6,9 Millionen Herausforderungen für Kolumbiens Frieden

26. Juli 2016, 08:00
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Sollten die Farc-Kämpfer tatsächlich ihre Waffen niederlegen, könnten neue Gruppen ihren Platz einnehmen. Das Schicksal der Binnenvertriebenen bleibt dabei ungewiss

Gerade einmal 39 Einwohner der kolumbianischen Fischergemeinschaft nahe Togoroma sind geblieben. Mehr als 500 sind es einmal gewesen, die in der Gemeinde im Westen des Landes gelebt haben. Doch die "Violencia" machte auch nicht vor ihnen halt. Die afrokolumbianische Gemeinschaft wurde durch die Gewalt der rechten paramilitärischen Gruppierungen und Drogenkartelle zerrissen. Die Menschen flohen. Als der US-amerikanische Fotograf Robert Pennington im Vorjahr nach Kolumbien reiste, um die Auswirkungen der Gewalt auf die Bevölkerung im Land in Bildern festzuhalten, lebte er auch eine Zeitlang mit den Fischern bei Togoroma. "Öffentliche Gebäude wie Schule oder das Krankenhaus waren verfallen und zurückgelassen", erzählt Pennington: "Die Menschen, die zurückgeblieben sind, waren am Boden zerstört."

Seit 1948 der Bürgerkrieg im südamerikanischen Staat ausgebrochen war, kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Waren es zu Beginn noch die militärischen Arme der liberalen und konservativen Partei, die sich bekämpften, stiegen 1959 auch die Vereinigten Staaten in den Konflikt ein: Die paramilitärische Organisation Triple A (American Anti-communist Alliance) formierte sich und führte Krieg gegen die kommunistische Partei, deren militärischer Ableger 1964 gegründet wurde – die Farc. Mit dem Aufkommen der Drogenkartelle – wie jenes von Pablo Escobar – und dem Involvieren der Regierungstruppen entstand schließlich eine Gewaltspirale, die noch immer anhält.

foto: reuters/john vizcaino
Menschen in einem Lager für Binnenvertriebene nahe der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá.

Fast sieben Millionen Binnenvertriebene

Wie viele Menschen während der Auseinandersetzungen getötet wurden, weiß man nicht. Medien schreiben von 70.000 bis 220.000 Todesopfern. Wie viele Kolumbianer vertrieben wurden, ist aber bekannt: 6,9 Millionen Menschen der geschätzt 48,6 Millionen Einwohner sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Der höchste Wert weltweit. Allein im vergangenen Jahr sind es rund 155.000 Menschen mehr gewesen. Hinzu kommen 340.000 Kolumbianer, die ins Ausland geflohen sind und von der Regierung lange Zeit nur als Wirtschaftsmigranten bezeichnet wurden. Von ihnen sind im Vorjahr etwas mehr als 1.000 Personen zurückgekehrt. Laut offiziellen Zahlen der Vereinten Nationen kein einziger Binnenflüchtling.

Der internationale Beifall war groß, als am 23. Juni zwischen dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos und den Verhandlern der Farc in Havanna eine historische Waffenruhe geschlossen wurde. Die Friedensvereinbarung zwischen den linken Guerillas und dem Staat scheint zum Greifen nahe. Bereits seit 2012 wird zum wiederholten Male in der kubanischen Hauptstadt verhandelt. So nah war man dem Frieden – "la Paz" – aber noch nie. Doch bereits kurze Zeit darauf wurde die Waffenruhe wieder gebrochen. Farc-Kämpfer und Soldaten der Armee gerieten bei einem Kontrollpunkt der Guerillas aneinander. Die Soldaten sollen laut Farc einen nicht näher beschriebenen Punkt der Waffenruhe gebrochen haben.

foto: ap photo/ramon espinosa, file
Historischer Moment? Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der Kommandeur der Farc, Timoleón Jimenez, schütteln einander die Hände. In der jeweils anderen Hand: das Waffenstillstandsabkommen.

Fehlende Hilfe in den Slums

Doch die Kämpfe sind nicht das Einzige, das Menschenrechtsorganisationen Sorgen bereitet. Obwohl die Friedensverhandlungen allgemein als erster Schritt in die richtige Richtung gesehen werden, ist die Zukunft der Binnenvertriebenen weiterhin prekär. Die geplanten Infrastrukturprojekte für die kolumbianische Bevölkerung würden sich vor allem auf den ländlichen Bereich konzentrieren, sagt Martin Gottwald, Leiter des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) im Land.

