Mindestens 27 Tote und 50 Verletzte bei Zugunglück in Süditalien

13. Juli 2016, 07:58
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Regierungschef Matteo Renzi verspricht restlose Aufklärung der Unfallursache

Den Helfern bot sich ein Bild der Verwüstung: Die vorderen Wagons der beiden Züge waren völlig zerstört und ineinander verkeilt; Trümmerteile lagen in einem Umkreis von Dutzenden von Metern verstreut in dem kleinen Olivenhain, in dem sich der Zusammenstoß ereignete. Beide Bahnen bestanden aus je vier Wagons; Luftaufnahmen zeigten, dass von einem Zug nur der hinterste Wagen halbwegs heil geblieben ist. "Es sieht aus, als wäre ein Flugzeug abgestürzt", schrieb der Bürgermeister der nahegelegenen Kleinstadt Corato, Massimo Mazzilli, auf seinem Facebook-Account. Von einer "grässlichen Szene" sprach im Fernsehen ein Polizist, der als einer der Ersten am Unglücksort angekommen war: "Ich habe viele Tote gesehen, Verletzte schrien, viele weinten. Es ist das Schlimmste, was ich in meinem Leben erlebt habe."

Bis zum späteren Nachmittag hatten die zahlreichen Retter insgesamt 27 Tote aus den beiden Zügen geborgen; 50 Verletzte wurden entweder in Ambulanzen oder Rettungshubschraubern in die umliegenden Spitäler gebracht oder gleich vor Ort in einem improvisierten Feldlazarett versorgt. Von den Verletzten sollen sich sieben in kritischem Zustand befinden; die Behörden riefen zu Blutspenden auf. Hunderte Personen standen in der Nacht auf Mittwoch Schlange, um Blut zu spenden. "Die Situation ist dramatisch", erklärte der Vizepräsident von Apulien, Antonio Nunziante, der Nachrichtenagentur Ansa. "Zum Glück funktioniert die Rettungsorganisation gut."

grafik: apa

Mit hoher Geschwindigkeit

Der Frontalzusammenstoß hat sich kurz vor Mittag auf der Strecke Bari–Barletta zwischen den Ortschaften Corato und Ruvo di Puglia auf offenem Feld ereignet. Es handelt sich um eine einspurige Strecke, die aktuell auf zwei Spuren ausgebaut wird und täglich von rund 200 Zügen befahren wird. Die sind in der Regel gut besetzt, hauptsächlich mit Pendlern und Studenten, die in Bari arbeiten oder studieren. Wie viele Passagiere sich zum Zeitpunkt des Unglücks in den Bahnen befanden, war unklar. Laut Angaben der Behörden sind die Züge mit erheblicher Geschwindigkeit aufeinander zugerast. Der Zusammenstoß sei mit "ungeheurer Wucht" erfolgt, betonte Bürgermeister Massimo Mazzilli.

Die Unfallursache blieb zunächst unklar. Behördenvertreter wie Mazzilli schlossen menschliches Versagen nicht aus: "Es könnte sein, dass jemand ein falsches Kommando gegeben hat", so der Ortschef. Einer der beiden Züge soll an einem Bahnhof auf grünes Licht gewartet haben und dann auf die Strecke gefahren sein. "Wir werden nicht eher ruhen, ehe wir die Verantwortlichen für dieses Desaster gefunden haben werden", versprach Ministerpräsident Matteo Renzi den Angehörigen der Opfer. Die Staatsanwaltschaft der Region ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt. Die Blackbox der Züge soll den Ermittlern bei der Aufklärung der Katastrophe helfen.

