Rundschau: Weltraumoper in zwölf Akten

Ansichtssache10. September 2016, 10:00
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coverfoto: tachyon publications

Lavie Tidhar: "Central Station"

Broschiert, 275 Seiten, Tachyon Publications 2016

Die Empfehlung des Monats betrifft einen der interessantesten Phantastikautoren unserer Tage, den Israeli Lavie Tidhar; seit Jahren Stammgast in der Rundschau. Über die Grenzen des Genres hinaus bekannt wurde er mit seinen Alternativweltgeschichten "Osama" (mit Bin Laden als Groschenromanheld) und "A Man Lies Dreaming" (mit Hitler als Privatdetektiv). Schon davor hatte Tidhar seinen Claim in den verschiedensten Subgenres der Phantastik abgesteckt, von Fantasy bis Science Fiction (siehe etwa "Cloud Permutations" & "Gorel and the Pot-bellied God").

Zwischen all seinen Novellen und Romanen (der nächste kommt bereits im Oktober und wird sich um Sherlock Holmes drehen) hat der fleißige Autor zudem eine ganze Reihe von Kurzgeschichten mit einem gemeinsamen Schauplatz veröffentlicht: Central Station, dem Weltraumbahnhof von Tel Aviv, der irgendwann zwei bis vier Jahrhunderte in der Zukunft über der geteilten Stadt aufragt ... this space port that was now an entity unto itself, a miniature mall-nation to which neither Tel Aviv nor Jaffa could lay complete claim. Doch nicht nur die gigantische Konstruktion selbst steckt wie ein Puffer zwischen dem jüdischen Tel Aviv und dem arabischen Jaffa. "Central Station" bezeichnet auch das Multikulti-Viertel, das um den eigentlichen Turm liegt, bewohnt von ImmigrantInnen aus allen Himmelsrichtungen – und erweitert um die Kinder einer Welt, in der das Leben die erstaunlichsten Mischformen aus körperlicher und digitaler Existenz angenommen hat.

Ankunft in Central Station

Die Eröffnungsgeschichte des Bands, "The Indignity of Rain", wirft uns ohne Vorwarnung in diesen Schmelztiegel hinein, in dem Menschen aus aller Herren Länder, Roboter, Cyborgs und digitale Wesen nebeneinander existieren, wo sich Pferdekarren und Solarbusse nebeneinander durch die Straßen schleppen. Ein simpler Spaziergang reicht aus, uns mit neuen Eindrücken komplett zu überfluten: Was ist ein Tentacle-Junkie, wie sich da einer gerade in einem Eimer ausruht? Was soll man sich unter der Roboterkirche vorstellen? Wer sind die geheimnisvollen Others?

Tidhar entwirft eine multikulturelle Umgebung, die ähnlich realistisch wie Lauren Beukes "Moxyland" oder Ian McDonalds "Cyberabad" wirkt, in Sachen Exotik manchmal aber fast schon an China Miévilles "Perdido Street Station" heranreicht. Da tummeln sich bei Tidhar etwa für Sex bzw. den Krieg gezüchtete Puppen, die aus den flesh pits entkommen sind und sich nach Central Station gerettet haben, oder modified animals, Frankensteined by home-lab kid enthusiasts with a gene kit and an incubator. Statt Miévilles brachialem Glamour herrscht bei Tidhar allerdings ein Feeling von Melancholie und bescheidenem Glück vor.

... mit humorvollem Einschlag dann und wann sogar. In der Erzählung "Filaments" wohnen wir einer Messe der Roboterkirche bei, und die wird vor einem Publikum aus Menschen, Robotern und virtuell zugeschalteten Haushaltsgeräten abgehalten – darunter auch Toiletten, die mit ihren Benutzern Streit haben. Die Predigt des Priesters, die sich um die Erschaffung einer gemeinsamen Consensus Reality dreht, ist dann aber keineswegs so hanebüchen, wie es seine bizarre Gemeinde vermuten ließe.

Die menschliche Seite

"The Indignity of Rain" gibt auch den Ton vor und zeigt, worum es Tidhar bei allen Schauwerten wirklich geht. Die Figur im Mittelpunkt, Boris Aharon Chong, mag ein Heimkehrer vom Mars sein, der einen außerirdischen Symbionten trägt. Aber letztlich ist er einfach ein Mann, der sich als Jugendlicher davongemacht hat, nun gereift zurückkehrt und seine alte Liebe wiedertrifft; zaghaft deutet sich hier Hoffnung an.

