Wael Shawky: Zivilisation hängt am seidenen Faden

18. Juli 2016, 06:00
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Der Ägypter lässt Marionetten die Geschichte der Kreuzzüge erzählen. Das Kunsthaus Bregenz widmet seinen bedrückend aktuellen Arbeiten über Religion, Krieg und Terror die Sommerausstellung

Bregenz – Wael Shawky macht das Kunsthaus Bregenz (KUB) zur Burg: An der Fassade ein buntes, großflächiges Banner, im Haus ist dunkles Mittelalter. Ein Heer aus gläsernen Feldherren und Potentaten nimmt im Foyer Aufstellung. Der Raum ist in magisch blaues, fast sakrales Licht gehüllt. Kinodunkelheit herrscht in den nächsten zwei Stockwerken, hier erzählen Marionetten eine arabische Version der Kreuzzüge. Heller wird es erst ganz oben, wo ein schwarz glitzerndes Flugzeugdrachenwesen haust.

Die Installation aus Fluggerät und großflächiger Kreuzfahrerflagge ist die dreidimensionale Umsetzung eines immer wieder in Shawkys Zeichnungen auftauchenden Flugzeugmotivs. Es erinnert an Fassadenmalereien auf Häusern von Mekkapilgern, die Zeugnis davon geben, dass ein Bewohner auf dem großen Haddsch war. Es weckt aber auch Assoziationen zu 9/11.

"Cabaret Crusades"

Religion und deren Missbrauch ist ein wesentliches Thema im Werk Shawkys. Seit 2010 setzt sich der 1971 in Alexandria geborene und lebende Künstler mit der Geschichte der Kreuzzüge auseinander. Ein Ergebnis dieser Recherchen ist die Videotrilogie Cabaret Crusades. Der erste Teil war 2012 bei der Documenta 13 zu sehen. Die Videos The Path to Kairo (2012) und The Secrets of Karbala (2015) zeigt Shawky im KUB.

Europa ist zerrüttet, die weltlichen und geistlichen Mächte streiten sich um die militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft. Hunger und Armut schert die Herrschenden wenig. Da tritt Urban, ein Charismatiker mit Papstkrone, auf den Plan, warnt vor den Heiden aus dem Nahen Osten. Die christlichen Festungen Konstantinopel und Jerusalem sind in Gefahr. Die wahre Religion muss verteidigt werden. Die Armen folgen den Flaggen mit dem Kreuz in Massen, erhoffen sich besseres Leben im Diesseits und den versprochenen Platz im Himmel. Die Heerscharen aus dem Westen ziehen plündernd und mordend nach Osten.

Religion ist nur ein Vorwand

Mossul, Aleppo, Damaskus, Homs – die Namen der mittelalterlichen Kriegsschauplätze klingen heute erschreckend vertraut. Krieg und Terror unter religiösem Vorwand sind aktueller denn je. Wael Shawky blickt mit den Augen eines politisch engagierten, arabischen Intellektuellen auf das grausame Geschehen. Basis seines Narratives sind die Recherchen des libanesisch-französischen Autors Amin Maalouf, der die Geschichte der Kreuzzüge – für die christliche Würdenträger immer noch die Deutungshoheit beanspruchen – aus arabischer Sicht beschreibt.

Shawky setzt nicht Heldenepos gegen Heldenepos. Es geht ihm um Herrschaftswahn, verdeckte Staatsgeschäfte, Partikularinteressen, um Intrigen, Familienfehden, Rachegelüste. Christen morden Muslime, aber auch Christen, Muslime morden Christen, aber auch Muslime. Hier Urban und Innozenz, da Saladin – keine Helden, sondern Populisten, die Menschen ins Elend treiben.

Puppen aus Glas

Shawky bedient sich für seine Filme eines besonderen Kunstgriffs. Seine Schauspieler sind Marionetten, die sich in Kulissen arabischer Städte, die Shawky aus historischen Landkarten entwickelt, bewegen. Die Puppen sprechen historische Texte in Hocharabisch.

Hat Shawky für das erste Video noch historische Turiner Marionetten verwendet, baute er für den zweiten Film Puppen aus Keramik und Holz nach Vorbild südfranzösischer Krippenfiguren. Für den letzten Teil der Trilogie entwarf Wael Shawky Puppen aus Glas; sie wurden in Murano gefertigt. Die Verbindung zu Venedig ist Shawky besonders wichtig, schließlich habe Venedig den letzten Kreuzzug vorfinanziert, sagt der Künstler.

Die Glaspuppen tragen prachtvolle Kostüme, irritieren aber durch ihre Köpfe. Sie haben ihr menschliches Antlitz verloren, sind halb Tier, halb Mensch, errinnern an afrikanische Masken oder Fantasyfiguren.

Die Filme dauern eine Stunde, zwei Stunden, sind kein Videojunk für Schnellkonsumierende. Sich auf die lange filmische Reise in die so gegenwärtige Vergangenheit einzulassen lohnt. Nicht nur wegen der märchenhaften Ästhetik. Shawky lädt zum Perspektivenwechsel ein. Und zum Nachdenken darüber, an welch dünnen Fäden unsere Zivilisation hängt. (Jutta Berger, 18.7.2016)

Bis 23. 10.

Link www.kunsthaus-bregenz.at

  • Surreal wirkende gläserne Marionetten stellen in Wael Shawkys "Cabaret Crusades" die Kreuzzüge  aus arabischer Sicht dar. Das Kunsthaus Bregenz wird zum Lernraum für Geschichte.
    foto: kub / markus tretter

    Surreal wirkende gläserne Marionetten stellen in Wael Shawkys "Cabaret Crusades" die Kreuzzüge aus arabischer Sicht dar. Das Kunsthaus Bregenz wird zum Lernraum für Geschichte.

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