Terrorexperte: "Werden nicht in der Lage sein, Tatmittel einzugrenzen"

16. Juli 2016, 18:10
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Vor allem Einzeltäter werden künftig für einen Anschlag jene Mittel wählen, zu denen sie Zugang haben und die maximalen Schaden anrichten

Wien – Der Anschlag in Nizza ist nicht der erste in Europa, bei dem ein Kraftfahrzeug als Tatwaffe benutzt wurde. Im Juli 2007 durchbrachen zwei Männer in einem Geländewagen die Glastüren des Flughafens in Glasgow, kamen aber knapp vor einer Schlange wartender Passagiere zu stehen. In der Zukunft erwarten Experten jedoch, dass Terroristen auch andere Mittel für Attentate einsetzen.

Etwa Wolfgang Bachler, ehemaliger Chef der Sondereinheit Cobra und seit zwölf Jahren Inhaber einer international tätigen Firma, die Sicherheitsberatungen für Unternehmen anbietet. "Wir werden nicht in der Lage sein, die Tatmittel einzugrenzen", ist er überzeugt. Denn speziell Einzeltäter würden jene wählen, zu denen sie Zugang haben und von denen sie sich den maximalen Schaden erwarten.

Und "Lone Wolves" werden wohl verstärkt in Aktion treten, ist Bachler überzeugt. "Wir haben mittlerweile eine ganz spezielle Form des Terrorismus, eine Art Franchisesystem. Alleine in Frankreich rechnet man mit etwa 5.000 Gefährdern." Nicht alle von ihnen seien direkt mit Terrororganisationen wie dem "Islamischen Staat" in Verbindung. "Die hängen sich das teils auch als Deckmäntelchen um und haben ganz andere Motive, etwa Wut wegen ihrer Perspektivenlosigkeit."

Begrenzte Abwehrmöglichkeiten

Die polizeilichen Abwehrmöglichkeiten seien in diesen Fällen begrenzt, da der Modus Operandi nicht vorherzusagen sei. Für den Unternehmer gibt es nur vier Möglichkeiten. Erstens eine verstärkte Polizeipräsenz, denn bei der Wahl der Anschlagsorte gibt es Gemeinsamkeiten: Es sind bevorzugt Groß-, Weich- und Symbolziele. Dazu sei die verstärkte Zusammenarbeit von Geheimdiensten einerseits und Polizei andererseits notwendig. Und schließlich Antiradikalisierungsarbeit, die allerdings nur mittel- bis langfristig wirksam werden könne.

Auch Karl-Heinz Grundböck, als Sprecher des Innenministeriums auch der des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, sieht die Gefahr von Einzeltätern. "Eine hierarchische Gruppierung muss mehr kommunizieren, das erhöht die Möglichkeit für die Behörden auf Hinweise. Wenn es wenig bis keine Kommunikation gibt, ist diese Möglichkeit natürlich sehr klein."

"Es gibt kein definiertes Ziel mehr"

Auch der Schutz der Bevölkerung sei schwieriger. "Es gibt kein definiertes Ziel mehr, es ist das freie Leben an sich." Der Terror der Rote-Armee-Fraktion habe sich in den 70er- und 80er-Jahren beispielsweise primär gegen Menschen gerichtet, die von der Gruppe als Vertreter des kapitalistischen Systems angesehen wurden. In Österreich richteten sich die Briefbomben- und Sprengstoffanschläge von Franz Fuchs gegen Personen, die mit dem Thema "Fremde" zu tun hatten.

Welche Methoden für einen Anschlag gewählt werden, hänge von den Fähigkeiten der Angreifer ab, meint ein weiterer internationaler Polizeiexperte, der nicht genannt werden möchte. Den Einsatz von Fahrzeugen habe der IS seinen Anhängern schon vor geraumer Zeit "empfohlen". Die Herstellung von Sprengstoff scheint den Attentätern zumindest in Europa schwererzufallen, erst recht jene von chemischen oder biologischen Waffen. (Michael Möseneder, 16.7.2016)

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