So menschlich und letztlich zeitlos wird es dann in den folgenden Episoden weitergehen, die alle um die beiden miteinander verbundenen Familien Chong und Jones kreisen. Motl beispielsweise ist der Form nach ein Robotnik, ein als Cyborg ins Leben zurückgerufener Gefallener eines lange vergessenen Krieges, der wie alle seine Leidensgenossen langsam verrostet und aufs Betteln angewiesen ist ("Will work for spare parts.") Aber er ist auch einfach ein traumatisierter Soldat.

Wie stark Tidhar Science Fiction als Metapher nutzt, zeigt das Beispiel von Boris' Großvater Weiwei: Er wollte verhindern, dass seine Familie ihre Wurzeln vergisst. Also ließ er in der Conversation, dem endlosen globalen Datenstrom, in den sich Menschen ebenso wie künstliche Lebensformen und simple Geräte einklinken, einen gesonderten Bereich einrichten, der die Familie Chong für immer verbindet. Dieses "Familiengedächtnis" sollte Geborgenheit vermitteln – genauso sehr ist es für Weiweis Nachfahren aber zur Belastung geworden.

Geschichten über Geschichten

Wir begegnen Kranki und Ismael, zwei Jungen, die in den Laboren von Central Station aus DNA-Schnipseln hergestellt wurden und die eine neue Evolutionsstufe – halb physisch, halb digital – verkörpern könnten. Und dem alten Buchliebhaber Achimwene, der aufgrund einer Behinderung keinen Zugang zur Conversation hat. Achimwene interpretiert sein Leben wie eine Geschichte aus den alten Pulps, die er so liebt. Doch als er sich in Carmel, eine Besucherin aus dem äußeren Sonnensystem, verguckt, weiß er nicht mehr, ob das Template seines Lebens eine Romance, eine Detektivgeschichte oder gar ein Horrorroman ist: Denn Carmel ist ein Shambleau, ein Datenvampir, der seinen Opfern die Erinnerungen aussaugt.

"Shambleau" war auch der Titel einer berühmten SF-Kurzgeschichte von C. L. Moore aus dem Jahr 1933. Womit wir schon bei einem ganz typischen Element von Tidhars Erzählungen wären: Er liebt die Genregeschichte und spickt seine Werke mit dezent eingebauten Verweisen. Wie im Vorbeigehen eingestreute Anspielungen auf Cordwainer Smith ("Mother Hitton's Littul Kittons", "The Ballad of Lost C'Mell") finden wir hier ebenso wie solche auf Arthur C. Clarke ("The Nine Billion Names of God") oder Larry Nivens "Ringwelt"-Helden Louis Wu. Und auch sein eigenes Schaffen ruft Tidhar gerne noch einmal in Erinnerung und fügt den 2013er Roman "Martian Sands" in das Universum von "Central Station" ein.

Morgen wird wie heute sein

Der Band umfasst 13 Kurzgeschichten, die zwischen 2011 und 2016 in verschiedenen Magazinen erschienen sind; zwei sind Originalveröffentlichungen. Zusammen ergeben sie, obwohl jede für sich alleinstehend, ein dichtes Geflecht mit fortlaufender Handlung, das sich – auch wenn das jetzt furchtbar banal klingt – als Parabel auf das heutige Israel lesen lässt. Aber da ist noch mehr.

Ist es ein Zufall, dass "Central Station" genau 30 Jahre nach William Gibsons Storysammlung "Burning Chrome" erschienen ist? Lavie Tidhars Erzählungen lesen sich wie ein Update des einstigen Cyberpunk-Meilensteins, eine menschlichere und poetischere Version (oder zumindest auf eine andere Art poetisch, als es Gibson war). Eine, in der die Technologie noch fantastischere Blüten getrieben hat – die aber nicht nur in die Zukunft blickt, sondern sich auch ihres vieltausendjährigen geschichtlichen Erbes bewusst ist. Wie auch immer man es sehen will, auf jeden Fall ist "Central Station" ein großartiges Leseerlebnis.

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