Skandalöses Chaosende am Mont Ventoux

14. Juli 2016, 18:22
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Der Gesamtführende Froome stürzte eineinhalb Kilometer vor dem Ziel, nachdem ein Motorrad in den Menschenmassen abrupt stoppen musste

Mont Ventoux – Die 12. Etappe der Tour de France hat ein skandalöses Ende genommen. Spitzenreiter Christopher Froome (Team Sky) kam im dichten Gedränge eineinhalb Kilometer vor dem Ziel am Mont Ventoux mit den Fluchtkollegen Richie Porte (BMC) und Bauke Mollema (Trek-Segafredo) zu Sturz, weil ein TV-Motorrad in der durch Zuschauermassen sehr eng gewordenen Straße stecken blieb und abrupt halten musste. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Titelverteidiger seine größten Kontrahenten um den Kolumbianer Nairo Quintana bereits abgehängt.

Froome per pedes Richtung Ziel

Während Froomes Rivalen die Unfallstelle flott verlassen beziehungsweise passieren konnten, hatte der Brite weniger Glück, bei seiner Rennmaschine war der Rahmen gebrochen, nachdem er von hinten von einem Motorrad touchiert worden war. Panisch lief er daraufhin eine längere Strecke zu Fuß die Bergstraße hinauf, ehe er zunächst vom neutralen Materialwagen und später von seinem Teamwagen wieder ein Rennrad überreicht bekam.

Froome hätte damit eigentlich die Führung eingebüßt, doch laut Juryentscheidung bleibt der Brite Träger des Gelben Trikots. "Froome und Richie Porte wurden aufgrund des Unfalls im Finale mit der gleichen Zeit wie Bauke Mollema gewertet. Froome behält das Gelbe Trikot", hieß es in einem Statement der Organisatoren.

Froome "erleichtert", Yates "glücklich"

"Der Mont Ventoux ist voller Überraschungen. Ich bin sehr erleichtert. Die Entscheidung der Kommissare ist korrekt. Ich danke der Organisation der Tour de France", sagte Froome. Sein Vorsprung in der Gesamtwertung auf Adam Yates (Orica-BikeExchange) beträgt nun 47 Sekunden. Yates war nur im inoffiziellen Ergebnis neuer Träger des Gelben Trikots. Der Brite begrüßte das Urteil: "Ich bin glücklich mit der Entscheidung. Ich hätte das Trikot nicht auf diese Weise übernehmen wollen. Ich wollte es mit meinen Füßen übernehmen."

Den Tagessieg holte sich Thomas de Gendt vom Team Lotto-Soudal. Der 29-jährige Belgier siegte aus einer Ausreißergruppe heraus nach 178 Kilometern vor seinem Landsmann Serge Pauwels und dem Spanier Daniel Navarro.

Auf dem Schlussanstieg hatte zunächst Quintanas Adjutant Alejandro Valverde attackiert und sich leicht abgesetzt, wenige hundert Meter später versuchte es der Kolumbianer selbst. Doch Froomes Sky-Helfer fuhr die Lücke schnell wieder zu, der Mann in Gelb musste nicht einmal selbst nachsetzen. Drei Kilometer vor dem Ziel attackierte Froome, Quintana wurde abgeschüttelt, und der Brite sah wie der große Gewinner aus, danach nahm das Drama seinen Lauf.

Sturm am Mont Ventoux

Der "kahle Riese der Provence" zeigte sich am Donnerstag von seiner rauen Seite. Nachdem Windgeschwindigkeiten von 100 km/h vorausgesagt worden waren, die auf dem exponierten Gipfel des Ventoux in 1.912 Meter Höhe für ein unkalkulierbares Risiko gesorgt hätten, hatten die Organisatoren das Ziel sechs Kilometer nach unten verlegt. Somit wurde den Akteuren ein weiterer Anstieg von rund 500 Höhenmetern erspart. Allerdings kam es wohl auch aufgrund dieser Streckenverkürzung zu einem großen Gedränge unter den Zuschauern auf den letzten Kilometern.

Das quälend lange Finale durch die Mondlandschaft vorbei am Denkmal für den 1967 während der Ventoux-Etappe verstorbenen Briten Tom Simpson fehlte somit – zum Leidwesen Quintanas. "Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Etappe bis ganz nach oben geführt hätte, denn dieser Anstieg liegt mir wirklich", sagte der kolumbianische Kletterer, "aber es bleiben noch viele Tage und viele Berge."

