Attentat von Nizza: Zwei weitere Personen festgenommen – Immer noch 18 Verletze in Lebensgefahr

17. Juli 2016, 13:09
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Die Ermittlungen nach dem Anschlag in Nizza laufen: Zwei weitere Personen wurden am Sonntag festgenommen – Mindestens 84 Tote nach Amokfahrt mit Lkw – 31-Jähriger war mehrfach vorbestraft und galt als gewalttätig

Nizza – Nach dem Anschlag von Nizza kämpfen noch immer 18 Schwerverletzte um ihr Leben. Die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine teilte am Sonntag in Nizza mit, darunter sei auch ein Kind. Insgesamt werden nach ihren Angaben noch 85 Menschen im Krankenhaus behandelt. Die Zahl der Toten wird von den Behörden weiterhin mit 84 angegeben.

Festnahmen

Im Zuge der Ermittlungen sind in Frankreich am Sonntag zwei weitere Personen festgenommen worden. Es handelte sich um einen Mann und eine Frau, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Justizkreise meldete. Nach den Anschlägen waren schon vier Männer und die Ex-Frau des Attentäters festgenommen worden. Sie waren am Sonntag weiter in Polizeigewahrsam.

Der Attentäter von Nizza soll ein "Soldat" der Terrororganisation "Islamischer Staat" gewesen sein. Das verbreitet zumindest eine der Terrormiliz nahestehende Nachrichtenagentur Amaq am Samstag im Internet. Die Echtheit der Erklärung ließ sich nicht unabhängig überprüfen. Womöglich habe sich der zuvor unauffällige Mann sehr schnell radikalisiert, glaubt man in Paris.

Der Angriff sei eine Folge des IS-Aufrufs, Angehörige der Anti-IS-Koalition anzugreifen, berichtete Amaq weiter. Auch der IS-Radiosender Al-Bajan verbreitete am Samstag die Nachricht und drohte westlichen Staaten mit weiteren Anschlägen.

foto: apa/afp/boris horvat
Trauer an der Promenade in Nizza.

Die französischen Behörden hatten zunächst keine Hinweise, dass der 31 Jahre alte Lieferant Mohamed Lahouaiej-Bouhlel in Verbindung mit Islamisten stand. Nun gibt es aber laut französischen Polizeikreisen erste Hinweise auf eine Radikalisierung des getöteten Amokläufers. Ergebnisse der Vernehmungen der bisher fünf Festgenommenen deuteten auf ein "jüngstes Abgleiten in Richtung radikaler Islam" bei dem 31-jährigen Tunesier hin, meldete die Nachrichtenagentur AFP am Samstag. Die Terrororganisation Islamischer Staat habe dabei anscheinend noch keine Rolle gespielt, habe es aus Polizeiquellen geheißen.

Nach dem Anschlag in Nizza waren vier Männer aus dem näheren Umfeld des Tunesiers sowie dessen Ex-Frau festgenommen worden, am Sonntagfrüh wurden zwei weitere Personen festgenommen. Die Ex-Frau wurde am Sonntag wieder aus der Haft entlassen. Zur Identität der anderen Verhafteten machten die Behörden keine Angaben. Der Attentäter hat nach einem Zeitungsbericht vor der Bluttat sein ganzes Geld abgehoben. Er habe innerhalb einer Woche sein Konto geleert, berichtete die Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Aufruf zum Reservistendienst

Innenminister Bernard Cazeneuve rief am Samstag alle willigen "patriotischen Bürger" zum Reservedienst bei den Sicherheitskräften aufgerufen. Der Appell richte sich an französische Staatsbürger mit und ohne militärische Ausbildung und ebenso an ehemalige Soldaten, gab Cazeneuve bekannt.

foto: reuters/eric gaillard
Die Ermittlungen der Polizei dauern an. Drei Personen sollen festgenommen worden sein.

Die Vorsitzende der rechtsextremen Front National (FN), Marine Le Pen, hat die französische Regierung nach dem Anschlag von Nizza heftig kritisiert. Dieser zeige deren "schweres Versagen". Innenminister Bernard Cazeneuve müsse deshalb sofort zurücktreten, forderte sie am Samstag bei einer Pressekonferenz in Nanterre bei Paris.

