkorea, sich eigene Atomwaffen anzuschaffen, statt sich als Trittbrettfahrer auf den US-Schutzschirm zu verlassen.

Der Boss und "seine Leute"

Jeden konventionellen Kandidaten hätte eine solche Mischung wohl bald zur Aufgabe gezwungen. Jeder andere wäre irgendwann gestolpert. An Trump ist die Kritik abgeperlt. Ausgerechnet der milliardenschwere Bauunternehmer aus New York hat es verstanden, den Frust einzufangen, zum Champion jener Verunsicherten zu werden, die sich von der politischen Elite weder vertreten noch verstanden fühlen. Das sind große Teile der weißen Arbeiterschaft, deren einstige Fabrikarbeitsplätze in Billiglohnländer abwanderten. Das sind jene kulturkonservativen Amerikaner, die alte Werte und Gewissheiten verschwinden sehen. Das sind Ungeduldige, die einfach einmal das System aufmischen wollen, um zu schauen, wie es weitergeht. Trump hat der Wut eine Stimme gegeben, er hat rohe Emotionen mobilisiert, nostalgische Sehnsüchte beschworen.

In Cleveland wird sich eine Republikanische Partei präsentieren, die kaum wiederzuerkennen ist. Seit Mitte der 1960er-Jahre steht sie für niedrige Steuern und einen schlanken Staat, für schrankenlosen Handel mit dem Rest der Welt. Trump aber gibt den Boss, der sich um seine Leute kümmert – wohlgemerkt: nur um seine Klientel alteingesessener Amerikaner. Seine Mischung aus Populismus und Nationalismus, oft vorgetragen im Duktus einer Reality-Show, ist neu. Ob sie nur eine kurze Episode bedeutet oder einen Richtungswechsel, bleibt abzuwarten. (Frank Herrmann, 18.7.2016)

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