Am Freitag geht das Rennen um den Tour-Sieg mit einem Zeitfahren über 37,5 Kilometer weiter. Der Australier Simon Gerrans wird diese Etappe nicht mehr antreten. Der Gewinner von Mailand – San Remo 2012 erlitt bei seinem Sturz bei 60 km/h auf dem Weg zum Ventoux einen Schlüsselbeinbruch. Dennoch beendete der Orica-Profi die Etappe. Auch der bisherige Bergtrikot-Inhaber Thibaut Pinot verlor viel Zeit, der Franzose leidet an einer Bronchitis. (honz, sid, APA, 14.7.2016)

Tour de France, 12. Etappe, Donnerstag
(Montpellier – Mont Ventoux, 178 km):

1. Thomas de Gendt (BEL) Lotto 4:31:51 Stunden
2. Serge Pauwels (BEL) Dimension Data 0:02 Minuten zurück
3. Daniel Navarro (ESP) Cofidis 0:14
4. Stef Clement (NED) Katjuscha 0:40
5. Sylvain Chavanel (FRA) Direct Energie 0:40
6. Bert-Jan Lindeman (NED) Lotto NL-Jumbo 2:52
7. Daniel Teklehaimanot (ERI) Dimension Data 3:13
8. Sep Vanmarcke (BEL) Lotto NL-Jumbo 3:26
9. Chris Anker Sörensen (DEN) Fortuneo 4:23
10. Bauke Mollema (NED) Trek 5:05
11. Adam Yates (GBR) Orica 5:24

Weiters:
25. Christopher Froome (GBR) Sky 5:05
45. Patrick Konrad (AUT) Bora 13:40
80. Georg Preidler (AUT) Giant 22:40
133. Marco Haller (AUT) Katjuscha 25:25
147. Bernhard Eisel (AUT) Sky 28:24

Gesamtwertung:
1. Froome 57:11:33 Stunden
2. Yates +0:47
3. Mollema 0:56
4. Nairo Quintana (COL) Movistar 1:01
5. Romain Bardet (FRA) AG2R 1:15
6. Alejandro Valverde (ESP) Movistar 1:39
7. Tejay Van Garderen (USA) BMC 1:44
8. Fabio Aru (ITA) Astana 1:54
9. Daniel Martin (Irl) Etixx-Quick-Step 1:56
10. Joaquin Rodriguez (ESP) Katjuscha 2:11

Weiters:
52. Preidler 1:00:14
59. Konrad 1:07:23
181. Haller 2:22:48
187. Eisel 2:29:56

Anmerkung: Die Rückstände in Etappen- und Gesamtwertung entsprechen jenen zum Zeitpunkt des Sturzes, in den Christopher Froome verwickelt war. Die Etappenplatzierung entspricht aber der tatsächlichen Reihenfolge der Zielankunft.

  • Richie Porte (li.), Bauke Mollema und der Träger des Gelben Trikots, Christopher Froome, kamen eineinhalb Kilometer vor dem Ziel am Mont Ventoux zu Sturz, nachdem ein Motorrad abrupt stehen geblieben war.
    foto: reuters/bernard papon/pool

    Richie Porte (li.), Bauke Mollema und der Träger des Gelben Trikots, Christopher Froome, kamen eineinhalb Kilometer vor dem Ziel am Mont Ventoux zu Sturz, nachdem ein Motorrad abrupt stehen geblieben war.

  • Kuriose Szene: Froome zwischendurch per pedes auf dem Weg zum Ziel.
    foto: reuters/jean-paul pelissier

    Kuriose Szene: Froome zwischendurch per pedes auf dem Weg zum Ziel.

  • Mit einem Ersatzrad des neutralen Materialwagens fuhr Froome nicht sonderlich weit.
    foto: apa/afp/jeff pachoud

    Mit einem Ersatzrad des neutralen Materialwagens fuhr Froome nicht sonderlich weit.

  • Dann fasste er ein Ersatzrad von seinem Teamwagen aus, um schlussendlich doch noch ins Ziel zu fahren.
    foto: reuters/kenzo tribouillard/pool

    Dann fasste er ein Ersatzrad von seinem Teamwagen aus, um schlussendlich doch noch ins Ziel zu fahren.

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