Künstlerin Nathalie Du Pasquier: "Oberfläche ist alles"

Interview14. Juli 2016, 16:13
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Nathalie Du Pasquier war in den 1980er-Jahren Mitglied der legendären Designtruppe Memphis. Irgendwann war es ihr lieber, Möbel zu malen als sie zu entwerfen. Ein Gespräch über Kunst und Design anlässlich ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Wien

Im Hof des Wiener Museumsquartiers steht die Hitze. Die Künstlerin Nathalie Du Pasquier, die gerade mit dem Aufbau ihrer Ausstellung "Big Objects not always silent" (ab 15. 7.) beschäftigt ist, zieht es vor, im Inneren der Kunsthalle zu bleiben, wo es angenehm kühl ist. Sie nimmt auf einer der Bänke vor einer großen Ziegelmauer Platz. "Ich sammle Ziegel", sagt sie. In der Halle daneben wird gehämmert und getackert. Die 59-Jährige nippt an einer Cola. "Ich trinke nur zwei Cola pro Jahr", sagt sie. Sie trägt eine brav geblümte Bluse, die im Vergleich zu ihren Textilentwürfen für American Apparel oder Hay geradezu tantenhaft wirkt. Das Gespräch soll sich um Design drehen. "Ich weiß nicht viel über Design", sagt sie. Das gibt's doch nicht ...

STANDARD: ... Sie waren Mitbegründerin der Designbewegung Memphis, die 1980 in Mailand entstand. Wie war es, als junge Frau mit Größen wie Ettore Sottsass und Michele de Lucchi zusammenzutreffen?

Nathalie Du Pasquier: Ich war 23. Wenn man jung ist, geht man in eine Bar und trifft andere Leute. Ich hab diese Designer nicht gesucht. Man hat sich einfach getroffen. Ich wusste nicht einmal wirklich etwas über Design.

STANDARD: Sie hatten keine Ahnung von Design? Wie wurden Sie dann Teil dieser Truppe?

Du Pasquier: Ich traf sie durch meinen Freund und späteren Ehemann, den Designer George Sowden, der damals mit Ettore Sottsass für Olivetti arbeitete. George hat mich gefragt, ob ich die Oberflächen einiger Objekte gestalten wolle, die er für die Memphis-Kollektion entwickelte.

STANDARD: So einfach war das?

Du Pasquier: Ja, "Probier's aus und mach was", lautete das Motto. Später kamen viele meiner eigenen Entwürfe hinzu. Memphis war ein großartiges Trampolin, um Dinge auszuprobieren.

STANDARD: 1987 stiegen Sie vom Trampolin herunter und haben sich der Malerei zugewandt. Warum?

Du Pasquier: Weil ich Malerin sein wollte. Ich wollte mein eigenes Ding machen, allein arbeiten. In einem Studio mit anderen zu werken war nie meins.

STANDARD: Dennoch fällt Ihr Name auch 30 Jahre später nicht ohne den Zusatz "Memphis". Ist dieser Stempel ein Fluch für die Künstlerin Du Pasquier oder ein Segen für die Marke Du Pasquier?

Du Pasquier: Die Beatles sind bekannt für Yesterday, Bob Dylan für Blowin' in the wind. Es ist okay, wenn sich die Leute daran erinnern, dass ich ein Teil von Memphis war.

STANDARD: Ihre Bilder und Skulpturen sind zum Teil sehr objektbezogen und zeigen immer noch Dinge aus der Welt des Designs.

Du Pasquier: Nein, nicht aus der Welt des Designs. Es sind normale Objekte.

STANDARD: Aber es handelt sich auch um Tische, Sessel, Vasen etc.

Du Pasquier: Ja, aber sie sind sehr gewöhnlich. Es sind Objekte, die ich baue, um sie zu malen.

STANDARD: Was fasziniert Sie an einem Objekt?

Du Pasquier: Es strahlt Ruhe aus. Es ist still.

STANDARD: Das wäre ein Sessel, den Sie entwerfen würden, auch.

Du Pasquier: Ich male ihn lieber.

STANDARD: Nehmen wir an, eine bedeutende Firma wie B & B Italia, Cassina oder Vitra würde an Sie mit dem Wunsch herantreten, ein Möbel zu gestalten. Wie würden Sie reagieren?

Du Pasquier: Ich würde dankend ablehnen.

STANDARD: Dass Sie nicht mehr designen, ist eigentlich geschwindelt. Sie haben zum Beispiel Kissen und andere Textilien für Hay oder American Apparel entworfen. Ist das nun Textildesign oder Kunst auf einem Objekt?

Du Pasquier: Es ist weder Grafikdesign noch Kunst. Es sind einfach Textilien. Stoff. Das Faszinierende am Stoff ist, dass man ihn einfach falten und mitnehmen kann. Mit Stoff lässt es sich kommunizieren. Bespannt man ein Sofa mit einem bestimmten Dekor verwandelt dieses das Objekt in ein komplett anderes.

STANDARD: Die Oberfläche eines Objektes spielt also eine besonders große Rolle.

Du Pasquier: Die Oberfläche ist alles. Bei Memphis zum Beispiel machte erst die Kombination von Oberflächen das Objekt aus.

