Wachstums-Optimismus à la Peking

15. Juli 2016, 17:44
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Überkapazitäten seien reduziert, eine harte Landung abgewehrt, betont China. Doch Öl- und Erzimporte sprechen eine andere Sprache

Peking – Premier Li Keqiang gab seine Prognose für Chinas Wachstum vorab. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt würde sich im zweiten Quartal 2016 so gut behaupten können, wie sie es mit 6,7 Prozent Zuwachs im ersten Quartal tat. Li beruhigte so die nach dem Brexit nervösen europäischen Unternehmer und Brüssler Politiker am Rande des bilateralen EU-China Treffen in Peking. Am Freitag blieb dem Sprecher des Statistischen Amtes, Sheng Laiyun, nichts weiter übrig, als die Zahlen des Premier zu bestätigen: Das Nationalprodukt (BIP) stieg im Halbjahr 2016 um 6,7 Prozent. Insgesamt sei Chinas Wirtschaftsleistung "stabil", sagte er bei der Vorlage der Halbjahres-Statistik in Peking: "Wir machen überall Fortschritte." Eine harte Landung werde es nicht geben.

Wieder einmal behauptet Peking, sich von der verlangsamenden Weltwirtschaft abkoppeln zu können. Zwar machten deren Probleme, dazu noch der Brexit und ein "wachsender inländischer, wirtschaftlicher Abwärtsdruck" der Wirtschaft zu schaffen, sagte Sheng. Doch 6,7 Prozent Zuwachs seien eine "großartige Leistung". Im zweiten Quartal sei die Wirtschaft im Vergleich zu den ersten drei Monaten sogar um 1,8 Prozent stärker gewachsen. Die Industrieproduktion habe um sechs Prozent zugelegt. Im ersten Quartal waren es 5,8 Prozent.

"Neue Ökonomie"

Sheng nannte die Umstrukturierung der Wirtschaftsweise die Antriebskraft dafür. Alle Sparten der "neuen Ökonomie" von der Hightech-Industrie bis zum E-Kommerz würden im hohen zweistelligen Bereich zulegen. Der tertiäre Sektor (Dienstleistungen) wuchs im ersten Halbjahr mit 7,5 Prozent am Schnellsten. Sein Anteil am BIP stieg auf 54,1 Prozent, oder 1,8 Prozent mehr als im Halbjahr 2015. Auf Dienstleistungen entfallen auch die meisten der 7,17 Millionen neu geschaffenen Arbeitsplätze in den ersten sechs Monaten.

Auch Premier Li nahm den Ball seines Statistikchefs auf. In seiner Festrede vor über 40 Regierungschefs auf dem Asem-Gipfel im mongolischen Ulan Bator sagte er am Freitag, dass der "Strukturwandel nun zu neuem Wachstum" führen würde- Das zweite Quartal sei "besser ausgefallen, als wir es erwarteten.".

Zweifel an Zahlen

Doch Chinas weltweit angezweifelte statistische Zahlen spiegeln eine ausgewählte Wahrheit wieder. Denn das Wachstum ist nicht nachhaltig. Seit Anfang 2016 hat Peking mit Infrastrukturprojekten und Bauinvestitionen das Wirtschaftswachstum wieder künstlich angetrieben. Obwohl es im zweiten Quartal seine Interventionen abbremsen ließ, stiegen Anlageinvestitionen im ersten Halbjahr immer noch um neun Prozent. Dagegen legten private Investitionen nur um 2,8 Prozent zu.

Sheng sagte, dass private Investoren zu 50 Prozent in die Realwirtschaft investierten, die von Überkapazitäten und der Exportflaute geplagt ist. Weitere Gründe für ihre Probleme seien bürokratische Hindernisse, die ihnen den Zugang zu vielen Investitionsprojekten versperrten- Sie würden auch nur schwer Kredite bekommen.

Billig eingekaufte Rohstoffe

China hat Sheng zufolge im ersten Halbjahr Überkapazitäten in seinen traditionellen Industrien abgebaut, darunter ein Prozent des Rohstahls und 9,7 Prozent der Kohleförderung. Doch in den Halbjahreszahlen steht, dass China 494 Millionen Tonnen Eisenerz von Januar bis Juni importierte, oder 9,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Es führte auch 187 Millionen Tonnen Rohöl ein, 14,2 Prozent mehr. Mit den billig eingekauften Rohstoffen verschaffte sich das Land Vorteile für seine Exporte. Die EU-Führung hatte Peking gerade erst dafür kritisiert, die Stahlausfuhren nach Europa im ersten Quartal 2016 zweistellig zu steigern und um mehr als 30 Prozent billiger zu verkaufen.

Zum angeblich stabilen Wachstum passen auch nicht die eingebrochenen Außenhandelszahlen, bei denen das Handelsvolumen im ersten Halbjahr um 3,3 Prozent abnahm, wobei die Importe um 4,7 Prozent und die Exporte um 2,1 Prozent fielen. Aus dem statistischen Zahlenwerk geht auch nicht hervor, wie sich die extreme Verschuldung chinesischer Regionen und Unternehmen, die selbst die Akademie der Sozialwissenschaften alarmierend nennt, auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. (Johnny Erling aus Peking, 15.7.2016)

  • Auf dem asiatisch-europäischen Gipfel (Asem) in Ulan Bator versuchte Chinas Premier Li Keqiang Zweifel über das chinesische Wirtschaftswachstum zu zerstreuen.
    foto: afp / wu hong

    Auf dem asiatisch-europäischen Gipfel (Asem) in Ulan Bator versuchte Chinas Premier Li Keqiang Zweifel über das chinesische Wirtschaftswachstum zu zerstreuen.

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