Ein Meister der postmodernen Ironie

14. Juli 2016, 22:22
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Péter Esterházy hat mit Wortwitz und Intellekt einen völlig neuen Wind in die ungarische Literatur gebracht. Seine großes Thema war die Geschichte Mitteleuropas, an die er eigenwillig heranging. Nun ist er mit 66 Jahren an Krebs gestorben

Péter Esterházy, von dem sein Landsmann Imre Kertész einmal sagte, er sei wie ein Frühlingswind in die im Frost des sozialistischen Realismus erstarrte ungarische Literatur eingebrochen, vereinigte viele Qualitäten in einer Person. Witz, Wendigkeit, Eigensinn, Menschenfreundlichkeit, Intellekt, Selbstironie, ästhetische Radikalität, und zuweilen ist das Werk des profunden Fußballkenners und Wortdribblers auch von einer feinen Ironie durchzogen.

Schon mit Erscheinen seines ersten Buches "Fancsikó und Pinta. Geschichten, auf ein Stück Schnur gefädelt" (1976), einer Sammlung von Prosatexten, war klar, dass hier einer die literarische Bühne betreten hatte, der mit Überkommenem brach, einer, der es ernst meinte und der noch zu reden geben würde.

Drei Dutzend Prosabände

Von Buch zu Buch – insgesamt hat Esterházy drei Dutzend Prosabände und fünf Theaterstücke geschrieben – festigte der Autor seinen Ruf, mit Péter Nádas und dem Nobelpreisträger Imre Kertész zu jener nicht allzu dicht gesäten stilschaffenden postmodernen Generation der zeitgenössischen ungarischen Prosa zu gehören, die eine radikale Wende in der herkömmlichen Literaturauffassung herbeiführte. Und es dauerte nicht lange, bis seine in kurzen Abständen publizierten Bücher besondere, zugleich aber immer auch umstrittene Ereignisse im literarischen Leben Ungarns wurden.

Im deutschen Sprachraum gelang Esterházy, der einmal sagte, jeder sei ein Geschichtenerzähler, zuweilen aber sei der Ton wichtiger als die Geschichte, der Durchbruch vor allem mit dem Roman "Eine Frau" (1995) und seinem Opus magnum "Harmonia Caelestis" (2000), in dem er Teile seiner nicht unkomplizierten Familiengeschichte verarbeitete.

1950 in Budapest in eine ehemals gräfliche Familie geboren, die zu den ältesten und vermögendsten der ungarischen Aristokratie gehörte – sein Großvater war noch Großgrundbesitzer und 1917/18 Ministerpräsident Ungarns gewesen –, wurde die Familie nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 und 1951 in ein entlegenes kleines Dorf deportiert, wo sie unter miserablen Verhältnissen lebte. Wie die meisten verbliebenen Aristokraten hätte die Familie während der Revolution 1956 das Land verlassen können, doch das Ehepaar Esterházy hielt mit seinen vier Kindern aus.

So absolvierte Péter Esterházy das Gymnasium bei den Budapester Piaristen, studierte anschließend Mathematik, um dann nach einem kurzen Abstecher als Systemadministrator im Institut für Datenverarbeitung im Ministerium für Hütten- und Maschinenbauindustrie 1978 endgültig den Beruf des Schriftstellers zu wählen, in dem man ein Leben lang Anfänger bleibt.

Klassenfeinde

Dass die Eltern als Klassenfeinde galten und seiner Familie Besitz und Macht abhandenkamen, bezeichnete Esterházy in einigen Interviews als Glücksfall, dadurch sei ihm die Rebellion gegen die Vorfahren erspart geblieben. Also setzte er den Altvorderen in "Harmonia Caelestis" ein ironisches Denkmal. Die zentrale Figur des biologischen Erzeugers spaltet Esterházy allerdings in dem ebenso als Parabel auf die ungarische Geschichte lesbaren Roman in zahlreiche historische Väter auf, die alle "Meinvater" heißen. Kurz nach Erscheinen des Romans stellt sich heraus, dass sein damals schon verstorbener Vater Spitzel des kommunistischen Geheimdiensts gewesen war, was der Autor postwendend in "Verbesserte Ausgabe" verarbeitete.

Dass Péter Esterházy ein unglaublich gebildeter Autor war, zeigte er in vielen Büchern, am meisten vielleicht in seinem mit Dezső Kosztolányis Buch "Ein Held seiner Zeit. Die Bekenntnisse des Esti Kornél" parallelgeschnittenem Roman "Esti" (2013), in dem er sich Kosztolányis Helden borgt und ihn mit sich selbst verdoppelt. Trotz aller Absage an die Linearität zeigt dieser Roman, dass dieser Autor eben auch ein begnadeter Erzähler war, der, wie die "Welt" schreibt, die Geschichte der Welt "auf Anekdotengröße" hinunterzurechnen vermöge.

"Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt", heißt es in "Harmonia Caelestis". Man kann diesen Satz als poetisches Programm eines Werkes lesen, das ebenso ungarisch wie europäisch ist – und auch österreichisch, denn die Geschichte dieses Landes empfand Péter Esterházy naturgemäß als eng mit seiner Heimat verknüpft.

In den letzten Jahren war dem Autor oft vorgeworfen worden, sich nicht deutlich genug zu den politischen Zuständen in Ungarn zu äußern, dazu hatte er keine Kraft und wohl auch keine Lust mehr. Péter Esterházys Werk ist – wenn auch nicht immer offensichtlich -durchzogen von der Auseinandersetzung mit den politischen Zuständen. Nicht nur denen in Ungarn.

Péter Esterházy erlag am Mittwoch 66-jährig einem Bauchspeicheldrüsenkrebs, den er zuvor in seinem neuesten Buch "A bünös" (Der Schuldige) thematisiert hat. (Stefan Gmünder, 14.7.2016)

  • Péter Esterházy bei der Turiner Buchmesse,  Mai 2013
    foto: apa/epa/alessandro di marco

    Péter Esterházy bei der Turiner Buchmesse, Mai 2013

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