Wenn Wundermittel im Internet angepriesen werden

Userkommentar4. August 2016, 10:38
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Kritische Plattformen geraten ins Visier von Verschwörungstheoretikern

Nicht nur rechtsextreme Gruppen, Jihadisten, Mormonen und Scientologen nutzen das Internet, um sich besser zu vernetzen und Gruppen zu formieren. Durch das Web 2.0 werden schnell und einfach auch Inhalte verbreitet, die pseudowissenschaftlichen Charakter haben und in die Kategorie "Humbug und Scharlatanerie" fallen. Ob nun Homöopathen, Verschwörungstheoretiker oder Impfgegner: Sie sind nicht nur gut vernetzt, sondern auch kommerziell aktiv, immerhin können Kunden einfach per Mausklick alle möglichen Produkte online erwerben.

Bleichmittel als Wunderwaffe

Ein besonders abschreckendes Beispiel ist der Verkauf des Bleichmittels Natriumchlorit, auch "Mineral Miracle Supplement" (MMS) genannt und online recht einfach erhältlich. Zur Information: MMS hilft laut Jim Humble, seinem "Erfinder", gegen alles:

"Für AIDS, Hepatitis A, B und C, Malaria, Herpes, Tuberkulose, die meisten Krebsformen und viele weitere ernste Erkrankungen gibt es nun eine Lösung. Zahlreiche Krankheiten lassen sich jetzt erfolgreich bekämpfen."

Es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die irgendeine positive Wirkung von MMS belegt. Im Gegenteil: Verschiedene Gesundheitsbehörden warnen sogar vor der unter Umständen gefährlichen Chemikalie. MMS wurde nicht zuletzt medial bekannt, weil jungen Müttern empfohlen wurde, ihren Säuglingen MMS-Einläufe zu verpassen, um sie von Autismus zu heilen. Nicht zu Unrecht wurde Humble, der 25 Jahre lang bei Scientology aktiv war, für das Goldene Brett 2015 nominiert.

Kritische Online-Einträge

Skeptisch denkende Menschen begegnen diesem pseudowissenschaftlichen Wildwuchs und dem Verkommen des Internets zum Schlangenölsupermarkt, indem sie selbst Internetseiten mitgestalten. Wikipedia ist dabei nicht unerheblich: Einträge von kommerziell aktiven Pseudowissenschaftern werden um validierte kritische Informationen erweitert. Als besonders engagiert gilt dabei die Initiative "Guerrilla Skepticism on Wikipedia", die entsprechende Aktivitäten plant, koordiniert und durchführt.

Neben Wikipedia beschäftigt sich das eigenständige Wiki "Psiram" (vormals Esowatch) mit Pseudowissenschaften, irrationalen Überzeugungssystemen und alternativer Medizin. Es ist nicht nur ein Wiki, sondern auch ein Blog und ein Forum für den gegenseitigen Austausch. Anfangs noch als zynische und sarkastische Plattform ausgelegt, hat es sich über die Jahre als deutschsprachiges Standardwerk zur Aufklärung über kommerzielle Machenschaften der Esoterikszene etabliert. Die wichtigste Information, die man dort findet, ist allein schon die Tatsache, ob ein Anbieter, ein Produkt oder eine Ideologie überhaupt einen Eintrag hat. Wenn ja, dann wird dort über Wissenschaftlichkeit, Gefahren und rechtsrelevante Vorgänge wie etwa Gerichtsurteile berichtet. Da beispielsweise Kritiker der "Neuen Germanischen Medizin" von Männern in schwarzen Stiefeln und mit Glatzen belästigt wurden, sind Psiram-Autoren anonym, um sie vor physischen Übergriffen zu schützen.

Reaktionen auf skeptische Plattformen

Die kritischen Plattformen bleiben ihrerseits nicht unkommentiert. Die Suche im Internet bringt eine Vielzahl von ideologisch motivierten Angriffen auf die Wissenschaftlichkeit, die Ratio und auf den Konsumentenschutz zum Vorschein. Hoch im Kurs stehen dabei diverse Verschwörungstheorien. Auch viele Homöopathen, die ohnehin in Apotheken vertreiben dürfen, stellen sich auf ihre Seite.

Psiram-Autoren wird beispielsweise gerne nachgesagt, mit Illuminaten verwoben zu sein, von denen sich Alternativanbieter verfolgt fühlen. Zu Unrecht verfolgt, versteht sich. Die esoterische Plattform timetodo.ch etwa verbreitete in einer ihrer Sendungen Theorien dazu, wer oder was "hinter Psiram" steckt. Die jüdische Verschwörung und die Pharmalobby bleiben dabei natürlich nicht unerwähnt.

Wer für Psiram schreibt, wird außerdem auf Internetseiten als Hetzer beschimpft – oder sollte man sagen "enttarnt"? Und auch "Guerrilla Skepticism on Wikipedia" wird eine Anzahl an Verschwörungstheorien angedichtet. Die wohl prominenteste Sage rankt sich um den Wikipedia-Artikel über den Edelesoteriker und Parapsychologen Rupert Sheldrake, wonach Skeptiker es angeblich verhindern, dass "wissenschaftliche" Referenzen von Sheldrake-Befürwortern untergebracht werden. Rupert Sheldrake verfügt selbstverständlich über einen Psiram-Eintrag. (Michael Jachan, 4.8. 2016)

Michael Jachan ist Signalverarbeiter und Softwareentwickler für neurophysiologische Analysesoftware in Deutschland, Mitglied der Skeptikerbewegung und Pastafari-Priester. Er dankt zwei anonymen Psiram-Autoren für das Freigeben, pardon, Korrekturlesen dieses Textes und für das von den Pharma-Illuminaten gezahlte Schmiergeld.

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  • Die Initiative "Guerrilla Skepticism on Wikipedia" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Einträge von kommerziell aktiven Pseudowissenschaftern um kritische Informationen zu erweitern.
    foto: afp/lionel bonaventure

    Die Initiative "Guerrilla Skepticism on Wikipedia" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Einträge von kommerziell aktiven Pseudowissenschaftern um kritische Informationen zu erweitern.

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