"In jedem Land der Welt wäre ein Minister mit einer so schrecklichen Bilanz wie Bernard Cazeneuve – 250 Tote in 18 Monaten – zurückgetreten", sagte Le Pen. Sie bezog sich dabei auf die Summe der Todesopfer der Attentate vom Jänner und November 2015 in Paris und dem in Nizza am Donnerstag, bei dem ein 31-jähriger Mann mit einem Lkw 84 Menschen tötete und 200 weitere verletzte.

derstandard.at
Die tödliche Fahrt auf der Promenade des Anglais in Nizza.

Der Tunesier war während des Feuerwerks zum französischen Nationalfeiertag am Donnerstagabend mit einem Lastwagen in die Menge auf der Uferstraße Promenade des Anglais in Nizza gerast. 16 Todesopfer konnten bis Samstag nicht identifiziert werden.

Die Straße war zwar während der Feiern von Streifenwagen der Polizei blockiert. Der Mann sei mit seinem gemieteten 19-Tonnen-Lastwagen aber einfach über den Gehsteig gefahren, teilte die Präfektur des Departments Alpes-Maritime am Samstag mit. Am Steuer beschleunigte der Mann dann und fuhr Zick-Zack, um möglichst viele Menschen zu treffen. Nach rund zwei Kilometern wurde er von der Polizei erschossen. Zwischen dem Eindringen in die Zone und dem Ende der Fahrt sollen nur 45 Sekunden vergangen sein.

Forschungsinstitut: Amoklauf und kein Terrorismus

Ein Schweizer Forschungsinstitut widersprach am Samstag einer Einstufung der Tat als Terrorismus. Es handle sich um einen Amoklauf, schrieb das Basel Institute of Commons and Economics. "Die zahlreichen Amokläufe von europäischen und US-Bürgern in den USA, Frankreich und Belgien sind keine Taten des "internationalen Terrorismus", sondern Einzeltaten ohne eine konkrete politische Forderung oder ein politisches Ziel", schrieb das Institut. Die Erhebung von "tragischen Amokläufen" zu politischen Taten ermuntere Nachahmer.

foto: pascal rossignol
Zahlreiche Menschen legten Blumen und Erinnerungen am Ort des Geschehens nieder.

In ganz Frankreich begann am Samstag eine dreitägige Staatstrauer. Präsident Francois Hollande beriet mit seinem Sicherheitskabinett. Am Montagmittag soll es eine Schweigeminute geben. Seinen Österreich-Besuch, der für Mittwoch geplant war, sagte Hollande indes ab.

"Er war ein Mistkerl"

Nach Angaben seiner Familie war der Tunesier schon vor seiner Bluttat gewalttätig gewesen. "Er schlug seine Frau, also meine Cousine, er war ein Mistkerl", berichtete ein Familienmitglied der britischen Zeitung "Daily Mail". "Er trank Alkohol, er aß Schweinefleisch und er nahm Drogen." Der 31-Jährige sei kein Muslim gewesen. Bereits zuvor hatte der Vater berichtet, dass sein Sohn früher wegen psychischer Probleme ärztlich behandelt worden sei. Die Schwester des Attentäters sagte Reuters: "Mein Bruder hat psychische Probleme gehabt, und wir haben der Polizei Dokumente übergeben, die zeigen, dass er für mehrere Jahre bei Psychologen in Behandlung war." Dies sei in der Zeit vor 2005 gewesen, als er Tunesien verließ und nach Frankreich zog.

Frankreich steht seit längerem im Fadenkreuz von Extremisten. Allein seit Anfang 2015 gab es drei große Anschläge, im November kamen in Paris bei fast zeitgleichen Angriffen von Bewaffneten 130 Menschen ums Leben. Die Regierung hat den Ausnahmezustand ausgerufen und diesen wegen der Ereignisse in Nizza gerade um drei Monate verlängert.

foto: apa/afp/boris horvat
Am Samstag wurde die Strandpromenade wieder für Fußgänger zugänglich gemacht. Blumen erinnern an die Tragödie.

Die Promenade des Anglais war gut eineinhalb Tage nach dem Attentat in Nizza wieder komplett für Fußgänger geöffnet. Am frühen Samstagnachmittag wurden auch die Fahrbahn und die Fußgängerpassage zur Meerseite hin wieder geöffnet, auf der sich die schrecklichen Ereignisse am späten Donnerstagabend abgespielt hatten. Bereits am Freitagabend war die Straßenseite zur Innenstadt hin freigegeben worden. (APA, AFP, red, 16.7.2016)

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