"Alle Parteien nutzen den Hunger als Waffe"

Interview14. Juli 2016, 08:00
43 Postings

Viele Flüchtlinge in und rund um Syrien hungern. Österreich stellt weniger Geld bereit als 2015, sagt Ralf Südhoff vom UN-Welternährungsprogramm

STANDARD: Im vergangenen Sommer machten sich viele Flüchtlinge auf den Weg nach Europa. Wie hat sich die Versorgung in und um Syrien seither verändert?

Südhoff: Die Menschen bekommen zumindest wieder eine Grundsicherung. Im Libanon beispielsweise geben wir syrischen Flüchtlingen 27 Euro pro Person, um in Partnergeschäften einzukaufen – das muss reichen, um sich einen Monat lang zu ernähren. Im vergangenen Sommer waren es aber nur 13 Euro – was natürlich hinten und vorn nicht reichte, die Menschen dürfen ja dort nicht arbeiten. Die Hilfe ist im Vorjahr fast zusammengebrochen – und das war sicher einer der Gründe, warum sich so viele Menschen entschieden haben, ihre letzten Ersparnisse dafür zu nutzen, nach Europa weiterzufliehen.

STANDARD: Welche Regionen in Syrien sind derzeit von Hilfslieferungen abgeschnitten?

Südhoff: Die IS-Gebiete fast vollständig, und darüber hinaus hatten wir bis vor kurzem zu 18 weiteren belagerten Gebieten praktisch überhaupt keinen Zugang. Jetzt können wir diese 18 Gebiete zumindest punktuell versorgen. Das ist aber immer eine Frage des Verhandelns.

STANDARD: Verhandeln mit wem?

Südhoff: Mit der Assad-Regierung, teils mit Rebellen. Alle Parteien nutzen ja den Hunger als Waffe. Wir verhandeln aber nicht mit dem IS: Dort könnten wir Hilfsgüter nur an der Grenze der belagerten Gebiete übergeben, das akzeptieren wir nicht. Zumindest gibt es aber jetzt Luftbrücken in zwei vom IS kontrollierte Städte.

STANDARD: Wie laufen die Verhandlungen mit Syriens Regime?

Südhoff: Es ist ein Vor und Zurück. Wir müssen immer wieder durch Checkpoints fahren, Papiere und Ladung vorzeigen, und es kann immer passieren, dass sich jemand wichtig macht und den ganzen Konvoi zurückschickt. Dann müssen wir es am nächsten Tag wieder versuchen.

STANDARD: Wie groß ist der Anteil der Menschen in Syrien, die sich noch selbst versorgen können?

Südhoff: Sehr klein. Mindestens zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wenn unsere Kollegen nach längerer Zeit wieder in ein belagertes Gebiet vorstoßen, berichten sie, dass sie massivst ausgehungerte Menschen treffen – ausgemergelte Kinder, die seit langer Zeit viel zu wenig essen.

STANDARD: In den Nachbarländern ist die Situation prekär, aber gibt es auch dort Hunger?

Südhoff: Wir sehen auch dort, dass vielfach die Eltern Mahlzeiten auslassen, um ihren Kindern Essen zu geben. Oder dass sie anfangen, die Kinder aus der Schule zu nehmen, um sie betteln zu schicken oder weil sie das Busticket nicht mehr bezahlen können. Die Menschen greifen zu Mechanismen, die die Not dauerhaft noch schlimmer machen, sie wissen sich nicht anders zu helfen.

STANDARD: Auch in der Türkei?

Südhoff: Ja. Außerdem leben dort 90 Prozent der über zwei Millionen Flüchtlinge gar nicht in Lagern, weil es dort keinen Platz mehr gibt. Sie schlafen auf Baustellen, auf Äckern. Sie bekommen überwiegend gar keine Hilfe, auch nicht von uns, weil wir dafür noch keinen Auftrag haben.

STANDARD: Gibt es noch Wege, Syrien zu verlassen?

Südhoff: Eingeschränkt. Der Libanon lässt kaum noch jemanden hinein, Jordanien hat die Grenze teils geschlossen. Wer noch Geld hat, kann eventuell über den Libanon in die Türkei fliegen.

STANDARD: Wie wirkt sich die Verengung der Balkanroute aus?

Südhoff: Das nimmt vielen die Hoffnung, nach Europa zu fliehen. Auf Dauer wird das aber nicht gutgehen, weil es die Menschen langfristig trotzdem versuchen werden, aber eben über andere Routen – es sei denn, wir geben ihnen das Mindeste, das sie zum Überleben brauchen. Viele wollen ja gerne in der Türkei bleiben.

STANDARD: Ist Ihr Hilfsprogramm derzeit ausfinanziert?

Südhoff: Dank Deutschland ja. Wir bekommen in diesem Jahr von Berlin 570 Millionen Euro nur für die Hilfe in Syrien und den Nachbarstaaten. Ab nächstem Jahr sind andere Staaten in der Pflicht.

STANDARD: Sie verhandeln gerade in Wien mit der Bundesregierung. Wie gut fühlen Sie sich unterstützt?

Südhoff: Österreich hat uns 2015 mit 5,7 Millionen Euro so gut wie noch nie unterstützt. Heuer haben wir 850.000 Euro erhalten, aber noch keine weiteren Zusagen. Die Frage ist, ob die Hilfe nicht in einem ähnlichen Rahmen wie im Vorjahr geboten wäre – gerade, wenn man eine weitere Flüchtlingskrise vermeiden will. (Maria Sterkl, 14.7.2016)

Ralf Südhoff (47) ist Leiter des UN-Welternährungsprogramms (WFP) für Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz.

  • Ein Laster des World Food Programme fährt mit Hilfslieferungen durch die großteils zerstörte Stadt Hula im zentral gelegenen syrischen Gouvernement Homs.
    foto: afp / mahmoud taha

    Ein Laster des World Food Programme fährt mit Hilfslieferungen durch die großteils zerstörte Stadt Hula im zentral gelegenen syrischen Gouvernement Homs.

  • Ralf Südhoff: "Die Menschen greifen zu Mechanismen, die die Not dauerhaft noch schlimmer machen."
    foto: wfp

    Ralf Südhoff: "Die Menschen greifen zu Mechanismen, die die Not dauerhaft noch schlimmer machen."

Share if you care.