"Privatbahnen" fahren ÖBB-Güterverkehr in die Parade

13. Juli 2016, 17:10
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Auf der Brennerachse befördern die ÖBB-Konkurrenten bereits mehr als 40 Prozent der Fracht

Wien – Konjunktur- und Exportschwäche sowie niedrige Strom- und Dieselpreise haben im Schienengüterverkehr Spuren hinterlassen. Sowohl Frachtaufkommen (Nettotonnen) als auch die gefahrenen Bahnkilometer (Bruttotonnenkilometer) der Güterbahnen in Österreich waren 2015 rückläufig. Lediglich die Verkehrsleistung stieg um 0,4 Prozent (auf 22,56 Milliarden Nettotonnenkilometer) leicht an, weil die Güter im Schnitt über längere Distanzen transportiert wurden, sagte die Chefin des Bahnregulators Schienen Control (SC), Maria-Theresia Röhsler, am Mittwoch bei Vorlage des Schienenmarktberichts 2015.

Der Rückgang spiegle die Aufkommensverluste des Marktführers, der ÖBB-Güterbahn Rail Cargo Austria (RCA), wider, heißt es im Bericht. Die privaten Konkurrenten, zu denen auch Staatsbetriebe wie Wiener Lokalbahn Cargo, Raaberbahn-Cargo und die Deutsche-Bahn-Ableger Lokomotion und DB Schenker Rail zählen, bauten ihre Marktanteile aus.

Insgesamt bringen es die "Privatbahnen" im ÖBB-Netz inzwischen auf einen Marktanteil von 27 Prozent (Nettotonnen), bei den Nettotonnenkilometern beträgt er fast ein Viertel. Der größte Anteil entfällt auf die vorwiegend auf der Brennerachse zwischen Deutschland und Italien verkehrende Lokomotion, gefolgt von LTE-Logistik und Cargoserv.

Trend zu Ganzzugtransporten

Schienen-Control-Chefin Röhsler attestierte sowohl einen anhaltenden Trend zu Ganzzugtransporten als auch eine Umschichtung Richtung Güterfernverkehr. Fast 65 Prozent der Güterzüge sind Ganzzüge, also Züge mit einheitlicher Fracht, für deren Zusammenstellung es praktisch keinen Verschub braucht. Der Nachteil: Der Margenverfall ist bei dieser Transportart aufgrund des starken Wettbewerbs extrem, was insbesondere die RCA mit ausgeprägtem Overhead und (unkündbarem) Personal unter Kostendruck bringt. Mit der geplanten Verlagerung der Förderungen für Schienengütertransporte hin zum aufwendigeren und somit deutlich teureren Einzelwagenverkehr will das Verkehrsministerium Abhilfe schaffen und der ÖBB unter die Arme greifen.

Auf der Brennerachse und der Westachse (Wien–Salzburg beziehungsweise Wien–Passau) wickelten die sogenannten Privatbahnen bereits 42 beziehungsweise 30 Prozent des gesamten Güterverkehrsaufkommens ab.

Der Güternahverkehr auf der Schiene wiederum ist nicht zuletzt aufgrund der drastischen Reduzierung der unrentablen Stückgut-Transporte durch die ÖBB innerhalb Österreichs rückläufig.

Leichter Rückgang im Personenverkehr

Insgesamt waren in Österreich im Personen- und Güterverkehr im Vorjahr 56 Eisenbahnunternehmen aktiv, davon 44 aus dem Inland. Sie bescherten dem staatlichen ÖBB-Konzern auch im Personenverkehr einen leichten Rückgang, wobei die Situation für den Marktbeherrscher ÖBB-Personenverkehr AG als Monopolisten bei staatlichen Leistungsbestellungen noch deutlich komfortabler ist als im Güterverkehr.

Die Zahl der Fahrgäste stieg laut Schienen Control um 1,5 Prozent auf 282,4 Millionen. Die Privatbahnen beförderten im Vorjahr 15,7 Prozent der Passagiere, das entspricht einer Steigerung um 0,3 Prozentpunkte. Der leichte Zuwachs ist auch auf verbesserte Angebote zurückzuführen, die gefahrenen Personenkilometer stiegen um hundert Millionen auf 12,2 Milliarden. Die von der ÖBB-Infrastruktur vereinnahmte Schienenmaut stieg von 483,3 auf 508,6 Millionen Euro. (ung, 13.7.2016)

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