Rabl-Stadler: "Es muss eine Entfesselung her"

Interview18. Juli 2016, 09:00
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Die Präsidentin der Salzburger Festspiele hat in 21 Jahren sechs Intendanten erlebt. Ob sie ihren Vertrag bis 2020, dem Jubiläumsjahr der Festspiele, verlängern wird, ist offen

STANDARD: Michel Jeanneau, Generaldirektor der Champagnermarke Louis Roederer, hat die weitere Sponsorentätigkeit mit Ihrem Verbleib verknüpft. Schmeichelhaft?

Rabl-Stadler: Eigentlich nicht. Ich möchte, dass die Salzburger Festspiele möglichst langfristige Verträge haben, sodass meine Nachfolgerin, mein Nachfolger damit arbeiten kann.

STANDARD: Ihr Vertrag als Festspielpräsidentin läuft 2017 aus. Werden Sie sich noch einmal bewerben?

Rabl-Stadler: Ich habe versprochen, dass ich mich Ende des Sommers entscheide. Es freut mich, dass Markus Hinterhäuser (Intendant ab 2017, Anm.) gesagt hat, er würde mit mir gern bis zum Jubiläumsjahr weitermachen. Selbstverständlich bewerbe ich mich nur, wenn alle Kuratoriumsmitglieder dafür sind; das haben sie mir signalisiert und mich aufgefordert, mich zu bewerben.

STANDARD: Warum sind Sie dann so zögerlich?

Rabl-Stadler: Ich möchte nicht kokett wirken. Aber es gibt gewichtige Gründe dafür – und dagegen. Das Aufgabenfeld hat sich massiv verändert, Präsident der Festspiele ist heute keine repräsentative Funktion mehr, sondern harte Arbeit 365 Tage im Jahr.

STANDARD: Seit der Intendanz Pereira waren Sie auch die kaufmännische Direktorin ...

Rabl-Stadler: Ich war, wenn ich es salopp ausdrücke, ein bisschen wie eine eierlegende Wollmilchsau: Unternehmerin, Journalistin, Juristin, Managerin, Kauffrau. Wenn man genau so jemanden sucht, wäre der Kreis begrenzt. Nun, mit einer eigenständigen kaufmännischen Direktion kann meine Nachfolge aus einer ganz anderen Ecke kommen.

STANDARD: Ihre Einschätzung von Lukas Crepaz, der ab April 2017 Ihr Nachfolger als kaufmännischer Direktor wird?

Rabl-Stadler: Er vereint K und K in sich – die Kunst und das kaufmännische Wissen.

STANDARD: Wie schwierig ist Sponsorensuche in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten?

Rabl-Stadler: Das beste Biotop sind die Festspiele selbst. Zudem besuche ich das ganze Jahr zu viele Veranstaltungen im In- und Ausland, um neue Leute kennenzulernen. Deshalb leide ich unter dem Anfütterungsparagrafen, der allein das Kennenlernen schon unter Korruptionsverdacht stellt. Das ist für die Sponsorenakquise sehr schädlich. Aber die Leute wissen, ich kriege keine Prozente. Die Gehälter sind moderat, und ich werde nach 22 Jahren Präsidentschaft keinen Cent Zusatzpension der Festspiele bekommen, sondern ganz normal eine ASVG-Pension.

STANDARD: Seit zwei Jahren gibt es, auch aus budgetären Gründen, Wiederaufnahmen. Wie wirkt sich das auf den Verkauf aus?

Rabl-Stadler: Außer in den drei Jahren von Alexander Pereira gab es immer welche, im letzten Jahr Karajan beispielsweise sieben – und nur eine Neuinszenierung. Im letzten Jahr hatten wir drei Wiederaufnahmen, alle drei waren ausverkauft. Auch heuer haben wir drei Wiederaufnahmen – und drei Neuinszenierungen, darunter erstmals in der Geschichte der Festspiele Charles Gounods Faust sowie als deutliches Zeichen für unser zeitgenössisches Engagement die Uraufführung von Thomas Adès' The Exterminating Angel. Ich glaube an Wiederaufnahmen aus künstlerischen und aus kommerziellen Gründen. Sie sind ein Rezept, um das Budget zu stabilisieren.

