Ein merkwürdig unentschlossenes Turnier

11. Juli 2016, 17:14
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Portugal gewinnt gegen den Gastgeber die 15. Fußball-EM, bei der Glück und Geschmeidigkeit, aber wenig Austrianità gefragt war

Wien – Es war knapp. Aber es ist sich gerade noch ausgegangen. Man will sich ja gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte das österreichische Team so abgeschnitten, wie man weithin überzeugt gewesen ist, dass es abschneiden würde. 1:0 hätte man Portugal besiegt. Aufgestiegen wäre man. Ins Finale wäre man gekommen und ... (Man vergegenwärtige sich, welch hanebüchener Unsinn dann erst hier zu schreiben und also zu lesen gewesen wäre über die neue Austrianità!)

Alles beim Alten

So aber ist alles beim Alten geblieben. Portugal, dem Gegner Dimitri Payet die Diva Cristiano Ronaldo rüde herausgebrochen hat, beschloss das Finale einer lange Zeit merkwürdig unentschlossenen EM mit einem blassen 1:0-Sieg durch ein Tor von Èder in der Verlängerung. Gastgeber Frankreich stürzte solcherart "ins Tal der Tränen", wie die Gazetta dello Sport und die nicht minder bemittelte L'Équipe es wohl ausgedrückt haben werden.

Seit Montagfrüh haben sich die Bilanzbuchhalter an die Arbeit gemacht; die sportlichen ebenso wie die eigentlichen. Michel Platini (der korruptionsbedingt geschasste Uefa-Chef) war Persona non grata bei jener EM, die er bei sich daheim einfädeln konnte. Einfädeln auch, dass dem Uefa-Buchhalter bei knapp zwei Milliarden Euro Einnahmen mehr als 800 Millionen vor Steuer übrig geblieben sind. Aber was heißt in so einem Zusammenhang schon Steuer? Martin Kallen, der Uefa-Turnierdirektor, sagt: "Wir sind sehr zufrieden."

Klarerweise auch damit, dass das Befürchtete nicht eingetreten ist. Auch weil die durchs französische Steuergeld aufmunitionierten Sicherheitskräfte aufgepasst haben wie die Haftelmacher, mehr jedenfalls als die italienischen Banken (und nicht nur die) auf ihre und der Steuerzahler Marie.

Die Bankenkrise und der Fußball haben durchaus etwas – im Doppelsinn – gemein: das Unvermögen, das rechte Maß (und wenn schon nicht das, so doch wenigstens den Mund) zu halten.

Die abgelaufene Europameisterschaft hat nicht nur deshalb den Eindruck rechtschaffener Fadesse vermittelt, weil in der Dramaturgie der Spiele zumeist das Mindestmaß schon als die volle Pulle gelten durfte. Entschieden wurden die 51 – einundfünfzig! – Partien zu einem guten Teil durch jene Glücks- und Unglücksfälle, zu denen man sich retrospektiv planerische Zwangsläufigkeit dazudenken musste. Das freilich gleicht dann zuweilen jener eitrigen Konjunktivitis, mit der sich normalerweise Österreich seine ballesterische Austrianità zu erklären sucht: Hätte David Alaba nicht an die Stange geschossen! Hätte André-Pierre Gignac in der zweiten Minute der Nachspielzeit nicht an die Stange geschossen!

Dass so viele EM-Spiele so sehr auf des Messers Schneide gestanden sind, verweist aber durchaus auch auf einen Stilwechsel. Und der wird nicht allen munden. Man hat erfolgreich Antworten gesucht aufs Dominante. Deutschland und Spanien, in sehenswerter Variabilität auch die Italiener, teils auch die Franzosen sind davon ausgegangen, das Spiel mit ihren jeweiligen Mitteln zu ihrem machen zu können. Portugal, das kaum jemand auf der Rechnung gehabt hatte, ließ Frankreich zu Beginn der Halbzeiten das Spiel, um dann, gewissermaßen mit der französischen Wucht, den Schulterwurf zu versuchen. Ballesterisches Judo. Das muss nicht gelingen. Kann aber, wie man sieht.

Fernando Santos, der portugiesische Coach dieser Geschmeidigkeit, lenkt seinen und der Seinen Blick in die Ferne: "Wenn wir weiter so bescheiden auftreten, können wir große Dinge erreichen. Wir müssen an unser Talent glauben, an unsere Stärke."

Packing und Maastricht

Frankreich und alle anderen Nichtportugiesen lecken noch die EM-Wunden. In Lissabon wurden die Aufrechten und Hatscherten (Ronaldo) schon bejubelt. Da nahm sich auch der französische Finanzminister Michel Sapin ein Herz und riet seinen EU-Kollegen ab, wegen der Marginalie eines lusitanischen Budgetdefizits ein Maastricht-Sanktionsverfahren einzuleiten. Finanzpolitik per Kick 'n' Rush, oder auf Deutsch: Packing.

Die 15. Europameisterschaft ist – so oder so, das bleibt dem Geschmack und dem Interpretationsvermögen überlassen – Geschichte. Eine Atempause gönnt der längst auch schon mit Derivaten und allerlei Subprime-Papieren handelnde Fußball den Seinen aber nicht. Die Europa-League-Qualifikation läuft schon, jetzt startet die Champions-League-Quali. Und dann beginnt erst das wirkliche Leben: die österreichische Bundesliga. (Wolfgang Weisgram, 11.7.2016)

  • Coach Fernando Santos und sein Superstar Cristiano Ronaldo haben die Coupe Henri-Delaunay nach Lissabon heimgebracht. Im Anschluss ging es im Triumphzug durch die Stadt.
    foto: apa/afp/moreira

    Coach Fernando Santos und sein Superstar Cristiano Ronaldo haben die Coupe Henri-Delaunay nach Lissabon heimgebracht. Im Anschluss ging es im Triumphzug durch die Stadt.

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