So abstrakt können kleine Enten denken

Video15. Juli 2016, 18:33
8 Postings

Experimente zeigten, dass Prägung auf komplexen Denkvorgängen basiert. Küken orientieren sich demnach am Konzept der "Gleichheit"

Oxford/Wien – Laut eigener Aussage hatte Konrad Lorenz die erste Idee zu jener Entdeckung, die ihm später den Nobelpreis einbringen sollte, schon mit drei Jahren: Er hatte an frisch geschlüpften Entenküken beobachtet, dass sie sich in dieser ersten Zeit prägen ließen.

Im Normalfall ist ihr erstes Bezugsobjekt die Entenmutter, der sie fortan nachrennen. Es kann aber auch zu nicht ganz artgerechten Prägungen kommen, wie Konrad Lorenz Zeit seines Forscherlebens an vielen Enten und Gänsen durchexerziert hat: Der kleine Konrad wurde ebenso zur "Entenmutter" wie später seine grünen Gummistiefel, denen dann bedingungslos nachgewatschelt wurde.

Dass sich kleine Enten und andere Vögel in den ersten Minuten nach dem Schlüpfen visuelle Merkmale für ihr Leben merken können, ist Verhaltensforschern also längst bekannt. Unerforscht war bis jetzt jedoch, wie "abstrakt" Prägungen sein können.

Objektpaare als Ersatzmütter

Dieser Frage gingen Forscher um Alex Kacelnik (Universität Oxford) in Experimenten nach, bei denen sie frisch geschlüpfte Enten auf Kombinationen aus zwei Objekten prägten, die in Form und Farbe entweder gleich oder unterschiedlich waren. So bekam ein Entenküken etwa zwei gleichgroße blaue Kugeln als Bezugsobjekte, ein anderes ein Duo bestehend aus einer gelben und einer blauen Kugel. Ähnliches galt auch für Formen: Ein Jungtier wurde auf zwei gleiche Pyramiden geprägt, ein anderes auf einen Würfel und einen Quader (siehe Foto).

university of oxford
Video: Wie sich Entlein an den Konzepten "gleich" und "ungleich" orientieren.

In einem zweiten Schritt entzogen die Verhaltensforscher die geometrischen Mutterpaare und die Küken wurden vor die Wahl gestellt, einem anderen, ihnen unbekannten Objektpaar zu folgen. Dabei hatten sie jeweils zwei zur Auswahl: Jene Küken etwa, die auf zwei gleichgroße Kugeln geprägt worden waren, hatte die Wahl zwischen zwei gleichen Pyramiden und einem Gespann aus zwei unterschiedlichen Objekten.

Wie Kacelnik und Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten, orientierten sich die Entlein bei ihrer Wahl des neuen Bezugsobjekts nach einem ziemlich abstrakten Konzept, nämlich jenem von "gleich" und "ungleich", egal, ob es um Formen oder Farbkombinationen ging.

Für Kacelnik und seine Kollegen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass selbst die Prägung – eine der grundlegendsten Formen des Lernens – allem Anschein nach auf relativ komplexen Denkvorgängen basiert. Für Ed Wasserman, der die Studie in "Science" kommentierte, zeigt das Experiment dreierlei: Erstens sind Tiere, die wir für nicht sehr klug halten, zu ziemlich abstrakten Gedanken fähig, zweitens gilt das auch schon für Jungtiere. Und drittens brauchen sie für diese abstrakte und relationale Lernleistung nicht einmal besondere Anreize. (Klaus Taschwer, 15.7.2016)

  • Ein Entlein, das auf einen Kegel und einen Zylinder geprägt worden war, akzeptiert einen Quader und einen Würfel als "Ersatzmütter".
    foto: antone martinho

    Ein Entlein, das auf einen Kegel und einen Zylinder geprägt worden war, akzeptiert einen Quader und einen Würfel als "Ersatzmütter".

Share if you care.