Kanada: Richter will nach Kindstod Wahrheit auf Facebook erzwingen

15. Juli 2016, 12:20
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Die für den Tod ihres Kindes verurteilten Eltern mussten ein Urteil auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichen

"Prayers for Ezekiel" – "Gebete für Ezekiel" – heißt die Facebook-Seite des kanadischen Ehepaars David und Colet Stephan. Es ist eine Seite, die nicht nur an den Tod ihres neunzehn Monate alten Kindes erinnern soll. Dort kämpfen die Stephans mit Polemik auch gegen den kanadischen Richter Rodney Jerke, der sie wegen unterlassener Hilfe bei ihrem Kind verurteilte. Ihr Sohn war an Meningitis gestorben. Über die sozialen Medien implizieren die Eltern eine Verschwörung der Behörden gegen die Anhänger alternativer Medizin und Impfverweigerer.

David Stephan, der nun wegen der Todesumstände seines kleinen Sohnes im Gefängnis sitzt, schrieb auf Facebook sogar einen bösen Brief an die Geschworenen. Das hat zu einer erstaunlichen Anordnung des Richters geführt: Er verlangte, dass die Stephans auf derselben Facebook-Seite das Urteil gegen sie und die Begründung des Richters in voller Länge veröffentlichen.

"Das habe ich noch nie vorher gesehen"

Dieser Schritt überrascht Juristen und andere Experten in Nordamerika, denn dies ist ein Strafprozess und kein Zivilprozess, wo Täter in Verleumdungsfällen manchmal gezwungen werden, ihre falschen Behauptungen öffentlich zu widerrufen. "Das habe ich noch nie vorher gesehen", sagte Adriano Iovinelli, Rechtsanwalt aus Calgary, der National Post. Die Zeitung sieht die Neuheit als "klares Zeichen, dass die Gerichte auf die zunehmende Macht der sozialen Medien reagieren, und auf die Weise, wie dort Kriminelle Unterstützung und Publizität gewinnen können, die den Glauben an das Rechtssystem unterhöhlen".

"Es zeigt, in welchem Zeitalter wir leben", so die Rechtsprofessorin Carissima Mathen von der Universität Ottawa. "Viele Leute beziehen ihre Informationen aus den sozialen Medien. Sie glauben, was sie dort lesen." Das Gericht versuche offenbar, die Öffentlichkeit auf diese neue Weise zu erreichen, sagt Mathen.

Mit Knoblauch gegen Meningitis

Colet und David Stephan, Eltern von drei weiteren Kindern, wollten die bakterielle Gehirnhautentzündung des kleinen Ezekiel vor vier Jahren mit Mitteln wie scharfem Pfeffer, Meerrettich, Knoblauch und ähnlichen Naturmitteln heilen, anstatt einen Arzt aufzusuchen.

David Stephan ist Vizepräsident in der Firma seines Vaters in der Provinz Alberta, die alternative Nahrungszusätze herstellt. Zuletzt war Ezekiels Körper so steif, dass die Eltern ihn nicht mehr in den Kindersitz im Auto setzen konnten. Selbst dann gingen sie zuerst einkaufen, anstatt das Kind zu einem Arzt zu bringen, wie es ihnen geraten wurde. Als Ezekiel nicht mehr richtig atmen konnte, rief David Stephan zuerst seinen Vater an, bevor er die Ambulanz alarmierte. Da war Ezekiels Gesicht aber bereits blau, die Hilfe kam zu spät.

Vier Monate Gefängnis

Das Gericht verurteilte den Vater zu vier Monaten Gefängnis und die Mutter zu drei Monaten Hausarrest. David Stephan übernahm in seinen Kommentaren auf der Facebook-Seite keinerlei Verantwortung für Ezekiels Tod. Stattdessen schrieb er, das Urteil sei ein Angriff auf die Kindererziehung von Eltern, und wenn die der Regierung nicht passe, "riskieren wir alle die Strafverfolgung".

Die Eltern sind der Weisung des Gerichts mittlerweile gefolgt. Doch haben sie in der erzwungenen Veröffentlichung des Urteils auf ihrer Facebook-Seite auch gleich wieder ihre Kritik und Vorwürfe gegen das Verfahren mit eingebaut. Welche Folgen das haben wird, bleibt abzuwarten. (Bernadette Calonego aus Vancouver, 15.7.2016)

  • In Kanada ist es zu einer Premiere gekommen: Ein Richter ordnete die Veröffentlichung eines Urteils auf Facebook an. (Symbolfoto)
    foto: reuters / jim young

    In Kanada ist es zu einer Premiere gekommen: Ein Richter ordnete die Veröffentlichung eines Urteils auf Facebook an. (Symbolfoto)

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