Die Schwanwerdung des EM-Final-Siegestorschützen Éder

Kopf des Tages11. Juli 2016, 16:58
33 Postings

Éder schoss Portugal in Frankreich zum Titel

Die besonderen Momente hielt Éder mit seinem silbernen Smartphone fest. Den Konfettiregen in Grün und Rot, die Siegesschreie und Freudentränen des humpelnden Cristiano Ronaldo, den Tanz vor dem riesigen aufblasbaren Pokal, der mitten auf dem Spielfeld des Stade de France wackelte. Der Spruch des Abends konnte dem 28-Jährigen allerdings nur überliefert werden. Fernando Santos, der Teamchef, ein weiser Mann, der wunderbar granteln kann, hatte im Bauch des Stadions gesagt: "Heute hat nicht der schöne Schwan getroffen, sondern das hässliche Entlein."

Portugals berühmtestes Entlein ist seit dem 10. Juli 2016 Éderzito António Macedo Lopes, geboren wurde es in Westafrika, in Guinea-Bissau. Da Namen auf die Rückseite eines Fußballdresses passen müssen, nennt sich die Ente, die natürlich nicht schiach ist, schlicht und kurz Éder. Von der 109. Minute, als der in der 79. Minute eingewechselte Mittelstürmer zwei Franzosen aussteigen ließ und aus 22 Metern ins Tor traf, werden sie in Portugal noch in 350 Jahren erzählen.

Éder dankte übrigens "Susana, meiner Mentaltrainerin". Die Dame dürfte nun ausgesorgt haben. Susana Torres jongliert auf ihrer Homepage einen Fußball, sie nennt sich "The Miracle Coach". Sie berichtet dort: "Ein Profi", eben Éder, "kam zweifelnd zu mir, er überlegte aufzuhören. Sechs Monate später wechselte er in eine der stärksten Ligen der Welt." Dass er in der Premier League keinen Auftrag hatte, dass die Sun "Swansea-Flop Éder schockiert Frankreich" titelte, lässt Frau Torres kalt und unerwähnt.

Éder kam als Dreijähriger nach Lissabon, lebte fortan in einem Zentrum für Migranten. Er spielte Fußball, sollte 1,90 Meter groß werden. Mit 18 bekam er seinen ersten Vertrag, Oliveira do Hospital zählt nicht zu den Topadressen. Tourizense zahlte ihm 400 Euro pro Monat, das Geld schickte er seiner Mutter.

2008 schaffte er den Durchbruch, Erstligist Académica de Coimbra verpflichtete ihn für vier Jahre. Éder zog in eine eigene Wohnung, schickte der Mama mehr Geld. Bei Sporting Braga erzielte er in 60 Partien 26 Tore, 2015 schlug Swansea zu. Die Schwäne waren dem Entlein nicht geheuer, die Beziehung passte nicht. Éder heuerte bis 2020 beim OSC Lille an. Er hofft, dass "Franzosen nicht nachtragend sind".

In 29 Länderspielen erzielte er vier Tore, die Bilanz ist ausbaufähig. Bei der WM 2014 war er eine lahme Ente, Santos ließ ihn aber nicht fallen. Der schöne Schwan, also Ronaldo, hat Éder übrigens vor der Einwechslung gesagt: "Schieß das Siegestor." Das Entlein gehorchte. "Ronaldo hat mir Mut gegeben." Santos sollte sich fast schon im Morgengrauen korrigieren. "Wir haben jetzt zwei schöne Schwäne." (Christian Hackl, 11.7.2016)

  • Éder schoss Portugal zum Titel: "Es war das Resultat unserer Anstrengungen."
    foto: imago sportfotodienst

    Éder schoss Portugal zum Titel: "Es war das Resultat unserer Anstrengungen."

Share if you care.