Schriftsteller Paul Wühr gestorben

14. Juli 2016, 12:50
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Der Sprachexperimentierer, dem das Angenehme immer ein "schrecklicher Irrtum " war, starb am Dienstag

Wien – Geboren wurde Paul Wühr am 10. Juli 1927 in München, zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag ist der Dichter am Dienstag verstorben. Was er hinterlässt, ist ein Werk, das die sicheren Pfade des literarischen Schreibens seit jeher verlassen und sich aufgemacht hat in einen Sinn- und sinnlichen Raum aus Wortfetzen, abgebrochenen Zeilen, Bildern, Assoziationen, sprachlicher Musikalität.

Letztere stellte Wühr immer wieder auch in seinen Lesungen unter Beweis, denn im Grunde waren seine Texte Partituren, gedacht zur mündlichen Aufführung: Konventionelle Satzzeichen kennen sie oft nicht, Bindewörter dienen mehr rhythmischen denn syntaktischen Funktionen.

O-Ton und Reflexion

Wen wundert also, dass das Hörspiel jenes Feld wurde, auf dem der Bäckersohn und Volksschullehrer sich Anfang der 60er nach zwei Kinderbüchern am frühesten hervortat. In den 70ern erfand er dann das O(riginal)-Ton-Hörspiel, der Hörspielpreis der Kriegsblinden 1971 blieb nur die erste von vielen Auszeichnungen.

Denn seit den 1940ern schuf Wühr ein umfangreiches Werk. Romane, Prosa- und Großpoeme (Gegenmünchen, 1970), Tagebuchartiges (Der faule Strick, 1987) sowie lyrische Formen zählen dazu. Mittels Sprachreflexion überwand er die Gattungsgrenzen ebenso wie mithilfe der Collagetechnik, die Alltagsphrasen und dialektale Einsprengsel als O-Töne einbrachten.

Der Kritik gefiel's, die Leseröffentlichkeit reagierte darauf allerdings irritiert. Das wiederum verstand Wühr nicht: Jeder spreche doch so, "ich habe das nur übernommen", meinte er, der die angenehme Dichtung als "schrecklichen Irrtum" ansah und unbeirrt davon in seinen Büchern weiter "alles sammelte, was nicht passt und nicht stimmt".

Selbstgewählter Außenposten

Dem Literaturmainstream blieb er so immer fremd. Wie zu der Zeit, als er 1973 in München zusammen u. a. mit Michael Krüger (später Geschäftsführer des Hanser-Verlags, wo Wühr publizierte) und seiner zukünftigen Frau Inge Poppe die erste genossenschaftlich organisierte Autorenbuchhandlung gründete.

Seit 1986 lebte Wühr abgeschieden bei Passignano in Umbrien, oberhalb des Trasimener Sees. Von diesem selbstgewählten Außenposten her kam die Nachricht vom Tod des großen Sprachexperimentierers. (Michael Wurmitzer, 14.7.2016)

  • 2007 wurde der Schriftsteller Paul Wühr mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet.
    foto: isolde ohlbaum

    2007 wurde der Schriftsteller Paul Wühr mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet.

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