"Piramo e Tisbe": Barockes Bling-Bling für Auge und Ohr

17. Juli 2016, 17:27
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Bernd R. Bienerts Hasse-Inszenierung in der Altenburger Stiftsbibliothek

Altenburg – Über einem Meer von Bäumen erhebt sich das Stift Altenburg, Schönbrunnergelb über Sattgrün: wundervolles Waldviertel. Demonstriert die barocke Anlage in ihrer Außenwirkung ganz Harmonie und Majestät, so geht's drinnen ordentlich zur Sache: Barocke Innenarchitektur ist großes Theater, ist eine effektpralle, bonbonbunte Show. Das betrifft in Altenburg vor allem die Stiftskirche mit den Troger-Fresken, aber auch die Bibliothek, die man sich wie einen prachtvollen Kirchenraum mit ein paar Bücherregalen vorstellen muss.

Und so passt Bernd R. Bienerts Inszenierung von Johann Adolph Hasses Piramo e Tisbe denn auch ideal in dieses Ambiente, denn der gebürtige Wiener und ehemalige Ballettdirektor hat sich mit seinem Teatro Barocco darauf spezialisiert, nicht nur die Musik der (barocken oder klassischen) Opernvergangenheit möglichst originalgetreu wieder zum Leben zu erwecken, sondern auch das szenische Geschehen. Und dieses bietet, aus heutiger Sicht, ein die Aufmerksamkeit bannendes Miteinander von Poesie, Prunk und Affektiertheit.

Vorhangstoff-Landschaften

Das bizarr-bezaubernde Repertoire an großen Gesten, die die Sängerinnen und Sänger in Hasses 1768 in Wien uraufgeführtem Intermezzo tragico ausbreiten, wird heutzutage nur noch von Drag Queens, Fluglotsen, Gebärdendolmetschern und im klassischen Balletttanz gepflegt.

Das Auge des Zuschauers unterhalten des Weiteren luxuriöse Kostüme, komplexe Kunstwerke allesamt aus gerafften, gebauschten Vorhang- und Teppichstoff-Landschaften, mit Quasten und Kristallen bestückt. Honigfarbenes Licht taucht das Geschehen und das Bühnenbild in eine heimelige, intime Atmosphäre (Regie, Bühne und Kostüme: Bienert). Im Libretto von Marco Coltellini entrollt sich die mit einer Suizidserie endende Geschichte zweier junger Liebender aus verfeindeten Familien – richtig, William Shakespeare hat sich von der in Ovids Metamorphosen geschilderten babylonischen Sage ebenfalls inspirieren lassen.

Barockes Gesamtkunstwerk

Im barocken Gesamtkunstwerk von Stiftsbibliothek und Bienert-Bühne gibt Megan Kahts eine in jeder Hinsicht schrille Tisbe, was darstellerisch bezaubernd, gesanglich jedoch etwas heftig wirkt. Nicht nur mit ihrem weichen Sopran verleiht Maria Taytakova dem Piramo eine verführerisch weibliche Note. Peter Widholz zeigt sich in seiner kompetenten und charmanten Werkeinführung gewinnender als in seiner darstellerisch hölzernen und auf Kraftgesang setzenden Darstellung von Tisbes Vater. Ein Brüller der Löwe (Gabriel Wanka), der zusammen mit Tisbes Vater alles Unglück ins Rollen bringt.

Das neunköpfige Musikerensemble des Teatro Barocco wird von Emanuel Schmelzer-Ziringer vom Cembalo aus geleitet und präsentiert die reiche, abwechslungsreiche und von extremen emotionalen Wechselfällen erzählende Musik des Altmeisters Hasse auf berührende Weise, woran der großartige Konzertmeister Dimitris Karakantas mit seinem fantasievollen, nuancierten und intensiven Spiel den größten An- teil hat: eine außergewöhnliche, wunderschöne und beglückende Produktion. (Stefan Ender, 18.7.2016)

Weitere Vorstellungen am 23. und 30. 7. – an letzterem Termin gibt es auch einen Zubringerbus aus Wien.

Link www.teatrobarocco.at

  • In der Bibliothek des niederösterreichischen Stifts Altenburg wird Bernd R. Bienerts Inszenierung von Johann Adolph Hasses "Piramo  e Tisbe" zum Gesamtkunstwerk.
    foto: barbara pálffy

    In der Bibliothek des niederösterreichischen Stifts Altenburg wird Bernd R. Bienerts Inszenierung von Johann Adolph Hasses "Piramo e Tisbe" zum Gesamtkunstwerk.

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