Der schwerste Eisenbahnunfall in Italien seit 2009, als in Viareggio bei der Explosion eines Tankwagens 32 Menschen getötet wurden, wird die Diskussion über die hiesige Bahninfrastruktur neu befeuern. Der Süden fühlt sich von den staatlichen Eisenbahnen benachteiligt: Während in Mittel- und Norditalien in den vergangenen Jahren Dutzende von Milliarden Euro in den Ausbau eines Hochgeschwindigkeitsnetzes investiert worden waren, ist in Apulien mehr als die Hälfte der Eisenbahnstrecken nur einspurig ausgebaut. Hinzu kommt, dass die einspurigen Strecken teilweise nicht einmal mit einem Sicherheitssystem ausgerüstet sind, das die Züge automatisch stoppt. (Dominik Straub aus Rom, 12.7.2016)

Hinweis: Der Artikel wurde am 13. 7. um 7:58 um weitere Informationen aktualisiert.

Schwere Bahnunglücke in Europa

Bahnfahren ist relativ sicher. Zugunglücke – wie jetzt in Italien – haben dennoch schon hunderten Menschen den Tod gebracht. Einige Fälle aus Europa:

Februar 2016 – Deutschland: Zwölf Menschen sterben beim schwersten Zugunglück in Bayern seit gut 40 Jahren. Auf der eingleisigen Strecke zwischen Rosenheim und Holzkirchen rasen in Bad Aibling zwei Nahverkehrszüge frontal ineinander. Gegen den Fahrdienstleiter wird ermittelt.

Juli 2013 – Spanien: Beim schwersten Bahnunglück in Spanien seit 1972 kommen in der Nähe der Pilgerstadt Santiago de Compostela 80 Menschen ums Leben, 144 werden verletzt. Der Hochgeschwindigkeitszug biegt kurz vor dem Bahnhof zu schnell in eine Kurve und entgleist.

März 2012 – Polen: 16 Menschen kommen ums Leben, als zwei Züge mit insgesamt 350 Insassen frontal ineinanderrasen. Bei dem Unglück nahe Zawiercie nördlich von Krakau werden etwa 50 Menschen verletzt.

Februar 2010 – Belgien: Im morgendlichen Berufsverkehr übersieht ein Lokführer in der Nähe von Brüssel ein Stoppsignal. Zwei Regionalzüge prallen zusammen. 18 Menschen sterben, rund 80 werden verletzt.

Juni 2009 – Italien: Am Bahnhof von Viareggio in der Toskana explodiert ein mit Flüssiggas beladener Güterwagen. Er war nach einem Achsbruch entgleist. 31 Menschen sterben, etwa 1.000 müssen in Sicherheit gebracht werden.

Jänner 2006 – Montenegro: Nahe der Hauptstadt Podgorica entgleist ein Regionalzug, vier Wagons stürzen in eine Schlucht. 44 Menschen kommen ums Leben, 198 werden verletzt. Die Bremsen hatten versagt.

Jänner 2005 – Italien: Auf der eingleisigen Strecke Bologna–Verona prallen ein Passagierzug und ein Güterzug zusammen. 17 Menschen sterben. Ein Lokführer hatte bei dichtem Nebel ein Haltesignal übersehen.

Februar 2002 – Österreich: Auf der Pottendorfer Linie in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Wampersdorf in Niederösterreich kracht ein Güterzug gegen eine Rollende Landstraße. Sechs Tote sind die Folge, 16 Personen werden verletzt. Ursache ist ein Bremsdefekt.

Juni 1998 – Deutschland: Bei Eschede in Niedersachsen zerschellen Wagons eines ICE an einer Straßenbrücke. 101 Reisende sterben, dutzende werden schwer verletzt. Ein gebrochener Radreifen hatte den Zug zum Entgleisen gebracht.

  • Die Helfer arbeiteten an der Unglücksstelle die gesamte Nacht durch.
    foto: reuters/alessandro garofalo

    Die Helfer arbeiteten an der Unglücksstelle die gesamte Nacht durch.

  • Feuerwehrleute versuchten die verkeilten Waggons voneinander zu lösen und Passagiere zu befreien.
    foto: reuters/stringer

    Feuerwehrleute versuchten die verkeilten Waggons voneinander zu lösen und Passagiere zu befreien.

  • Die Züge kollidierten auf einem eingleisigen Streckenabschnitt.
    foto: italian firefighter press office via ap

    Die Züge kollidierten auf einem eingleisigen Streckenabschnitt.

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