"Rund um den ORF gibt es genügend Legenden"

Interview15. Juli 2016, 07:00
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Politische Interventionen kenne sie vom ORF-"Report" nicht, sagt Susanne Schnabl, die ab 25. Juli die "Sommergespräche" führt

STANDARD: Die letzten "Sommergespräche" mit Hans Bürger waren mit 752.000 Zusehern im Schnitt die erfolgreichsten in punkto Quote. Was ist Ihr Ziel?

Schnabl: Dass möglichst viele zuschauen (lacht).

STANDARD: Und diesen Wert zu toppen?

Schnabl: Ich möchte weder mir noch dem Team Druck auferlegen. Es gibt so viele Themen und die Schlagzeilendichte der letzten Wochen ist sehr hoch. Wir freuen uns über jeden einzelnen Zuseher.

STANDARD: Hans Bürger wurde für seine zahme Interviewführung kritisiert. Wie werden Sie die "Sommergespräche" anlegen?

Schnabl: So wie immer im "Report" werde ich auch diesmal Fragen stellen und habe nicht vor, eine andere zu werden. Es ist ja nicht so, dass ich ansonsten ganz was anderes mache und plötzlich Interviews führe. Das Tolle ist, dass man sich als Interviewer bei den Sommergesprächen Zeit nehmen kann. Wir sind in kein strenges Zeitkorsett gequetscht wie etwa im "Report", wo wir acht Minuten für ein komplexes Thema haben.

STANDARD: Wo reihen Sie sich zwischen Hans Bürger und Armin Wolf ein, dessen Stil bei den "Sommergesprächen" 2012 manche als Art Inquisition kritisierten?

Schnabl: Ich mag keine Vergleiche. Jeder ist eine eigene Persönlichkeit. Das nehme ich auch für mich in Anspruch.

STANDARD: Was werden die großen Themen sein?

Schnabl: Die liegen eh auf der Hand. Wir stehen das erste Mal vor einer bundesweiten Wahlwiederholung, bei der es gleich um das höchste Amt im Staat geht. Es verabschiedet sich gerade ein Mitglied aus der Europäischen Union. Vor einem Jahr hatte noch niemand eine Ahnung, dass zehntausende Menschen nach Österreich flüchten und Hunderttausende durch Österreich reisen. Dann haben wir noch einen neuen Bundeskanzler. Insofern ist es kein gewöhnlicher Sommer mit Sommerlöcher und Politiker aus den hinteren Reihen, die mit Vorschlägen aufwarten.

STANDARD: Werden die Sendungen wieder einen privaten Charakter haben mit Porträts und ehemaligen Weggefährten, die zu Wort kommen?

Schnabl: Es wird eher um die Parteien gehen, weil sich dort sehr viel getan hat. In der SPÖ gab es einen Chef- und Kanzlerwechsel. Wir hatten zwei Wahlgänge und konnten feststellen, wie mobil Wähler sind. Das Wort "privat" mag ich in diesem Zusammenhang nicht so gerne. Ich werde also nicht fragen, ob jemand lieber Marillen – oder Zwetschenknödel isst, aber es geht natürlich auch um die Person jedoch in ihrer Funktion. Wie sie mit welchen Ideen und welcher Weltanschauung eine Partei führt.

STANDARD: Beim "Report" geht es eher um punktuelle Vorbereitung auf Interviews, die "Sommergespräche" sind viel breiter. Wie bereiten Sie sich vor?

Schnabl: So wie immer mit gründlicher Recherche. Wie bereiten es im Team vor. Weil es ein Gespräch ist, wird es um das große Ganze gehen. Etwa die Europäische Union, Arbeitsmarkt, Globalisierung, Digitalisierung, Integration oder Flüchtlinge. Es läuft immer auf eine wesentliche Frage für uns alle hinaus: Wie werden wir in Zukunft leben? Das halte ich schon für sehr spannend und Politik tangiert ja jeden von uns im Alltag.

STANDARD: Die "Sommergespräche" sind eine Art Institution im ORF mit Moderatoren wie Ingrid Thurnher, Armin Wolf oder Peter Resetarits. Gibt es Vorbilder?

Schnabl: Jeder steht für sich selbst. Generell macht es im Leben keinen Sinn, etwas kopieren zu wollen. Es gibt viele tolle Journalistinnen und Journalisten, aber ein Vorbild habe ich nicht. Ich glaube, das würde jeden von uns bremsen oder lähmen. Die Kopie ist nicht das Original. Nachahmen bringt nichts.

foto: standard/newald

STANDARD: Die "Sommergespräche" haben heuer eine zusätzliche Brisanz, weil am 9. August die ORF-Wahl ansteht. Die Opposition könnte im Stiftungsrat das Zünglein an der Waage sein. Drei Parteichefs interviewen Sie vor der ORF-Wahl. Spielt das eine Rolle?

Schnabl: Ich bin Journalistin und weiß, dass die Generaldirektorenwahl stattfindet. Dazu kann ich nur so viel sagen: Ich bin seit drei Jahren beim "Report" und habe bisher immer ohne Zurufe arbeiten können, auch wenn das andere nicht gerne hören. Rund um den ORF gibt es ja genügend Verschwörungstheorien und Legenden. Alles andere ist die Aufgabe des Stiftungsrats. Er wird hoffentlich ausschließlich den Fokus auf die Zukunft des ORF legen und nach diesem Kriterium entscheiden.

