Rundschau: Weltraumoper in zwölf Akten

Ansichtssache10. September 2016, 10:00
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coverfoto: books on demand

Uwe Post, Frank Lauenroth, Niklas Peinecke, Frederic Brake, Merlin Thomas, Uwe Hermann & Christian Weis: "Biom Alpha: Die Ankunft"

Broschiert, 348 Seiten, € 10,30, Books on Demand 2016

Ursprünglich einzeln veröffentlichte Episoden, die sich im Sammelband zum Roman fügen, sind anscheinend das Leitmotiv dieser Rundschau – nicht, dass ich es so geplant hätte. Dass trotz Magazinsterbens das Kurzformat, insbesondere die Novelle – mein persönliches Lieblingsformat – wieder gedeiht, liegt an der Veröffentlichungsmöglichkeit als E-Books. Auf dem englischsprachigen Markt funktioniert das in manchen Genres bereits hervorragend. Auf dem deutschsprachigen hingegen sind die LeserInnen damit noch nicht so ganz warm geworden.

Dem ist mit "Biom Alpha" auch eine SF-Serie zum Opfer gefallen, die im Herbst 2015 beim Wurdack-Verlag begann und nach drei Folgen schon wieder eingestellt wurde. Diesen schnellen Tod wollte das Autorenteam um Uwe Post aber nicht so einfach hinnehmen. Deshalb bringen die sieben Autoren die Serie nun in Eigenregie heraus, sowohl in Print- als auch in E-Version, drei Episoden pro Band. Und ihrer Meinung, dass "Biom Alpha" ein Weiterleben verdient, schließe ich mich nach der Lektüre an: Ich fand das Buch um einiges überzeugender als die beiden anderen deutschsprachigen Originalveröffentlichungen in dieser Rundschau. Und die sind ironischerweise bei großen Verlagen untergekommen.

Worum es geht

Ausgangspunkt der Handlung ist eine Flotte riesiger außerirdischer Raumschiffe, die eines Tages – wir schreiben das Jahr 2025 – im Sonnensystem einschwebt. Schubladistisch betrachtet, müsste man "Biom Alpha" also unter First-Contact-Geschichten subsumieren, auch wenn diese hier einen etwas eigenwilligeren Verlauf nimmt, als es meistens der Fall ist. Am ehesten könnte man sich das folgende Szenario – die Autoren werden entsetzt aufkreischen, wenn sie das jetzt lesen – wie ein Prequel zur TV-Serie "Defiance" vorstellen; allerdings mit deutlich originellerer Biologie.

Der Exobiospaß macht auch gleich den Auftakt, denn die Geschichte beginnt nicht wie zumeist auf der Seite der Menschen, die ins All hinausgucken und vom Stuhl kippen, als sie plötzlich tatsächlich etwas sehen. Nein, die erste Episode setzt an Bord eines der Besucherschiffe ein, auf denen offenbar die verschiedensten intelligenten und halbintelligenten Spezies ein exotisches Ökosystem bilden. Zur ersten Hauptfigur wird ein Pflanzenwesen, das aus seiner seligen Wurzelruh aufgeschreckt wird und dem nächsten greifbaren Tier einen symbiotischen Schössling aufpfropft, damit der nachschauen gehen kann, was Sache ist. Der Wechsel des Symbionten von Wirt zu Wirt wird ziemlich turbulent ablaufen – ein vielversprechender Beginn.

Meanwhile on Earth

Derweil tut sich auf der Erde auch so einiges. Die US-Astronomin April Reignar etwa musste gerade erfahren, dass die NASA das Budget für ihr kleines Observatorium gestrichen hat. Wissenschaft hat es nicht leicht in Zeiten, da die USA unter einer fundamentalchristlichen Regierung neuausgerichtet wurden und selbst eine Ärztin im Krankenhaus die Macht des Gebets empfiehlt. Aprils Retter in der Stunde der Verzweiflung naht in Form des Amateurastronomen Jimmy MacPeale, der als bislang einziger die Alien-Flotte entdeckt hat. Jimmy ist einerseits stinkreich (April frohlockt), andererseits etwas asexuell (April seufzt enttäuscht). Zusammen wollen sie die Entdeckung des Jahrtausends öffentlich machen – was jedoch zum Beginn eines unverhofften Abenteuers gerät.

