Wie man das Verlernen lernt

16. Juli 2016, 13:11
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Adrian Klammer erforscht, wie Organisationen gezielt vergessen können

Vaduz – Der Vorgang des Vergessens hat keinen guten Ruf, und meist ist das auch begründet. Mitunter aber kann gezieltes Vergessen und Verlernen die Voraussetzung für eine notwendige Neuorientierung sein – beim Einzelnen ebenso wie in Unternehmen und Organisationen. "In Betrieben entstehen Probleme heute seltener durch das Vergessen von Informationen als durch eine Informationsüberflutung", sagt der Organisationswissenschafter Adrian Klammer. "Um dem entgegenzuwirken, muss man irrelevantes Wissen und nicht mehr zielführende Werte und Normen herausfiltern und aktiv vergessen."

Allerdings neigen Unternehmen gerade in schwierigen Situationen besonders zur Rückbesinnung auf ehemals Bewährtes, statt sich den neuen Herausforderungen zu stellen. "Das klassische Beispiel für diese Unfähigkeit zu vergessen lieferte die Firma Kodak, die durch ihre Konzentration auf das traditionelle Kerngeschäft den Sprung zur digitalen Kamera verpasst hat – obwohl sie diese bereits entwickelt hatte", berichtet Klammer, der neben seiner Tätigkeit am Institut für Entrepreneurship der Uni Liechtenstein gerade eine Dissertation über "organisationales Vergessen und Verlernen" verfasst.

Wie aber kann man einem Unternehmen das Vergessen verordnen? Auf diese Frage will der 27-jährige Vorarlberger Antworten finden. "Das Thema ist relativ neu, und bisher gibt es dazu kaum Studien." In seiner Doktorarbeit will Klammer dafür die theoretische Basis liefern, indem er den Informationsprozess in Unternehmen erforscht. "Zwar gibt es bereits Typologien, wie Vergessensprozesse ablaufen können, der Prozess an sich wurde bisher aber noch nicht abgebildet." Wichtig dabei sei vor allem, zwischen vorhandenem und neu erworbenem Wissen sowie beabsichtigtem Verlernen und ungewolltem Vergessen zu unterscheiden."

Per Fußball zum Studium in die USA

In der eigenen Biografie war für den ambitionierten Fußballer gezieltes Verlernen bisher noch nicht erforderlich, um erfolgreich zu sein. Ganz im Gegenteil, möchte man sagen: Immerhin war es genau sein schon im Sportgymnasium Dornbirn gefördertes Fußballtalent, das ihm vier Jahre Gratisstudium in den USA einbrachte – zuerst in Georgia, dann in Oklahoma. Vorarlberg aber hat er trotz der amerikanischen Verlockungen nicht vergessen und ist schließlich mit einem Bachelor in Geschichte wieder ins Ländle zurückgekehrt.

Dass er danach den Masterstudiengang Entrepreneurship an der Uni Liechtenstein absolvierte, war nicht wirklich geplant. Und so kam es, dass sich der frischgebackene Historiker, dem es fachbedingt vor allem ums Erinnern gehen müsste, mit etlichen Zusatzprüfungen zu einem Organisationswissenschafter entwickelte, der sich den Kopf über Strategien des gezielten Vergessens zerbricht.

Dass für ihn daraus eine wirklich runde Sache wurde, hat nicht zuletzt mit der ganz großen Leidenschaft seines Lebens zu tun, dem Fußball. Den pflegt Klammer nach wie vor mit Hingabe als Stürmer beim VfB Hohenems. Als versierter Pendler zwischen Ball und Büro, Vaduz und Hohenems, geistiger und körperlicher Aktivierung hat er damit eine Balance in sein Leben gebracht, für die andere erst einiges verlernen und vergessen müssten. (Doris Griesser, 16.7.2016)

  • Historiker, Organisationswissenschafter, Fußballer: der Vorarlberger Adrian Klammer.
    foto: uni liechtenstein

    Historiker, Organisationswissenschafter, Fußballer: der Vorarlberger Adrian Klammer.

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