Toyota Prius: Der Millionär unter den Ökotypen

21. Juli 2016, 11:39
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Der Toyota Prius gilt als Pionier. Er hat den Trend zu alternativen Antrieben im Auto entscheidend mit angestoßen und sich seit 1997 millionenfach verkauft. Wir haben uns die vierte Generation genauer angesehen.

Wien – Jaja, zugegeben. Manchmal muss man seine Meinung revidieren. Die Welt ist eben ständig im Wandel. Zum Prius hatten wir bisher abgespeichert: in der Stadt vorbildlich sparsam, außerhalb bei flotter Fahrt weniger – und nervig. In Summe ein erstklassiger Marketingerfolg. Toyota hat es geschafft, sich mit dem Prius ein makelloses Image zuzulegen, das des Öko-Champions unter den Autoherstellern. Ganz nebenbei wurden auch die Vorarbeiten zum Umstieg auf immer stärkere Elektrifizierung geleistet, bis hin zum Einsatz von Wasserstoff.

foto: andreas stockinger
Beim Design setzt der Prius weiter auf Fließheck. Ein Ansatz, den schon Honda beim (nicht mehr erhältlichen) Insight übernommen hatte und auf den nun auch der Hyundai Ioniq setzt. Im Detail gibt sich der Prius aber progressiver als bisher.

Nach der Begegnung mit Generation vier bleiben zwar ein paar alte Speicherplätze auf der zerebralen Festplatte belegt, aber auf reduziertem Niveau. Denn dies ist der erste Prius, der sich auch überland probat fährt und anhört. Bisher sorgte er vollbesetzt auf der Autobahn mitunter zum Phänomen des Fremdschämens am Volant. Dieses enervierende Mimimi beim Hochdrehen und anhaltend bei hohem Tempo, das sich anhörte, als würde ein schlechter Bariton die Stimmbänder aufwärmen: endlich weg. Naja, weitgehend.

Weniger Leistung, aber...

Bei starken Steigungen und beim Draufbleib-Kickdown hört man noch, woher der Prius kam. Das ist aber inzwischen vertretbar – und auch die Leistungsentfaltung. Optimierung im Detail, da sind die Japaner Großmeister. Obwohl sich die Systemleistung gegenüber dem Vorgänger von 136 auf 122 PS reduzierte, entlockten Verbrennungs- und Elektromotor dem CVT-Getriebe viel weniger genervten akustischen Kommentar als bisher. Die brandneue Plattform TNGA hat richtig Potenzial.

foto: andreas stockinger

Das Antriebstranggesamtpaket besteht aus einem 98-PS-Benziner, einem 71-PS-E-Motor/Generator und einer altbewährten Nickel-Metallhydrid-Batterie. Wurde bisher viele Millionen Mal verbaut und kostet vermutlich einen Bettel gegenüber den groß in Mode gekommenen Lithium-Ionen-Batterien (oder Lithium-Ionen-Polymer, womit die Koreaner vorpreschen). Toyota ist halt nicht nur der weltgrößter Autobauer, sondern auch hochprofitabel.

Sechslitermarke

Wo waren wir? Antrieb. Bei 5,1 l / 100 km hatten wir den Prius übernommen, innerstädtisch lagen wir meist auf 4,6 Liter, und nach 500 km Autobahn bei Tempo 160 km/h wurde der Bordcomputer nervös: Mit 5,8 l / 100 km rückten wir der Sechslitermarke nahe, vermutlich weiß der Rechner gar nicht, wie man "6" vor dem Komma schreibt. Ernsthaft: Das ist ein richtig sparsames Auto, mittlerweile sind ihm auch außerstädtisch die Diesel nicht mehr haushoch überlegen, sondern allenfalls ebenbürtig.

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Im Fahrkapitel offen wären noch Lenkung und Fahrwerk. Ad Lenkung: Dass sie sich sommers rasch klebrig anfühlt, sollte nicht sein. Und sie wirkt immer noch etwas schwammig, aber besser als bisher, weniger synthetisch, näher am echten Straßengeschehen, womit wir bei der Zielgruppe sind: Cand.Bund.Präs. Alexander Van der Bellen wäre im Prius gut vorstellbar. Oder prinzipiell: öko-interessierte Menschen. Dort geht es mitunter eher um ideologische Bekenntnisse als um automotives Tiefenwissen; auch sind sie eher als Gleiter denn als Hetzer beleumundet, kurz: Der Prius passt bestens zu dieser Klientel – er überzeugt neuerdings aber sogar Autokenner.

Komfortables Poltern

Ähnlich beim Fahrwerk. Klar, das ist kein Sportwagen, sondern ein komfortabel gefedertes Auto, und poltert es bei kurzen Stößen: meine Güte, geschenkt.

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Im Prius gibt es feinere Materiaien als bisher, das Mäusekino in der Mitte ignoriert man am besten per Head-up-Display.

Innen war dürftige Materialanmutung häufig ein Kritikpunkt. Prius IV. übt sich immer noch in Bescheidenheit, aber auf höherem Niveau. Die Instrumente sind nach wie vor alles andere als gut ablesbar und in Fahrzeugmitte in einem Mäusekino untergebracht – entschärft wird dieser Umstand durch das Head-up-Display. Und der Spoiler-Balken hinten schneidet die Rücksicht in zwei Hälften, das war und ist Nonsens, wird beim Parken aber gemildert durch die Rückfahrkamera.

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Der Heckspoiler beeinträchtigt weiterhin die Sicht nach hinten.

Vier bis fünf Menschen finden Platz in diesem Toyota, der in Kalifornien Kultstatus genießt. Die vorderen Insassen haben keinerlei Grund zum Jammern, die nach hinten müssen, pumpern gern mit dem Kopf oben an – wegen des Fließheckdesigns, und apropos Design: progressiver als bisher.

Maximale Harmonie

Auffällig, dass Toyota trotz Prius Plug-in in der Massenfertigung stur auf Vollhybrid beharrt. Plug-in, wie heute von fast allen Herstellern favorisiert? Interessiert uns nicht. Daheim aufladen und innerstädtisch elektrisch mobil? Kommt mir nicht damit. Elektrisch fahren wir nur auf kürzesten Strecken, beim Anfahren, in der Parkgarage. Der Rest der Weisheit liegt in maximaler Harmonie zwischen Verbrenner, E-Motor, Batterie. Yin und Yang im Autobau. Angesichts des (Verbrauchs-)Ergebnisses gibt es für diese Philosophie gute Gründe. Und man revidiert gern seine Meinung. (Andreas Stockinger, 21.7.2016)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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