STANDARD: Wie kommen diese Muster zu Ihnen?

Du Pasquier: Aus vielen Winkeln, aus der Zeit von Memphis, von den Dingen, die mich umgeben, von folkloristischen Objekten, von Reisen, von Ornamenten der Wiener Werkstätte. Aber wollten wir nicht über Kunst sprechen?

STANDARD: Doch. Wie würden Sie das Verhältnis von Design und Kunst beschreiben?

Du Pasquier: Schwierige Frage. Ein schlechter Sessel ist für die Welt so schlecht wie ein schlechtes Kunstwerk. Kunst ist ein großes Wort.

STANDARD: Wie groß?

Du Pasquier: Es geht um die Art, wie etwas geschaffen wird. Wenn etwas wirklich gut gemacht ist, dann ist es Kunst. Kunst ist keine Kategorie, sondern die Art und Weise, etwas zu tun. Das gilt sogar fürs Kochen. Oder fürs Tanzen.

STANDARD: Und für Design.

Du Pasquier: Natürlich.

STANDARD: Ettore Sottsass war also ein Künstler?

Du Pasquier: Nun, er wäre nicht gern so genannt worden, aber in vielen seiner Arbeiten steckt mehr Kraft als in so manchem Kunstwerk.

STANDARD: Der Kunstmarkt wird immer kritischer betrachtet. Manche sprechen von einer Blase, in der es nur noch um Besitzen und Sammeln ohne jeglichen Diskurs geht. Wie geht es Ihnen damit?

Du Pasquier: Das ist oft für die Jungen ein Problem, die glauben, in diesen Markt passen zu müssen. Ich habe darüber nie nachgedacht. Man muss tun, was man tun muss.

STANDARD: Das klingt sehr simpel und romantisch. Der Markt hat sich auch für Sie verändert, oder?

Du Pasquier: Ja, aber ich habe mich nicht für den Markt verändert. Ich hatte, was meine Malerei betrifft, über 20 Jahre nur einen einzigen Sammler. Er war aus China und hat sich nicht um den Markt oder irgendwelche Moden geschert. Sie müssen wissen, ich bin nun fast 60, und diese Schau hier in der Kunsthalle ist nach vielen anderen Ausstellungen die allererste in einem Museum.

STANDARD: Was raten Sie einem jungen Designer?

Du Pasquier: Dass er entwirft.

STANDARD: Einem jungen Maler?

Du Pasquier: Dass er malt. Was sonst?

STANDARD: So einfach ist das?

Du Pasquier: So einfach. Es liegt uns frei, die Dinge zu tun, die wir tun wollen.

STANDARD: War es nicht schon einmal leichter, die Dinge zu tun, die man tun will?

Du Pasquier: Nein, das stimmt nicht. Stoffdruck funktioniert heute tausendmal einfacher, als dies früher der Fall war. Ich erinnere mich, dass man für jede Farbe einen eigenen Rahmen für den Siebdruck bauen musste. Das war alles sauteuer und langwierig. Heute erledigt man solche Dinge mit dem Computer. Man kann eine Modekollektion in einem Monat hinkriegen.

STANDARD: 3-D-Drucker gibt's mittlerweile auch.

Du Pasquier: Ja, wobei man damit keinen Dampfdruckkochtopf ausdrucken kann.

STANDARD: Noch nicht.

Du Pasquier: Noch nicht.

(Michael Hausenblas, RONDO, 15.7.2016)

Zur Person

Nathalie Du Pasquier wurde 1957 in Bordeaux geboren und lebt seit 1979 in Mailand. 1980 stieß sie zur Designgruppe Memphis und entwarf eine Vielzahl von Objekten. 1987 wandte sie sich der Malerei zu. In der Kunsthalle Wien (MQ) ist bis 13. 11. ihre Ausstellung "Big Objects not always silent" zu sehen.

www.nathaliedupasquier.com

  • Nathalie Du Pasquier war in den 1980er-Jahren Mitglied der legendären Designtruppe Memphis.
    foto: david avazzadeh, kunsthalle wien 2016

    Nathalie Du Pasquier war in den 1980er-Jahren Mitglied der legendären Designtruppe Memphis.

  • Nathalie Du Pasquiers Stoffentwurf für American Apparel

    Nathalie Du Pasquiers Stoffentwurf für American Apparel

  • Nathalie-Du-Pasquier, Porzellan-Stilleben/ CRAFT Limoges 2003
    foto: nathalie du pasquier/ exile gallery, berlin

    Nathalie-Du-Pasquier, Porzellan-Stilleben/ CRAFT Limoges 2003

  • Emerald-Konsole/ Memphis 85
    foto: roberto gennari

    Emerald-Konsole/ Memphis 85

  • Nathalie Du Pasquier: Notizbücher und Bleistifte für Hay
    foto: maximilian pramatarov

    Nathalie Du Pasquier: Notizbücher und Bleistifte für Hay

  • Nathalie Du Pasquier: Kissen für Hay
    foto: maximilian pramatarov

    Nathalie Du Pasquier: Kissen für Hay

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