Kinder brauchen Erwachsene, die für sich selbst sorgen

Kolumne17. Juli 2016, 17:00
210 Postings

Warum es für Kinder so wichtig ist, dass ihre Eltern ihre eigene Integrität schützen – und ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen

Frage:

Hallo Herr Juul, fast täglich stehe ich am absoluten Rande meiner Kräfte, mir fehlt regelmäßig die Kraft, mich emotional und psychisch vom High-Speed-Level zurück zu holen.
Meine Kinder (ein vierjähriges Mädchen und ein 19 Monate alter Sohn) sind seit Beginn ihres Lebens sehr betreuungsintensive Kinder, vereinnahmen mich zu einhundert Prozent.

Mein Sohn wird noch gestillt, wir schlafen im Familienbett und ich versuche, meine Kinder genau so zu lieben, wie sie sind. Doch beide fordern mich so sehr, dass ich mit meinen Nerven bald am Ende bin. Egal, was wir auch tun, es ist immer purer Stress. Es scheint, als würden sie genau wissen, was sie wollen und nichts und niemand auf der Welt kann sie von ihrer Meinung abbringen oder sie ablenken.

Meiner Tochter fällt es schwer, sich anzupassen, sie zieht unter allen Umständen "ihr Ding" durch.
Sie ist so rebellisch und stur. Ich will sie auf keinen Fall in ihrer Integrität verletzen. Nun spürt sie, dass ihr Bruder auch ihr gegenüber seinen eigenen Willen durchsetzen will, was natürlich zu heftigsten Streitereien führt. Ich bin mir immer unsicher, wie und wann ich mich einmischen soll, wie ich reagieren soll, wenn sie ihm gewaltsam seine Spielsachen entreißt oder ihn schlägt. Dazu kommt, dass ich an manchen Tagen am liebsten resignieren möchte, wenn sich die beiden wieder einmal gegen mich "verbünden".

Dann stiftet die Große den Kleinen an, "verbotene Dinge" zu tun, etwa Dinge kaputt machen, auf Möbel zu klettern oder mich zu schlagen.
Ich weiß dann nicht, wie ich mich verhalten soll. Dazu muss ich ergänzen, dass ich quasi alleine mit den beiden bin, da mein Mann viel arbeitet und wir leider keinen familiären Anhang haben.

Antwort:

Meine spontane Eingabe war, Ihnen eine kurze Antwort zu schreiben, die da lautet: "Sorgen Sie gut für Ihr wertvolles Selbst!" Doch dann wurde mir klar, dass Ihnen genau das schwer fällt. Deshalb hier meine ausführlichere Rückmeldung.

Ohne nähere Details zu kennen, habe ich den Eindruck, dass bei Ihnen zwei Erziehungsprinzipien vorherrschen: Einerseits Integrität an sich, andererseits aber immer wieder die Verletzung dieser Integrität. Diese beiden Prinzipien sind in der Beziehung zu Ihren Kindern mehr als nur ein Leitgedanke. Weil Sie so sehr versuchen, die Integrität Ihrer Kinder zu wahren, haben Sie völlig darauf vergessen, auf Ihre eigene persönliche Integrität zu achten. Sie drängen Ihre eigenen Grenzen und Werte ständig in den Hintergrund.

Wie Ihre Tochter mit Ihrem Sohn umgeht, ist eine Folge davon: Das Verhalten Ihrer Tochter zeigt, dass sie nie die Möglichkeit hatte, mehr über die Integrität anderer Menschen zu erfahren. Auf Sie als Mutter bezogen heißt das: Ihr Tochter konnte nie lernen, was Ihre Bedürfnisse und Werte sind.

Dieser "Fehler", von dem ich glaube, dass er Ihnen passiert ist (und ich kann durchaus falsch liegen!) ist nicht ungewöhnlich. Viele Eltern, die meine Bücher lesen, erinnern sich nur an das, was gut oder schlecht für ihre Kinder ist, aber nicht was gut oder schlecht für sie selbst als Eltern ist. Ich habe keine Ahnung, ob Sie nur darauf vergessen haben, sich selbst so ernst zu nehmen wie Ihre Kinder, oder ob vielleicht Ihre eigene Integrität als Kind verletzt wurde. Deshalb ist es mir nicht möglich, Ihnen einen nächsten Schritt vorzuschlagen – außer jenen, dass Sie damit aufhören müssen, Ihren Kindern einhundert Prozent Ihrer selbst zu geben. Das ist viel mehr als Kinder brauchen, ungeachtet ihrer Besonderheiten.

Alles, was Kinder brauchen, sind Eltern, die auch für sich selbst sorgen und Prioritäten in Bezug auf Ihre eigenen Bedürfnisse setzen können. Es tut mir sehr leid, dass Sie offensichtlich als Alleinerzieherin leben müssen. Es wäre um einiges leichter, wenn Sie einen empathischen Partner hätten, der Sie anders als nur durch "Entlastung" unterstützen könnte. Vielleicht sollten Sie ihn danach fragen? (Jesper Juul, 17.7.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 31.7.2016.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

Share if you care.