Carinthischer Sommer: Inszenierung mit (zu) leisen Klangwölkchen

15. Juli 2016, 14:56
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Am Donnerstag hat das Festival unter neuer Intendanz mit einer Uraufführung eröffnet

Ossiach – Alles neu. Kein Begrüßungsständchen der Kärntner Militärmusikkapelle vorm Stift; kein Bundespräsident Heinz Fischer, der aufgeräumt ein paar Takte dirigiert und später das Festival eröffnet. Und auch kein von der Kärntner Politik deprimierter Intendant, der sich, wie er einem Mitarbeiter einmal zuraunte, beim Eröffnungstrara am liebsten durch eine Pappfigur ersetzen ließe.

Stattdessen fetzige Brass Boys und das Horn Consort Oberschützen, E und U, Pop und Rag, Klassik und Moderne: ein Vorgeschmack darauf, wie sich der neue, gut gelaunte CS-Intendant Holger Bleck sein Festivalglück ausmalt: nicht elitär, wie Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ), der in Ermangelung eines Bundespräsidenten den Carinthischen Sommer eröffnete, zufrieden feststellte.

Den Weg zu Blecks CS-Motto "Zum Paradies" wies Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, als Reiseleiterin durch die Gärten Eden der Religionen und Künste.

VP-Kulturlandesrat Christoph Benger verortete den CS geradezu euphorisch als "regionalen Kulturnahversorger". Mit Bleck – übrigens gebürtiger Deutscher – werde das Festival noch kärntnerischer: "Ganz Kärnten möge Bühne für den CS sein." In einem Nebensatz ließ Benger dann ein Bömbchen platzen: Die Kirchenoper könne künftig auch in die Basilika St. Andrä übersiedeln. Gottfried von Einems 1980 für Ossiach komponierte Kirchenoper Jesu Hochzeit durfte damals gar nicht – und heuer nur im Stiftshof statt in der Kirche aufgeführt werden.

Der Wettergott jedenfalls zeigte sich den Eröffnungsplänen gegenüber gnädig: kein Regen, kein Donner, nur reichlich frischer Wind. Bleck machte, als Fest für Einheimische wie Touristen, den See zur Bühne für die Uraufführung von Renald Deppes Wassermusik. Tatsächlich gab es bei eher frostigen Temperaturen eine betörende Kulisse aus aufgewühltem See, schattenrissigen Bergen, hell erleuchteten Schiffen und, zum Abschluss, von einem Boot gezogen und von Flammen geschrieben, dem Wort Paradies. Alles sehr stimmig.

Nur: Dazwischen fiel überraschend wenig Klang aus der Wolke, die da über dem Ossiacher See hätte schweben und schwirren und surren sollen. Je nach Steh-, Schau- und Hörposition waren die Summstimmen des 250-köpfigen Chors am Ossiacher Ufer wie vom Winde verweht. Die 180 Bläser auf den beiden Dampfern Ossiach und Villach, die einer genauen Choreografie folgend über den See schaukelten, haben die Luftdistanzen nicht derblasen. Und auch die Schlagzeuger auf den zwei Flößen werkten für viele eher unerhört. Weithin vernehmbar waren nur die zu Musikinstrumenten umfunktionierten Folgetonhörner der acht Feuerwehrautos auf der Bodensdorfer Seite.

Deppes sphärische Wassermusik hätte sich deutlich mehr Gehör verdient. Anregung fürs nächste Mal: Verstärker wären keine schlechte Investition! Doch die Idee zählt fürs Werk. Und die Idee war gut, ebenso wie der Wille zu einer bezaubernden Inszenierung mit (zu) leisem Klangwölkchen.

Und die Zuschauer? Irritiert. Erstaunt. Und gut gelaunt. Ist ja schon einmal ein guter Anfang. (Andrea Schurian, 15.7.2016)

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