So klingt die Welt: Klangforscher Bernie Krause im Interview

Interview15. Juli 2016, 05:30
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Er hat Wölfe in Ontario und Wale vor Hawaii belauscht, er hat Seeanemonen und Viren zugehört. Klangforscher Bernie Krause weiß, was die Töne der Natur zu bedeuten haben.

STANDARD: Wir sind in Paris. Welchen Klang hat die Stadt?

Krause: Jeder Ort hat eine akustische Signatur. Paris klingt anders als Wien oder New York. Beschreiben kann ich den Klang nicht, da ich seit 40 Jahren nicht mehr in dieser Stadt war.

STANDARD: Sie haben sowohl in Los Angeles als auch in New York gelebt. Wie klingen diese Städte?

Krause: Städte mit hohen Gebäuden klingen hallig, der Lärm ist größer, er klingt anders als in Städten mit niederen Gebäuden – selbst wenn viel Verkehr herrscht. Das Problem ist, dass uns die richtigen Worte fehlen, um Klang zu beschreiben.

STANDARD: Warum ist das so?

Krause: Wir haben ein komplexes Vokabular, um Musik zu beschreiben. Darüber hinaus aber gibt es wenig. Nachdem ich mich in meiner Arbeit auf natürliche Klänge konzentriere, blieb mir nichts anderes übrig, als selbst aktiv zu werden. Um den Wind in den Bäumen oder das Geräusch des Ozeans zu beschreiben, habe ich die Geophonie erfunden. Um jene von Lebewesen zu beschreiben, die Biophonie.

STANDARD: Wann beschlossen Sie, Klangforscher zu werden?

Krause: Als ich im Nordwesten der USA mit einem Indianerstamm arbeitete. Ich habe ihre Lieder aufgenommen. Ein Mann führte mich eines Tages an einen Wildbach. Der Wind fegte durch das Schilf, es klang, wie wenn eine Orgel spielen würde. Hier liegt der Keim unserer Musik, sagte der Mann. In diesem Moment beschloss ich, mich mit den Klängen der natürlichen Welt zu beschäftigen. Das war 1971.

STANDARD: Sie beschäftigen sich nicht mit singulären Tierstimmen, sondern mit Klangnischen ...

Krause: Ich erinnere mich an eine Nacht in Kenia ein paar Jahre später. Ich hörte Geräusche, wie ich sie noch nie gehört habe. Zurück im Tonstudio, realisierte ich, wie wunderbar die einzelnen Klangräume zusammenpassten. Die Frösche hatten ihre Klangnischen, die Insekten, die Vögel. Und zusammen ergaben sie ein Ganzes. Wir sind gewohnt, nur auf die Stimmen einer bestimmten Tierart zu hören. Wenn man sie voneinander loslöst, verlieren sie allerdings ihre Bedeutung.

STANDARD: Was meinen Sie mit Bedeutung?

Krause: Wenn Tiere in ihrer Kommunikation erfolgreich sein wollen, erzeugen sie eigene phonetische Nischen. Dort werden ihre Stimmen nicht von anderen überlagert. Was ich damit sagen will, ist: Die Tierwelt hat eigene akustische Territorien geschaffen. Nur wenn sie funktionieren, handelt es sich um ein gesundes Habitat.

STANDARD: Wie klingt ein krankes Habitat?

Krause: Das hören Sie sofort. Ich selbst leide an ADHS, am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Das Einzige, was mir hilft, ist, mich in der natürlichen Welt aufzuhalten – in ihrer Klangwelt. Sie beruhigt mich, hat heilende Kräfte für mich. Bei vielen Naturvölkern ist das ähnlich.

STANDARD: Sie waren früher Musiker. Lauschen Sie natürlichen Klängen ähnlich wie Musik?

Krause: Ja, natürliche Klangwelten ähneln einem Proto-Orchester. Je nach Stimmung höre ich einem Regenwald zu, Unterwasserwelten oder der Wüste.

STANDARD: Wo finden Sie gesunde Habitate?

Krause: 20 Minuten von meinem Haus entfernt zum Beispiel – früher zumindest. Wir leben in Nordkalifornien, 80 Kilometer von San Francisco entfernt. Wir erleben derzeit die größte Trockenheit seit 1200 Jahren, heute klingt dieses Habitat komplett anders. Die Vögel sind verschwunden. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe.

STANDARD: Sie sind 77. Welche Expeditionen haben Sie am meisten beeindruckt?

