Erinnerungen an Nizza: Wenn ich Zeit hätte

Userkommentar16. Juli 2016, 08:00
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Sondersendungen, Berichte, Analysen, Einschätzungen. Ich muss wissen, woher der Hass kommt, das Morden und der Wahnsinn, der die blaue Küste meiner Kindheit in einen Friedhof verwandelt hat

Wenn ich Zeit hätte, würde ich über die Sommer an der Côte d'Azur schreiben. Die Anfahrt von Klagenfurt aus. Jeden August, 15 Stunden zu dritt auf der Rückbank. Mit dem Walkman auf den Knien, dem sehnsüchtigen Blick nach draußen auf den Asphalt, dem Glücksgefühl, wenn das erste Blau des Meeres in der Ferne aufblitzte. Von der Fahrt an der Küste entlang, mit offenem Fenster, dem Salzgeruch in der Nase, der orangen Twinni-Hälfte in der Hand von der letzten Rast vor der Ankunft. Von den Palmen, der roten Erde und dem Meer.

Wenn ich Zeit hätte, würde ich vom Strand in Giens erzählen, von dem Zuckergebäck der arabischen Verkäufer, das wir uns geteilt haben. Und das nach Seife roch wegen des Lavendels, aber herrlich schmeckte. Von den fünf Franc, die wir dem Vater dafür abgebettelt haben, das sind zehn Schilling, sagte er dann und schnappte uns doch jedes Mal den ersten Bissen weg. Vom "Moules et frites"-Essen in Toulouse und von dem Viertel mit den kaputten Häusern, in das wir uns verirrt haben und aus dem uns die nette 80-jährige Bewohnerin freundlich, aber bestimmt wieder hinausgeleitet hat. "No, no, keine Touristen!", hat sie gesagt und ist mit uns den Weg zurückgegangen, schnaufend und mit wiegendem Schritt. Von dem Ausflug nach Marseille, der schönen, alten Dame im Kostüm, die meine Mutter in den Innenstadt ansprach, weil sie uns Deutsch reden hörte. Die einst vor den Nazis aus Österreich geflüchtet war und sich in Marseille nicht zu Hause fühlte, weil ihr die österreichischen Wälder fehlten, die aber auch niemals mehr zurückwollte, weil ihr die Österreicher nicht fehlten und der meine Mutter Wochen später eine Packung Mannerschnitten schickte. Wofür sie sich mit einer handgeschriebenen Karte bedankte, auf der sie sich mehrmals für die Unleserlichkeit entschuldigte, aber das Französisch-Schreiben hätte ihre Schrift ruiniert.

Lange Nächte

Wenn ich Zeit hätte, würde ich von den langen Nächten in Hyères, in Nizza und in Cannes berichten, von den Freunden aus den Nachbarbungalows, Jérôme und Guillaume aus Paris, Claudine und Denise aus Lyon, die wie alle französischen Kinder viel länger aufbleiben durften und allein unterwegs waren, die selbstbewusster und erwachsener wirkten als die Gleichaltrigen zu Hause in Kärnten. Denen wir uns heimlich anschlossen, um nachts um halb eins im Park der Wohnanlage grünes "Menthe à l'eau" zu trinken, dabei mit Händen und Füßen über Musik und Filme diskutierten, weil wir nur wenig Französisch und sie kein Englisch oder Deutsch sprachen. Und von Claude, dem Jungen, der den Pool reinigte, zu dem sie alle "Ali" sagten, weil seine Haut dunkel war und seine Haare schwarz, der nur ein bisschen älter war als wir, mit dem aber niemand spielte. "No, no", sagten Guillaume und Denise, und sie verzogen verächtlich ihr Gesicht, "mit so etwas" – nicht so jemandem – "reden wir nicht." Das war vor 25 Jahren.

Wenn ich Zeit hätte, würde ich von Bruno erzählen, der großen Urlaubsliebe aus einer kleinen Wohnung in den Pariser Vororten, die zwei Fenster hatte. "Vorne schaue ich auf den Friedhof", sagte er, "und hinten auf das Atomkraftwerk." Von den Kassetten mit französischem Hip-Hop, die ich mit ihm in seinem Auto hörte, NTM, IAM. Von den Texten, in denen es um Arbeitslosigkeit ging, das trostlose Leben in den Vororten und vor allem um Gewalt. Viel Gewalt. Gegen Jugendliche, gegen Polizisten, gegen Frauen. Von den Konzerten in den Vororten, die er besuchte, und den Freunden, die er dort hatte. Und den Verrückten, von denen er sprach, kopfschüttelnd, weil sie keine Musik hörten und ihre Frauen zwangen, sich zu verhüllen und keinen Alkohol tranken und Hip-Hop hassten. Und ihn und seine Freunde böse ansahen, wenn sie nachts nach den Konzerten feiernd durch die Straßen zogen. "Crazy", sagt er. Das war vor 20 Jahren.

Woher der Hass kommt

Wenn ich Zeit hätte, würde ich von der Flasche Meerwasser erzählen, die ich von der blauen Küste jedes Jahr mit nach Hause genommen habe. Von den Besuchen der Verwandten aus Nizza, die aus jeder einfachen Mahlzeit ein stundenlanges Festessen machen, von den Diskussionen und der Lebensfreude und dem Pragmatismus, den sie nach über 20 Jahren in Frankreich übernommen haben oder vielleicht schon immer hatten und sich daher dort sofort zu Hause gefühlt haben. Von der Gewissheit, dass es wieder Anschläge geben wird, von den Debatten über die Ursache, von der Spaltung der Gesellschaft und dem unbedingten Willen, ihr Leben kein bisschen zu ändern wegen der feigen Mörder. Kein Pardon! Von dem Foto, das sie heute geschickt haben, "in Nizza scheint die Sonne, aber wir weinen", haben sie geschrieben. Ein Schock, aber das Leben geht weiter.

Von all dem würde ich erzählen. Wenn ich Zeit hätte. Aber ich habe keine. Ich muss die Sondersendungen verfolgen, die deutschen und die französischen. Ich muss die Berichte lesen, die Analysen, die Einschätzungen der Lage. Ich muss mich durch Bücher wühlen, die der Soziologen, der Historiker und Psychologen und die der Romanautoren, die oftmals besser wissen, was in der Welt da draußen vor sich geht. Ich muss wissen, woher der Hass kommt, das Morden und der Wahnsinn, der die blaue Küste meiner Kindheit in einen Friedhof verwandelt hat. Und wenn ich es weiß, wenn ich den Grund dafür herausgefunden habe, dann können wir reden. Dann können wir von den Toten erzählen und von den Lebenden. (Barbara Kaufmann, 16.7.2016)

Barbara Kaufmann ist freie Journalistin und Filmemacherin. Blog: barbarakaufmann.wordpress.com

  • In Nizza wehen am Tag nach dem Anschlag die Flaggen auf halbmast.
    foto: afp/giuseppe cacace

    In Nizza wehen am Tag nach dem Anschlag die Flaggen auf halbmast.

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