Maya-Neujahr in der Seestadt Aspern

Video13. Juli 2016, 11:01
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Vergangene Woche wurde erstmals in Österreich unter Leitung eines Ajq'ij das Maya-Neujahrsfest Waxajq'ib Batz gefeiert

Mit Zucker markiert Carlos Morán Ical einen Kreis auf dem Boden. "Die Mutter Erde mag gerne Süßes", übersetzt die Maya-Expertin Barbara Kühhas die Worte von Carlos für die Besucher aus dem Spanischen ins Deutsche. Danach zieht Carlos mit dem Zucker zwei sich kreuzende Linien innerhalb des Kreises. In die so gestalteten vier Felder werden vier Punkte mit dem Zucker gegossen. "Das ist das Venuszeichen. Das signalisiert die Fruchtbarkeit", sagt Carlos.

Ajq’ij – der Maya-Priester

Der gelernte Psychologe ist einer der bekanntesten Ajq'ij der Welt. Ajq'ij sind Maya-Priester. Im Deutschen werden sie als Schamanen bezeichnet. Ihre Funktionen sind vielfältig. Sie sind Zeremonienmeister, Naturheiler, aber auch spirituelle Führer bei den Mayas. Zu einem Ajq'ij wird man nicht gewählt. "Ajq'ij sind Menschen mit besonderen Gaben, die ihnen von der Natur verliehen werden. Das sind göttliche Geschenke, die jeder Ajq'ij erst im Laufe seines Lebens durch verschiedene Zeichen, insbesondere durch Träume entdeckt", sagt Carlos.

Ein Ajq'ij ist ein "Zähler der Zeit", der den Sonnenkalender und den Mondkalender gut kennen und sie beide deuten können muss. Dieses Wissen wird durch das Feuer, welches es als eine der vier Essenzen erlaubt, mit dem Universum zu sprechen und dem Andenken an die verstorbenen Vorfahren dient, gestärkt. Sein Arbeitsfeld ist nicht nur die Medizin oder die Weitergabe von gewissen Grundprinzipien und Werten, sondern auch das Verstehen von Raum und Zeit und das Leiten von Zeremonien.

Gaben an die Götter

In seiner Funktion als Zeremonienmeister erklärt der Ajq'ij den Besuchern, wie es nun weitergeht: "Zuerst werden die Zapfen auf das Venuszeichen gelegt. Jeder, der sich in dem Zeremonienkreis bewegt, muss es gegen den Uhrzeigersinn machen", erläutert Carlos den Ablauf.

Der Verein Motz’-Maya, der diese Veranstaltung organisiert hat, hat im Vorfeld alle Beteiligten gebeten, kleine Gaben an die Götter mitzunehmen. "Alle sind eingeladen worden, Kerzen, Blumen und Früchte in verschiedenen Farben als Geschenke an die Götter mitzubringen", sagt die Kultur- und Sozialanthropologin Barbara Kühhas, die Gründerin des Vereines Motz’-Maya.

Nachdem viele Zapfen das Venuszeichen bedecken, bittet Carlos die an dem Ritual Beteiligten, zuerst die roten, dann die schwarzen und violetten, danach die gelben und die weißen Gaben um die Zapfen herum zu platzieren. Zum Schluss werden die blauen und grünen Gaben in die Mitte der Feuerstelle gelegt.

Tzolkin – der rituelle Kalender der Maya

Der Anlass, dieses Ritual zu veranstalten, ist Waxajq'ib Batz, einer der heiligsten Tage der Maya. In der Maya-Kosmovision markiert dieser Tag den Beginn eines neuen Mondzyklus. An diesem Tag wird laut dem Maya-Mondkalender (Tzolkin) das neue Jahr eingeläutet. Anders gesagt: Es ist die Silvesterfeier der Maya.

Der Mondkalender Tzolkin ist der rituelle Kalender des mittelamerikanischen Volkes. Dieser ist in 13 Monate (symbolisiert für die Mayas 13 Energien) zu jeweils 20 Tagen (symbolisiert für die Mayas 20 Zeichen) unterteilt. Das entspricht einem 260-tägigen Zyklus, wo jeder Tag sein ganz besonderes Thema hat. An manchen Tagen ist das Thema die Liebe oder die Gemeinschaft, an anderen Tagen geht es beispielsweise um die Vernetzung und die Organisation, und "am Waxajq'ib Batz werden generationenübergreifend verschiedene Talente und Professionen der Menschen – egal welcher Art – gefeiert und wertgeschätzt. Ein Tag, an dem die Lebensaufgabe eines jeden gewürdigt wird", so Kühhas.