Doch die meisten Menschen seien in die Städte geflüchtet, siedelten sich in Slums an und würden in den urbanen Gebieten bleiben wollen. Vor allem dort sind laut Gottwald die Projekte wichtig. In den ärmlichen Siedlungen fehle es an Gesundheitseinrichtungen, Schulen und an Trinkwasser. "Das Trinkwasser kann man in manchen Slums nur in Flaschen kaufen", sagt Pennington, der in Altos De La Florida, südlich der Hauptstadt Bogotá einige Zeit bei einer Familie gelebt hat: "Und das ist sehr teuer." UNHCR-Zahlen zufolge leben 80 Prozent der Binnenflüchtlinge Kolumbiens unter der Armutsgrenze, 30 Prozent davon in extremer Armut.

foto: apa/afp/luis robayo
"Keine Waffen mehr" wurde auf eine Hauswand in Cauca gesprüht. Die Region wird seit Jahren von Konflikten heimgesucht.

Ungewisser Frieden

Und dann gibt es noch die Gruppierungen abseits der Farc. Etwa die linke Guerilla-Organisation ELN, die ebenso wie die Farc angibt, die Interessen der einfachen Leute zu vertreten und gegen die Großgrundbesitzer und die Regierung vorzugehen. Sie nimmt nicht an den Friedensverhandlungen teil. Oder die rechten Paramilitärs, die zwar offiziell seit Anfang der 2000er-Jahre entwaffnet wurden, doch noch immer in weiten Teilen des Landes agieren.

Außerdem existieren Gruppierungen, die keine politische Agenda verfolgen: die Drogenkartelle. Laut Gottwald lassen sie sich nicht in einer bestimmten Region Kolumbiens verorten, sondern sind im ganzen Land aktiv. "Diese Gruppen sind dort, wo der Staat nicht präsent ist – in den unzugänglichen Gebieten auf dem Land oder in den Slums in der Stadt", sagt Gottwald. Die Kartelle kontrollieren den Drogenhandel vom Anbau der Kokapflanzen über die Laboratorien zur Weiterverarbeitung bis hin zu den Schmuggelrouten nach Panama, Ecuador, Venezuela oder bis in die USA.

Sollte die Farc tatsächlich ihre Waffen niederlegen, könnten sie weitere Gebiete für sich beanspruchen, befürchtet der UNHCR-Leiter. Der Staat müsse deshalb seine Vorgehensweise modernisieren, sie an die unternehmensähnlichen und weitverzweigten Strukturen der Kartelle anpassen: "Großflächige Bombardements bringen wenig", sagt Gottwald.

foto: ap photo / fernando vergara
Spezialeinheiten der Armee auf Streife in der Hafenstadt Buenaventura, wo kriminelle Banden ihre Macht ausbauen.

Psychologische Herausforderungen

Ungeklärt ist auch noch, wie lange das psychologische Trauma der Nation anhalten wird. Deshalb hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ihren Einsatz in Kolumbien vor allem auf psychologische Behandlung und die Hilfe für Opfern von sexueller Gewalt konzentriert. "Viele Menschen leben bereits seit 15 Jahren mit schweren Traumen", sagt Pierre Garrigou, MSF-Leiter des Landes. Doch das Gesundheitssystem des Staates habe das Thema lange vernachlässigt. Die Betroffenen bräuchten jedoch dringend Hilfe, damit sie lernen können, mit dem Erlebten umgehen.

Insbesondere müssten laut Garrigou Frauen lernen, dass sie sich nach sexuellen Übergriffen Hilfe suchen sollen. Zwar wäre sexuelle Gewalt schon immer ein Thema in Kolumbien gewesen, doch hat sie Garrigou zufolge durch das Aufkommen der kriminellen Banden in den Städten einen Anstieg erlebt. Oft könnten die Opfer aber nicht in die Spitäler gehen, weil es keine Vertrauenspersonen gebe – auf die Verschwiegenheit des medizinischen Personals könnten sie nicht immer zählen. "Das macht es für die Frauen schwer, darüber zu reden. Aber es muss thematisiert werden", so der MSF-Einsatzleiter: "Auch nach dem Friedensvertrag wird diese Gewalt weitergehen."

Skepsis unter den Jungen

Im Hinblick auf den Friedensvertrag teilen nach Erfahrungen des Fotografen Pennington die Binnenflüchtlinge die internationale Euphorie nicht: "90 Prozent der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, glauben nicht, dass der Friedensvertrag auf sie Auswirkungen haben wird." Dabei handle es sich aber vor allem um jüngere Menschen. Also Personen, die bereits während des Konflikts geboren wurden. Ältere Binnenvertriebene haben laut Pennington die Hoffnung, dass sich ihr Leben verbessert – doch das werde man erst mit der Zeit sehen, wenn der Frieden hält. "In der Zwischenzeit hat man noch immer 6,9 Millionen Menschen, die in ärmlichen Verhältnissen leben." (Bianca Blei, 26.7.2016)

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