Reiseland Frankreich hat Angst – vor einem Besucherrückgang

17. Juli 2016, 18:17
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Der Tourismus hat sich eben erst von den Pariser Anschlägen zu erholen begonnen. Die Amokfahrt von Nizza macht nun alle Bemühungen zunichte

Ausgerechnet an der berühmten Strandpromenade von Nizza hat der Terror zugeschlagen. Zufall ist das sicher nicht: Die Promenade des Anglais war dank Klubs, Casinos, legendären Hotels und dem in vielen Filmen verewigten Kiesstrand das eigentliche Wahrzeichen der Stadt, Ausdruck auch ihrer mediterranen Vitalität und Festfreude.

Auch zeitlich war die Amokfahrt genau angesetzt gewesen. Und das nicht nur, weil mit dem Quatorze Juillet ein nationales Symbol getroffen wurde: Nach dem Ende der Fußball-EM waren noch mehr Ferienreisende als sonst an die Côte d’Azur geströmt, und nach dem Ende des Ramadan strömten die reichen Klienten aus der Golfregion wieder in ihre Villen und Luxushotels entlang der Küste. Am Freitagabend hätte der Weltstar Rihanna in Nizza ein Konzert vor 60 000 Fans in Nizza geben sollen; dazu begann das bekannte Jazzfestival. Beide Events wurden abgesagt.

Trotzen gegen Terrorismus

Ein Symbol, das alles sagt über den Zustand Nizzas: Das Luxushotel Negresco, eine der besten Adressen an der "Côte", musste vorübergehend in ein Notspital umfunktioniert werden. Viele Gäste des Etablissements sind in aller Hast abgereist. Ähnliche Szene gab es natürlich in den meisten anderen Hotels.

Andere Gäste harren trotzig aus; sie sagen, man dürfe sich nicht unterkriegen lassen von den Terroristen, sonst hätten sie ihr übles Spiel gewonnen. Aber gerade ausländische Touristen reisen in Scharen ab – namentlich Chinesen und Amerikaner, die auf geopolitische Ereignisse sensibel reagieren. Aber die Russen, die in Nizza traditionell stark vertreten sind, oder die Golf-Araber sind auch nicht mehr bei der Sache. Die europäischen Reiseanbieter zeigen sich entgegenkommend, wenn ihre Kunden die Reise abbrechen und nach Hause kehren wollen. Das gilt allerdings nur für Nizza, nicht andere Reiseorte in Frankreich.

Wirtschaftliche Folgen

Die ökonomischen Folgen für die Sommersaion Nizzas und darüber hinaus sind kaum abschätzbar. Noch stehen die "Niçois", wie sich die Einwohner nennen, ohnehin unter Schock. Sicher ist nur: Ihre glitzernde Stadt ist die zweite Tourismusdestination Frankreichs nach Paris, und zwölf Millionen Gäste passieren jährlich den wichtigsten Flughafen zwischen Monaco und Cannes. Jetzt ist erstmals ein französischer Ort außerhalb von Paris durch einen Massenmord dieser Art getroffen worden.

Die Hauptstadt leidet selbst noch immer unter den beiden Anschlagsserien von 2015. Die Attentate des 13. November sorgten in den großen Pariser Hotels zuerst für Einbrüche von bis zu 30 Prozent. Für das laufende Jahr rechnete der Pariser Fremdenverkehr bisher – das heißt vor dem Anschlag in Nizza – mit einem Rückgang von 11 Prozent.

85 Millionen Besucher pro Jahr

Die französischen Provinzdestinationen hatten sich in diesem Frühling hingegen langsam wieder erholt: Sie gingen bis zum Ende diese Jahres immerhin wieder von einer Umsatzzunahme von einem Prozent aus. Im ganzen Land arbeiten mehr als zwei Millionen Menschen direkt oder indirekt für den Tourismus. Sie haben Frankreich bisher zu dem – mit 85 Millionen Besuchern – wichtigsten Reiseland der Welt gemacht.

Die Erholung des Reisesektors, der fast acht Prozent an das nationale Bruttoinlandprodukt beisteuert, war umso willkommener, als die Wirtschaft in vielen Belangen in der Krise steckt und unter einer rekordhohen Arbeitslosigkeit von elf Prozent leidet. Der seit Monaten dauernde, bis heute nicht ausgestandene Sozialkonflikt um die Reform des französischen Arbeitsmarktes drückt seinerseits auf die Konjunktur.

"Vor dem Scherbenhaufen"

Allerdings hielten die Protestdemos kaum Reisende aus dem Ausland ab; für sie gehören die Bilder Faust streckender Demonstranten zum Pariser Stadtbild wie der Eiffelturm. Auch die glimpflich ausgegangene Fußball-EM wirkte auf die Franzosen eher stimulierend. Die Regierung hatte vor wenigen Tagen erst ein Wirtschaftskomitee einberufen, dass Ideen und Projekte für die Neulancierung der Reisebranche erarbeiten und umsetzen soll.

In diese vorsichtig optimistische Stimmung platzte die Lastwagen-Attacke auf der Promenade des Anglais. "Jetzt stehen wir wieder vor dem gleichen Scherbenhaufen", meinte der Direktor des Branchenbüros Protourisme, Didier Arino. Er schätzt, dass nicht nur die Hotelbelegung in Nizza um ungefähr 25 Prozent einbrechen dürfte.

Und vielleicht macht die Amokfahrt jetzt alles noch schlimmer. Denn langsam erhält Frankreich das Image eines Landes, wo man auch als Reisender auf der Hut sein sollte. Die internationalen Behörden bezeichnen Frankreich zwar weiterhin als "sichere Destination". Experten fürchten aber den Wiederholungseffekt. "Wir sind nicht im klassischen Terrorismus, bei dem die Wirtschaftsaktivität nach ein paar Monaten wieder zunahm", schätzt Georges Panayotis, Vorsteher der Tourismusberatung MKG; die Häufung dieser furchtbaren Attacken drohe "die Touristen doch für einige Zeit abzuhalten". (Stefan Brändle aus Paris, 18.7.2016)

  • Nach Paris stockt der Tourismus jetzt auch an der Côte d’Azur.
    foto: afp/ thomas samson

    Nach Paris stockt der Tourismus jetzt auch an der Côte d’Azur.

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