Ketamin: Eine Partydroge wird zum Medikament

16. Juli 2016, 10:00
102 Postings

Bei der Behandlung von Depressionen rückt das glutamaterge System des Gehirns in den Mittelpunkt – ein Nasenspray als Antidepressivum ist in Entwicklung

Wien – Die Frage, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, kann philosophisch und somit endlos betrachtet werden. Eine Alternative ist die biologische Sicht auf die Dinge. Demnach ist der Mensch die Summe aller auf ihn einwirkenden Sinneseindrücke. Das, was jeder Einzelne im Laufe eines Lebens sieht, hört, schmeckt, fühlt, tastet und riecht, bestimmt das Selbst. Wahrnehmung und Gedächtnis: Zwischen diesen beiden Größen besteht eine Wechselwirkung, und das Gehirn ist die Schaltzentrale. "Wir haben es mit einem hoch komplexen System zu tun, das wir noch viel zu wenig kennen", sagt Husseini Manji, Leiter der Forschungsabteilung für Neuroscience beim Pharmakonzern Janssen.

Was genau passiert, wenn die Synapsen im Gehirn die einströmenden Eindrücke plötzlich anders verarbeiten? Das ist die entscheidende Frage für viele psychische Erkrankungen. Auch bei Depression.

Allein 800.000 Patienten leben in Österreich mit dieser Diagnose. Je besser man die neurobiologischen Voraussetzungen versteht, umso eher kann es gelingen, sie zu beeinflussen. "Genetik und Umwelt stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Wir denken, dass es verschiedene Arten von Depressionen gibt, sie voneinander zu unterscheiden, ist ein wichtiges Ziel", so Manji.

Etablierte Antidepressiva

Derzeit gibt es zwei medikamentöse Standardtherapien für Patienten mit Depressionen: die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die auf den Neurotransmitter Serotonin wirken, und die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Beide reaktivieren das Feedbacksystem der Synapsen. Allein: Bei etwa 30 Prozent der Patienten sind diese Medikamente wirkungslos. "Es gibt unterschiedliche Regulierungsmechanismen im Gehirn", sagt Manji. Mit dem neuen Medikament Esketamine versucht man, die Depression über das glutamaterge System der Nervenzellen positiv zu beeinflussen. Das Besondere an Esketamine: Dieses Antidepressivum ist keine Tablette, sondern ein Nasenspray.

"Die Wirkung ist unmittelbar, die Situation verbessert sich innerhalb einer Stunde", berichtet Siegfried Kasper, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie an der Med-Uni Wien, wo die klinische Studie zu diesem neuen Medikament läuft. Rund 400 Teilnehmer mit schweren Depressionen, bei denen die etablierten Therapien nicht gewirkt haben, sind beteiligt und werden im Rahmen der Studie minutiös auch auf ihre genetische Prädisposition bzw. die psychopathologische Ausformung ihrer Erkrankung untersucht. "Wir wollen in der Psychiatrie exakter als bisher vorhersagen können, welches Medikament bei welchem Patienten hilft", sagt Kasper und nennt es Präzisionsmedizin.

Wahrnehmung verändert

Die Darreichungsform als Nasenspray ist neu, der Wirkstoff Ketamin an sich allerdings nicht. Auf der Suche nach Narkosemitteln hatte der Chemiker Calvin L. Stevens die Substanz 1962 erstmals in den USA synthetisiert und im Selbstversuch ihre dissoziative Wirkung entdeckt. Darunter versteht man eine Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten, was wiederum auf das Erleben der eigenen Identität Einfluss hat.

In dieser Funktion wurde das ursprünglich als Anästhetikum entwickelte Medikament als Partydroge missbraucht. Bei lauter Musik und Tanz verschwammen auf "Special K" Traum und Wirklichkeit, ein Effekt, der als Verschmelzung mit der Umgebung beschrieben wurde, allerdings nicht selten in Wahngedanken, Delir und Verwirrtheit abdriftete.

Die zuständigen Schaltstellen im Gehirn sind die NDMA-Rezeptoren des glutamatergen Systems, die die Öffnung der Ionenkanäle in den Zellmembranen der Synapsen regulieren. Wenn dieses System gestört und Glutamin erhöht ist, so die Hypothese, könnte der neue Nasenspray von Janssen zur Reduktion eingesetzt werden.

Neue therapeutische Schiene

Die Hindernisse: das Suchtpotenzial – der Nasenspray darf nur unter ärztlicher Aufsicht verabreicht werden – und die Dosierung. "Für suizidgefährdete Patienten mit Depressionen hatten wir in der Psychiatrie bisher keine rasch wirksamen Medikamente, die etablierten Therapien wirken alle erst nach einigen Wochen", so Kasper. Ketamin als Nasenspray ließe sich im Gegensatz zu den Tabletten, die erst durch Leber und Darm geschleust werden müssen, exakter dosieren, so die Hypothese.

Die Ergebnisse der international durchgeführten Studie werden für 2017 erwartet. Kasper, seit 40 Jahren in der Psychiatrie, ist optimistisch, dass die Erforschung des glutamatergen Systems für Patienten mit psychischen Erkrankungen neue therapeutische Optionen eröffnen könnte. (Karin Pollack, 16.7.2016)

  • Beim Musikgenuss mit der Welt verschmelzen: Auf Raves in den 1980er-Jahren verrückte Ketamin, als Droge eingenommen, die Wahrnehmung, vielleicht könnte der Wirkstoff auch Depressionen lindern.
    foto: reuters

    Beim Musikgenuss mit der Welt verschmelzen: Auf Raves in den 1980er-Jahren verrückte Ketamin, als Droge eingenommen, die Wahrnehmung, vielleicht könnte der Wirkstoff auch Depressionen lindern.

Share if you care.