STANDARD: Könnte es theoretisch sein, dass Herr Stronach nach dem "Sommergespräch" seinen Stiftungsrat anhält, Grasl zu wählen, weil er mit Ihrer Interviewführung nicht einverstanden ist und das mit der jetzigen ORF-Führung in Verbindung bringt?

Schnabl: Das müssen Sie Herrn Stronach nach dem Interview fragen (lacht). Wenn man sich die "Report"-Interviews ansieht, sieht man, dass ich keine Unterschiede zwischen den Gästen mache. So wird das auch bei den "Sommergesprächen" sein.

STANDARD: So ein Szenario ist also nicht präsent?

Schnabl: Nein. Es geht um die Fragen und die Personen. Punkt.

STANDARD: Sie moderieren mit dem "Report" das politischste Magazin im ORF. Gibt es nie Interventionen?

Schnabl: Ich kenne Aussagen in den Medien, woher auch immer die kommen mögen, aber für den "Report" kann ich sagen: Nein, das hat es in den drei Jahren meiner Tätigkeit hier nicht gegeben. Wir sitzen in der Redaktion, legen die Themen fest und laden die Gäste ein. Was sehr oft passiert, sind Absagen. Alles andere sind Mythen oder Dinge, die vielleicht in der Vergangenheit so waren. Wir arbeiten unabhängig und frei in unserer Entscheidung.

STANDARD: Ist das ein Verdienst der jetzigen Generaldirektion, diese Unabhängigkeit zu gewährleisten?

Schnabl: Das ist ein Verdienst aller Beteiligten in dem Haus. Es müssen alle an einem Strang ziehen, weil es immer und überall Einfallstore geben kann. Das fängt bei den Redakteuren an bis hin zum Sendungsverantwortlichen und zur Chefredaktion. Gäbe es solche Interventionen, müsste das jeder Journalist mit sich selbst klären, wie ernst er es mit der Unabhängigkeit nimmt – egal, ob er jetzt beim "Report", STANDARD oder in einer anderen Redaktion arbeitet. Wir werden an unserer Glaubwürdigkeit gemessen.

foto: orf/ramstorfer
Die "Sommergespräche" werden heuer live im Studio geführt.

STANDARD: Auf Twitter finden die "Sommergespräche" enorme Begleitmusik. Wie gehen Sie damit um?

Schnabl: Indem ich mich auf meine Arbeit konzentriere. Twitter ist für mich eine sehr wichtige Infoquelle, die ich nicht missen möchte, weil ich dort auch so viele andere Perspektiven und Themen mitbekomme, um über den Tellerrand hinauszublicken. Ansonsten bin ich auf Twitter eher zurückhaltend. Es hat manchmal einen Unterhaltungswert, aber ich möchte mir nicht zu allem und jedem eine Meinung auf Twitter bilden und die dort kundtun.

STANDARD: "Report"-Sendungen finden schon große Resonanz auf Twitter, aber bei den "Sommergesprächen" potenziert sich das Interesse.

Schnabl: Ich versuche das auszublenden und mich auf das Notwendige zu konzentrieren. Journalistisch bin ich eine Sacharbeiterin und konzentriere mich auf die Vorbereitung. Ich hoffe, dass ich mich nicht zu sehr davon ablenken lasse.

STANDARD: Gibt es die Befürchtung, in einen Shitstorm zu geraten, der womöglich gar in Drohungen mündet wie es etwas Ihrer Kollegin Ingrid Thurnher nach dem Bundespräsidentenduell passiert ist?

Schnabl: Das war mehr als ein Shitstorm und dafür gibt es rechtliche Möglichkeiten und Konsequenzen. Ich frage mich, was die Motivation dahinter ist und was sich diese Leute dabei denken. Geht es denen danach besser? Und Angst kann man vor allem und jedem haben. Denn bekanntlich kann jede Meldung auf Twitter ein Wutlüfterl bis hin zu einem Shitstorm nach sich ziehen. (Oliver Mark, 15.7.2016)

Susanne Schnabl (36) ist seit 2002 beim ORF. Seit Ende 2012 moderiert sie den "Report". In den "Sommergesprächen" interviewt sie ab 25. Juli immer montags um 21.05 Uhr die Parteichefs. Das Gespräch findet live im Studio statt.

Termine

  • Montag, 25. Juli, 21.05 Uhr, ORF 2 Frank Stronach, Team Stronach
  • Montag, 1. August, 21.05 Uhr, ORF 2 Matthias Strolz, NEOS
  • Montag, 8. August, 21.05 Uhr, ORF 2 Eva Glawischnig, Die Grünen
  • Montag, 22. August, 21.05 Uhr, ORF 2 Heinz-Christian Strache, FPÖ
  • Montag, 29. August, 21.05 Uhr, ORF 2 Reinhold Mitterlehner, ÖVP
  • Montag, 5. September, 21.05 Uhr, ORF 2 Christian Kern, SPÖ

Nachlese
Die "Sommergespräche" 2015 in Zuseherzahlen

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