Chinas großer Schuss aufs Tor der Welt

17. Juli 2016, 16:59
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China will auch im Fußball eine Weltmacht werden. Dazu kauft es sich mit Unsummen Trainer und Spieler aus aller Welt. Rund um den Globus werden zudem Anteile an Vereinen erworben. Und für alles gibt es einen Plan

Bora Milutinovic, der davor Mexiko, Costa Rica, die USA und Nigeria zu Weltmeisterschaften geführt hatte, war nach seiner Ankunft in Peking schnell klar, dass er es in China schwer haben würde. Immerhin schaffte der Serbe, was ihm bis heute keiner nachmachen konnte – er führte auch China zur WM, allerdings war 2002 in Japan und Südkorea flott Schluss – drei Spiele, null Punkte, 0:9-Tore. "Sie haben keine Spieltradition. In jedem anderen Land sieht man Jungs auf den Straßen oder Hinterhöfen kicken. Nur in China nicht", sagte der heute 71-Jährige damals dem STANDARD.

Milutinovic war der achte ausländische Coach, den Chinas Verband anwarb. Auch nach Gründung der Super-Liga (CSL) mit ihren 16 Klubs änderte sich nicht viel. Hunderte ausländische Trainer und Spieler kamen und gingen, ohne viel zu bewirken. Chinas Fußball liegt in der Weltrangliste auf Rang 81. Chinas Frauen, die "Eisernen Rosen", spielen um Klassen besser, sind Zwölfte.

Der Kaufrausch bei den Männern hält unvermindert an. Seit 2015 stiegen die Ablösesummen für internationale Spieler in astronomische Höhen. Dafür sorgen reiche Konzernchefs, die in den Fußball als neues Standbein investieren. Sie kapitalisieren ihre Vereine. CSL-Klubs konnten in der letzten Transferperiode 317 Millionen Euro ausgeben. Für ein Dutzend Spitzenspieler aus europäischen Klubs wurden 200 Millionen Euro bezahlt.

56 Millionen für Hulk

Schanghai SIPG schoss den Vogel ab, zahlte für den brasilianischen Teamstürmer Hulk an Zenit St. Petersburg fast 56 Millionen. Hulks Landsmann Alex Teixeira von Donetsk war Jiangsu Suning 50 Millionen wert. Der Klub aus Nanjing hatte kurz zuvor für Ramires, ebenfalls aus Brasilien, fast 35 Millionen an Chelsea überwiesen. Guangzhou Evergrande aus Kanton ließ sich auch nicht lumpen und holte für 42 Millionen den kolumbianischen Stürmer Jackson Martínez von Atlético Madrid. Großzügig wie die Ablösen sind auch die Gehälter, selbst in der zweiten Liga. Weshalb sich etwa Österreichs Teamstürmer Rubin Okotie glücklich schätzt, bei Beijing Enterprises Group FC unterschrieben zu haben.

Die Gemengelage dahinter ist noch verwirrender als die Höhe der Ablösen und Gehälter. Champions-League-Finalist Atlético Madrid gehört zu 20 Prozent Chinas reichstem Unternehmer, Wang Jianlin. Der baut sein Immobilienimperium Wanda derzeit zum größten Freizeit- und Sportkonzern der Welt um. Fußball ist für ihn die Krone. Für seinen Anteil an Atlético zahlte Wang 45 Millionen Dollar.

Bei Guangzhou Evergrande ist ein anderer chinesischer Multimilliardär Mitbesitzer: Jack Ma von Alibaba. Ma ist zugleich Partner des Elektrogroßkonzerns Suning, der sich im Dezember 2015 den gleichnamigen Fußballklub Jiangsu Suning für 70 Millionen Euro kaufte. Damit erhielt der Klub genug Kapital, um ausländische Spieler zu kaufen. Doch damit nicht genug. Im Juni übernahm Suning auch noch den italienischen Traditionsverein Inter Mailand. Für 68,55 Prozent Anteile zahlte er 270 Millionen Euro. Andere chinesische Unternehmen haben sich in Vereine wie Espanyol Barcelona, Aston Villa, bis hin zu New York City FC eingekauft.