Auch der deutsche Reporter Marten Karnau findet sich in Turbulenzen wieder, nachdem er ein paar UFOlogen interviewt hat. Dass deren Fotos von seltsamen Pflanzen im brasilianischen Regenwald ausnahmsweise kein Hoax sind, wissen wir LeserInnen bereits – Marten muss es erst auf die harte Tour herausfinden. Schon zu diesem Zeitpunkt sind diverse undurchsichtige Handlangertrupps unterwegs, die den Hauptfiguren das Leben schwer machen: von der Homeland Security über den BND bis zu den Schergen einer skrupellosen Ärztin, die in Brasilien Menschenversuche mit besagten Pflanzen durchführt.

Rascher, nahtloser Wechsel

Speziell diese erste Episode mit dem Titel "Aus den Tiefen des Kosmos" kommt extrem dicht gepackt daher: Bei einer Handlung, die in kurze Einheiten gegliedert ist, switchen wir von Schauplatz zu Schauplatz und von Figur zu Figur und müssen uns erst mal zurechtfinden; Langeweile ausgeschlossen.

Nichtsdestotrotz – und auch trotz der großen Anzahl an Autoren – kommt das Ganze wie aus einem Guss daher. Ich habe zu raten versucht, welche Textpassagen von welchem Autor stammen. Und dann auf meine Anfrage hin einige Überraschungen erlebt – denn normalerweise dürfte es kaum möglich sein, Niklas Peinecke mit Uwe Post zu verwechseln (genau genommen kann man niemanden auf der Welt mit Uwe Post verwechseln ...). Aber das spricht für das Redigat des Autorenkollektivs, das alle Beteiligten auf Linie gehalten hat. Natürlich könnte man ein Shared Universe auch mit stärkeren individuellen Unterschieden gestalten. Aber wenn sich die Texte von sieben Autoren zu einer Novelle und deren drei jeweils zu einem Roman ergänzen sollen, dann ist es durchaus im Interesse des Leseflusses, wenn es nicht alle paar Seiten zu einem Stilbruch kommt.

Ein Durcheinander wie das echte Leben

Mit Episode 2 erhöht sich die Zahl der handlungsrelevanten Figuren noch einmal: Auf der Erde trudeln nämlich die ersten Gäste ein. Im afrikanischen Fantasiestaat Mutumba etwa landen die vierarmigen Olakaner, die sich aus der Vielvölker-Flotte abgesetzt haben. Krieger sind sie, soll heißen: plündernde und serienmordende Barbaren, die natürlich einen "Ehrenkodex" haben. Und in Deutschland und Kanada zeichnet sich eine Art Bio-Invasion durch vierflügelige Vögel ab. (Wer auch immer von den Autoren sich die Mini-Episode um das Taubenvatterl ausgedacht hat: Glückwunsch!)

Die Lage wird also unübersichtlicher. Während in den meisten handelsüblichen First-Contact-Geschichten die Aliens als monolithischer Block rüberkommen, der eine einzige Zielsetzung hat (man fragt sich stets nur, welche), laufen hier die Interessen offenbar weit auseinander: Ein Teil der Besucher scheint bloß freundschaftlichen Kontakt im Vorbeiflug pflegen zu wollen, während andere Eroberungsgelüste hegen – und wieder andere einen Asylantrag(!) stellen.

Dass sich kein Masterplan "der" Aliens abzeichnen will, wirkt ungewohnt, aber eigentlich gar nicht so unplausibel. Nicht zuletzt deshalb, weil es die nicht minder divergierenden Interessen "der" Menschheit widerspiegelt: Es gab so viele Fragen: Was für Absichten hatten die Besucher? Welche Konsequenzen ergaben sich für die Menschen? Für die Weltwirtschaft? Für die Religionen? Wer würde es als Erstes schaffen, einen Werbevertrag mit einem der Besucher abzuschließen? – Antworten auf zumindest einige dieser Fragen liefert hoffentlich der noch im Herbst erscheinende zweite Band, der mit seinen drei Episoden zugleich die "erste Staffel" von "Biom Alpha" abschließen soll. Man darf gespannt sein.

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