Industrie schlechter gestimmt

14. Juli 2016, 16:20
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Befragte Industrieunternehmen haben nicht so rosige Einschätzungen zur zukünftigen Geschäftslage, vor allem die Auslandsaufträge gehen zurück

Wien – "Enorme Finanzmarktvolatilität, steigende Öl- und Rohstoffpreise, ein favorabler Eurowechselkurs und die unkonventionelle Geldpolitik der EZB: Es gab heuer ein Wechselbad der Konjunkturstimmungen", zieht Christian Helmenstein Bilanz. Und der Chefökonom der Industriellenvereinigung geht davon aus, dass das volatile wirtschaftliche Umfeld nunmehr zum Normalfall wird.

Zumal unerwartete Schocks an vielerlei Fronten möglich seien: ob beim völlig offenen Ausgang der Verhandlungen über den EU-Ausstieg der Briten, ob bei Folgen der hohen Verschuldung Chinas, die früher oder später zu korrigieren sei, oder den Nachwirkungen der italienischen Bankenkrise.

Lackmustest

Helmenstein sieht die Europäische Union vor einem Lackmustest. Entscheidend sei, ob sie sich sowohl bei der Bankensanierung in Italien als auch bei den Defizitverfahren gegen Spanien und Portugal an ihre Regeln halte.

Was den Brexit betrifft, so zeigt er in Österreich erste Folgen, zumindest psychologischer Natur. Herrschte in der Industrie im ersten Quartal noch das Prinzip Hoffnung vor, so wurde es mittlerweile vom Prinzip Vorsicht abgelöst.

Vierteljährlich klopft die Industriellenvereinigung gut 420 Unternehmen auf ihre Befindlichkeiten ab. Die Unternehmen schätzen ihre aktuelle Geschäftslage derzeit zwar als besser ein. Ihre Erwartungen an die kommenden sechs Monate sind hingegen stark schaumgebremst. Anders als noch vor drei Monaten, als der Optimismus überwog.

Suche nach Fachkräften

Aufträge, um die Kapazitäten auszulasten, gibt es in der Industrie freilich nach wie vor genug, offenbart der Barometer. Das bringe zwar keinen echten Konjunkturaufschwung, sorge aber immerhin dafür, dass die Zahl ihrer Beschäftigten unterm Strich stabil bleibe.

Vor allem am Bau sinkt die Arbeitslosigkeit, sagt Helmenstein. Und die Angst vor sich verschärfendem Fachkräftemangel veranlasse jedes fünfte Unternehmen dazu, in den kommenden drei Monaten neue Stellen zu schaffen.

Spürbare Einbußen gibt es aber offenbar bei den Auslandsaufträgen – gemäß Industriellenvereinigung nicht zuletzt aufgrund des Brexit-Votums, wodurch schlechte Stimmung quasi nach Österreich importiert wurde.

Lob für Start-up-Paket

Trotz aller Unsicherheiten sind die Industrievertreter zuversichtlich, dass sich in Österreich heuer ein Wirtschaftswachstum von real 1,5 Prozent realisieren lässt. Was freilich noch kein Grund zum Jubeln sei, wie man mit Blick auf die herbstliche Lohnrunde gleich einschränkt. Schließlich hinke Österreich in Sachen Produktivität hinterher und leide unter Überregulierung.

Zufrieden ist IV-Generalsekretär Christoph Neumayer mit dem jüngsten Start-up-Paket und der neu gelösten Bankenabgabe – auch wenn die Abschlagszahlung ein Wermutstropfen sei. Gelingen müsse es der Regierung künftig, Österreichs Potenzialwachstum von derzeit 1,1 auf zumindest 1,75 Prozent zu heben. (vk, 14.7.2016)

  • Die Auslandsaufträge fallen weiter – schon seit Ende 2015.
    foto: f-stop

    Die Auslandsaufträge fallen weiter – schon seit Ende 2015.

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