Die Beteiligten setzen darauf, dass sich Investitionen in den Fußball auszahlen, weil die reicher werdenden Mittelschichten ihn immer stärker nachfragen. Chinas Staatssender CCTV meldete jetzt, dass der nächste Großdeal im Werden sei. Allen Dementis zum Trotz versuche der superreiche Robin Li, dem das Suchportal Baidu (Chinas Google) gehört, Inter Mailands Stadtrivalen AC Milan zu kaufen – 437 Millionen Dollar sind angeblich geboten.

Spielfeld Staatssport

Hinter den Milliardengeschäften steckt politisches Kalkül. Es ist ein Puzzlestein im neuen Spielfeld des Staatssports, das Chinas fußballbegeisterter Präsident Xi Jinping aus dem Boden stampfen lässt. Chinas Fußball muss Weltformat erhalten. Er könne die Softpower, den Einfluss des Landes steigern und sei Teil des Erneuerungstraums der Nation.

Die neue Offensive mit dem Ball wird von oben angestoßen. Pekings Staatsrat gründete eine "Leitungsgruppe Fußball". Die Wirtschaftsplaner der staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform setzten verbindlich bis 2020 den Bau von 70.000 Fußballplätzen fest, das Siebenfache der heutigen Zahl. 8000 Schulen bieten derzeit Fußballunterricht an. 2020 sollen es 20.000 sein. 30 Millionen Schüler sollen dann regelmäßig kicken. Im April präsentierte der Staatsrat sein Gesamtkonzept zur "Fußballreform 2016 bis 2050". Spätestens dann müsse aus China eine Fußballsupermacht geworden sein.

Bisher war Fußball an den Schulen Stiefkind einer nur auf Büffeln Wert legenden Erziehung. Kicken ist nun Teil des neuen Idealcurriculums. Staatschef Xi gab als Losung aus: "Mit den Kleinsten fangen wir an. Und Ziel ist, an der Weltmeisterschaft teilzunehmen, sie nach China zu holen, sie zu gewinnen." Die Endrunde 2018 in Russland zu erreichen wird nicht leicht. Chinas Team hat die dritte von fünf Qualifikationsphasen erreicht, in einer Gruppe mit den asiatischen Fußballgroßmächten Iran, Südkorea und im Duell mit Katar, dem WM-Gastgeber von 2022, muss zumindest Rang drei her, um noch im Rennen zu bleiben.

Die Planung greift ohnehin weiter. Am Wochenende veröffentlichte das Erziehungsministerium, dem der Fußball nun untersteht, seine erste Liste von 4755 speziellen Grund- und Mittelschulen für gezielte Fußballausbildung. Sie werden vom Staat finanziell gefördert und regelmäßig überprüft. Trainer Milutinovic würde China nicht mehr wiedererkennen. Bald wird an jeder Ecke gekickt. Fraglich nur, ob die Buben dabei auch Spaß haben. (Johnny Erling, 17.7.2016)

  • Stars wie Hulk sollen mithelfen, dass China im Weltsport Nummer eins jene Rolle spielen kann, die Staatschef Xi Jinping vorschwebt.
    karikatur: kuang biao

    Stars wie Hulk sollen mithelfen, dass China im Weltsport Nummer eins jene Rolle spielen kann, die Staatschef Xi Jinping vorschwebt.

  • Der Brasilianer, verpflichtet von Zenit St. Petersburg, ist derzeit der teuerste Spieler in Chinas Fußballoberhaus.
    foto: afp

    Der Brasilianer, verpflichtet von Zenit St. Petersburg, ist derzeit der teuerste Spieler in Chinas Fußballoberhaus.

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