STANDARD: Mit den Subventionen sind Sie zufrieden?

Rabl-Stadler: Wir mussten all die Jahre mit Subventionen in der Höhe von 1998 wirtschaften. Seit 2015 bekommen wir 16 Millionen Euro, also rund zweieinhalb Millionen mehr. Diese werden bis 2017 von den Gehaltserhöhungen aufgefressen sein. Im Kunstbetrieb sind achtzig Prozent des Budgets Personalkosten. Wenn sich die Politik nicht zur Valorisierung bekennt, werden wir alle paar Jahre in eine finanzielle Schieflage kommen. Unser Sparprogramm ist ziemlich ausgeschöpft, obwohl mir durch Neu- und Umstrukturierungen sowie neue Kollektivverträge viel gelungen ist. Aber für die auf uns zukommenden bürokratischen Vorschriften brauchen wir neue Arbeitsplätze. Die Dokumentationspflicht ist groß, da kämpfe ich Seite an Seite mit den vielen Kleinbetrieben: Es muss eine Entfesselung her.

STANDARD: Was bedeutet der Konkurs des Kartenbüros Polzer für die Salzburger Festspiele?

Rabl-Stadler: Uns trifft dieser Vertrauensbruch doppelt: Wir verlieren durch den Konkurs dieses privaten Kartenbüros einen Partner, der uns jahrelang verlässlich Karten abgekauft hat. Jetzt muss es uns gelingen, diese Karten, die seit Jänner für das Kartenbüro Polzer reserviert waren, zu einem so späten Zeitpunkt neu zu verkaufen. Und wir müssen andererseits versuchen, den Polzer-Geschädigten doch noch ein Festspielerlebnis möglich zu machen. Allerdings dürfen die Salzburger Festspiele als öffentlich subventionierte und rechnungshofgeprüfte gemeinnützige Organisation den Schaden einer etwaigen privatwirtschaftlichen Insolvenz nicht übernehmen.

STANDARD: Intendant Sven-Eric Bechtolf inszeniert die Wiederaufnahmen bzw. Neueinstudierungen der drei Da-Ponte-Opern und spielt in Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" mit. Ist die Doppel- und Dreifachbeschäftigung eine Sparmaßnahme?

Rabl-Stadler: Sie können von einer Workaholic wie mir nicht verlangen, einen anderen Workaholic zu bremsen. Aber falls Sie darauf anspielen, er würde seine Aufgaben als Intendant vernachlässigen: Das tut er nicht. Dass wir im letzten Jahr das beste kommerzielle Ergebnis meiner gesamten Präsidentschaft hatten, ist auch Svens unglaublicher Großzügigkeit zu verdanken: Er übersetzt den Sturm und verlangt nichts dafür. Er führt Regie und verlangt nichts dafür. Heuer haben wir eine komplizierte Rechtssituation, die zu klären er mir hätte überlassen können. Aber nein: Das macht er auch noch, schreibt Briefe an Rechtsanwälte – und Gedichte, wenn Mitarbeiter Geburtstag haben. Die zwei Jahre mit Sven waren eine besonders schöne Zeit für mich, auch weil er einen Humor hat, den ich schätze. Er wird mir sehr fehlen! (Andrea Schurian, 18.7.2016)

Helga Rabl-Stadler (67) ist seit 1995 Präsidentin der Salzburger Festspiele, 2011 übernahm die Juristin, ehemalige Politikerin und Unternehmerin auch die kaufmännische Direktion.

  • Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler freut sich, dass der neue Intendant Markus Hinterhäuser bis zum Jubiläumsjahr mit ihr arbeiten möchte. Sven-Eric Bechtolf wird sie vermissen.
    foto: imago

    Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler freut sich, dass der neue Intendant Markus Hinterhäuser bis zum Jubiläumsjahr mit ihr arbeiten möchte. Sven-Eric Bechtolf wird sie vermissen.

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