Krause: Mein Lieblingsort ist Alaska. Das Land ist dreimal so groß wie Frankreich, aber es gibt nur 700.000 Einwohner. Es gibt noch intakte Regenwälder, es gibt die Tundra, unglaubliche Küstenabschnitte mit einem großen Artenreichtum. Im Frühling sammeln sich Millionen Vögel in Alaska, sie kommen aus Afrika, Neuseeland, Indonesien.

STANDARD: Was haben Sie über all die Jahre, die Sie die Natur belauscht haben, gelernt?

Krause: Dass wir aufhören müssen, die Welt so auszubeuten, wie wir es bisher gemacht haben. Nicht alles ist kommerzialisierbar: das Wasser, die Luft, die Erde. 50 Prozent meiner Klangaufnahmen sind von Habitaten, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Das macht mir Angst. In Tschernobyl gibt es heute die unglaublichsten Klangwelten. Weil der Mensch die natürliche Welt in Ruhe lässt. Ist das nicht zynisch? (Stephan Hilpold, RONDO, 15.7.2016)

Great Animal Orchestra

Es ist eines der besten Bücher über das Hören: Der kalifornische Bio-Akustiker Bernie Krause (77) hat in "Das große Orchester der Tiere" seine unzähligen Expeditionen in die verschiedensten Klangräume verarbeitet: vom Klang rülpsender Seeanemonen bis zu jenem knackender Viren. Jetzt richtet die Pariser Fondation Cartier dem früheren Musiker (er wirkte u. a. am Soundtrack von Filmen wie "Rosemarie's Baby" oder "Apocalypse Now" mit) unter demselben Titel eine Ausstellung aus.

Im Zentrum stehen Aufnahmen aus seinem 5000 Stunden an Hörmaterial umfassenden Archiv. Darauf sind mehr als 15.000 Tierarten in 2000 unterschiedlichen Habitaten festgehalten. Viele davon gibt es heute nicht mehr, oder sie sind bedroht. Neben diesen Tonaufnahmen zeigt man in Paris Kunst-Arbeiten, die sich mit Tierwelten auseinandersetzen. Der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang hat ein 18 Meter langes Tier-Tableau geschaffen, die Japaner Manabu Miyazaki und Hiroshi Sugimoto haben wilde Tiere in der freien Wildbahn festgehalten. Und im Garten der Fondation hat Agnès Varda einen Tempel für alle ihre Tiere errichten lassen.

Bis 8. Jänner 2017 in der Fondation Cartier in Paris. Die Reise nach Paris erfolgte auf Einladung der Fondation.

  • Klangforscher Bernie Krause lauscht den Klängen der Natur.
    foto: fondation cartier/bernie krause

    Klangforscher Bernie Krause lauscht den Klängen der Natur.

  • Die Fondation Cartier in Paris präsentiert neben den Tonaufnahmen Krauses Kunst-Arbeiten, die sich mit Tierwelten auseinandersetzen.
    foto: fondation cartier/image 3d rdc

    Die Fondation Cartier in Paris präsentiert neben den Tonaufnahmen Krauses Kunst-Arbeiten, die sich mit Tierwelten auseinandersetzen.

  • Wölfe heulen, so viel ist sicher. Doch welche Geräusche geben Blattläuse oder Ameisen von sich? Hier ein Bild des Künstlers Hiroshi Sugimoto aus der Bernie-Krause-Ausstellung in Paris.
    foto: fondation cartier/hiroshi sugimoto

    Wölfe heulen, so viel ist sicher. Doch welche Geräusche geben Blattläuse oder Ameisen von sich? Hier ein Bild des Künstlers Hiroshi Sugimoto aus der Bernie-Krause-Ausstellung in Paris.

  • "A black bear plays with the Camera" ist eines zahlreicher Bilder des Fotografen Manabu Miyazaki, die bei der Ausstellung zu sehen sind.
    foto: fondation cartier/manabu miyazaki

    "A black bear plays with the Camera" ist eines zahlreicher Bilder des Fotografen Manabu Miyazaki, die bei der Ausstellung zu sehen sind.

  • "Passarinhos" entstand 2012 und zeigt eine Wand, geschmückt mit von Beatriz Sauer handbemalten Keramikfliesen.
    foto: fondation cartier/adriana varejão

    "Passarinhos" entstand 2012 und zeigt eine Wand, geschmückt mit von Beatriz Sauer handbemalten Keramikfliesen.

  • Auch Quallen produzieren ganz spezielle Klänge wenn sie durchs Wasser gleiten. Mit dem freien Ohr sind sie jedoch schwer hörbar.
    foto: fondation cartier/christian sardet

    Auch Quallen produzieren ganz spezielle Klänge wenn sie durchs Wasser gleiten. Mit dem freien Ohr sind sie jedoch schwer hörbar.

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