Asperner Hollerbusch

Warum das Maya-Neujahrsfest heuer in der Seestadt Aspern gefeiert wird, hat seine Vorgeschichte teilweise in der Bauplanungsphase für die Seestadt. Damit eng verbunden ist einer ihrer Mitgestalter, Josef Lueger. Er ist Entwickler von Immobilien und Liegenschaften, insbesondere in deren Pionierphasen. "In einer geomantischen Studie ist dieser Platz, wo der Hollerbusch steht, als ein energetischer Platz identifiziert worden. Und so ist dieser Platz rund um den Hollerbusch in die Grundlagenforschung eingegangen. Der Masterplan von Johannes Tovatt hat darauf reagiert, und es ist an dieser Stelle ein Bauplatz für sakrale Nutzungen entstanden", sagt Lueger.

derstandard.at

Der "Asperner Hollerbusch" hat zwei Weltkriege überlebt, und sogar in der Zeit des Asperner Flugfeldes gedieh er hier. Aufgrund der Schwere der Ereignisse, die sich auf diesen Feldern, wo die Seestadt heute steht, ereigneten – so wurde etwa ein Teil der Schlacht von Aspern im Jahr 1809 hier ausgefochten – entschied sich Lueger gemeinsam mit Kühhas letztes Jahr, ein Ritual beim Hollerbusch abzuhalten. "Wir wollten die hier negativ aufgeladene Energie ins Positive drehen", so Lueger. Und so haben sie letztes Jahr als eine Art Einweihung der Seestadt ein Ritual mit Carlos beim Hollerbusch abgehalten.

Begabungen für die Allgemeinheit

Schon damals gab es die Idee, auch einmal ein Maya-Neujahrsfest in der Seestadt zu feiern. "Letztes Jahr haben wir durch das Ritual den Dialog zwischen den hier verstorbenen Vorfahren und den heute hier lebenden Generationen aufzubauen begonnen," sagt Carlos und fährt fort: "Dieser Ort soll ein Platz des Erwachsens und der Weiterentwicklung der Menschen im spirituellen Bereich sein. Darum feiern wir heute dieses besondere Fest hier, wo wir alle Begabungen von allen Menschen zelebrieren. Damit die Menschen ihre Begabungen erkennen, diese weiterentwickeln und sie mit der Allgemeinheit teilen."

Durch das Feuer mit dem Universum kommunizieren

Rund um den Asperner Hollerbusch haben sich heute etwa 200 Menschen versammelt. Den Kindern wird die Ehre erwiesen, das Feuer anzünden zu dürfen. Die Reihenfolge beim Feuerentfachen bleibt die gleiche wie beim Niederlegen der Gaben. Die roten "Göttergeschenke" werden als erste angezündet, zum Schluss die blauen und grünen.

Als dann alle Farben brennen, werden an diesem Tag 20 unterschiedliche Rituale durchgeführt. Carlos spricht durch das Feuer mit dem Universum und bittet die Götter um Verzeihung: "Wir möchten uns dafür entschuldigen, dass wir dich, Mutter Erde, so häufig verletzt haben." Um die Götter zu besänftigen, werden bei jedem der 20 Rituale den Göttern weitere kleine Gaben überreicht. Für die Maya ist dieses Ritual ein sehr heiliger und zutiefst spiritueller, wichtiger Brauch.

Maya-Hip-Hop von Balam Ajpu

Musikalisch wird Carlos bei der heutigen Zeremonie von der Maya-Hip-Hop-Gruppe Balam Ajpu unterstützt. Die guatemaltekische Formation tritt häufig bei Maya-Zeremonien auf und hat ihr neues Album ganz dem Mondkalender und den 20 Navales (Tagen) gewidmet. "Wir möchten mit unserer Musik unsere Kultur über unsere Grenzen hinweg bekanntmachen und den Menschen unsere Traditionen näherbringen", sagt Bandmitglied Tz'utzu Kan.

Markus, einer der Anwesenden, ist fasziniert vom Ritual: "Diese Energie an dieser Stelle ist so unglaublich stark, und durch die Zeremonie spürt man sie noch mehr, das ist schwer zu beschreiben." Eine andere Besucherin denkt, dass die Menschen in Europa durch die Maya vieles wieder erlernen könnten: "Wir Menschen hier im Westen haben auf die spirituelle und esoterische Ebene ganz vergessen, aber sie ist sehr wichtig, um die Welt in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Das können wir von den Maya lernen, und deswegen bin ich heute hier."

Sechs Millionen Maya

Obwohl in Teilen der Öffentlichkeit der Irrglaube besteht, die Maya seien ausgestorben, leben heute in Zentralamerika noch etwa sechs Millionen Maya. Auch 26 Maya-Sprachen haben bis heute überlebt. "Für die Maya war es in der Zeit der Kolonialisierung und der Missionierung nicht leicht, ihre Kultur zu erhalten. Aber gerade das Wissen um die Maya-Kalender und die Struktur von Raum und Zeit hat ihnen dabei geholfen, dass ihre Kultur nicht ausstirbt", sagt Kühhas.

Nachdem die 20 Rituale von Carlos abgehalten wurden, haben viele der Anwesenden noch Fragen an ihn. Manche erkundigen sich nach den Maya-Traditionen, andere nach der Naturheilkunde der alten zentralamerikanischen Kultur. Carlos nimmt sich die Zeit für die Fragen der Besucher. Alle kann er an diesem Tag aber nicht beantworten. Da das Interesse jedoch so groß ist, verspricht er wiederzukommen: "Die Seestadt Aspern ist für mich ein besonderer Ort. Das ist nicht das letzte Mal, dass ich hier bin." (Siniša Puktalović, 13.7.2016)

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