"Otello": Intrigenspiel im Abendwind

17. Juli 2016, 17:10
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Verdi bei den Opernfestspielen in Gars

Gars am Kamp – Viel Bühne braucht es nicht, um sich auf der romantischen Babenbergerruine in die Dramenwelt Shakespeares einzufinden – alles ist schon da. Bei den Opernfestspielen in Gars steht Guiseppe Verdis Umsetzung der Otello-Tragödie auf dem Plan. Ganz klassisch inszeniert (Michael McCaffery), wehen die Mäntel im Abendwind, lodern Fackeln in den uralten Gemäuern.

Otello (Michael Baba), maurischer Kriegsherr in Diensten der Venezianer, kehrt als Sieger über die Türken in seine zypriotische Trutzburg zurück. Der Held begeht jedoch einen folgenschweren Fehler und befördert Cassio (Oscar Marin) anstelle des ehrgeizigen Jago (Michael Kraus) zum Leutnant. Dieser schwört Rache und bringt eine Intrige in Gang. Otello, irregeführt, kennt als Mörder seiner unschuldigen Frau Desdemona (Alexandra Reinprecht) nur noch einen Ausweg: den Sturz ins eigene Schwert.

Ohne Moralinsäure

"In den meisten Opern geht es um Liebe", meint der britische Regisseur McCaffrey, bei Otello aber gehe es um "Hass, um die zerstörerische Macht von Egoismus und Fanatismus". Das erinnert natürlich frappant an ganz aktuelle Ereignisse, die sich heute rund ums östliche Mittelmeer, wo die Geschichte spielt, zutragen. Doch McCaffrey lässt einem die Wahl, zwingt dem Sommerpublikum kein nach Moralinsäure triefendes Politstück auf. Man kann diese nüchtern-unexperimentelle Inszenierung als Unterhaltung aufnehmen. Und wer nach ideeller Vertiefung sucht, findet im Programmheft sein Auslangen.

Unaufdringlich, solide und nur bei den Trompetensignalen im dritten Akt verschoben, präsentierte sich das burgeigene Orchester unter der Leitung von Johannes Wildner. Michael Kraus und Alexandra Reinprecht (ausdrucksstark im vierten Akt) stachen gesanglich hervor, auch Oscar Marin setzte mit seinem Cassio Glanzpunkte. Im Chor war man leider nicht immer d'accord.

Intendant Johannes Wildner hat den Otello mit Bedacht gewählt, auch wenn das ein unterkühltes Publikum nicht übermäßig bejubelte. 2017 setzen die Opernspiele Gars auf die Zauberflöte und äußern damit einen hoffnungsfrohen Wunsch: Nach einem tragödienreichen Jahr sollen wieder Ideale von Humanismus und Völkerverbundenheit Einzug halten. (Stefan Weiss, 18.7.2016)

  • Alexandra Reinprecht (Desdemona, li.) und Anna Agathonos (Emilia) in Michael McCafferys Inszenierung von Verdis "Otello".
    foto: reinhard podolsky

    Alexandra Reinprecht (Desdemona, li.) und Anna Agathonos (Emilia) in Michael McCafferys Inszenierung von Verdis "Otello".

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