Nach Dallas-Attentat: Der verzweifelte Kampf des David Brown

11. Juli 2016, 16:56
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Unter Browns Führung wurde die Polizei von Dallas zu einer Art Vorzeigemodell der USA

Als er in Dallas anfing, blendete David Brown neulich zurück, hatte er noch volles Haar, eine volle Afrofrisur. "Und nun, Sie sehen ja selbst", fügte er mit ironischem Lächeln hinzu und strich sich mit einer Hand über die Glatze. Brown (55), der Polizeichef der texanischen Metropole, ist die tragische Figur des Sommers des Zorns, als welchen amerikanische Kolumnisten den Sommer 2016 bereits jetzt charakterisieren.

Als er vor sechs Jahren seinen Posten antrat, kam er als Reformer, der dazu beitragen sollte, Dallas' Image aufzupolieren. Die "City of Hate", wie sie 1963 nach dem Mord an John F. Kennedy genannt worden war, war die Stadt zwar schon lange nicht mehr. Doch sie wollte endgültig mit einer Legende aufräumen, mit dem Klischee, dass das Leben in Texas nun mal besonders rau sei. Ihre Polizeikräfte, das gehörte dazu, sollten unter Browns Ägide zum Vorbild werden, zu einem Musterfall für geschickte Deeskalation.

Während sich andere Kommunen reichlich aus Militärbeständen bedienten und reihenweise gepanzerte Fahrzeuge bestellten, während manche ihre Polizeieinheiten zu kleinen Armeen ausbauten, hielt Brown seine 3600 Beamten an, sich im Zweifel zurückzuhalten. Er befahl ihnen, Bürgernähe zu vermitteln, zu Fuß auf Streife zu gehen und die Dienstwaffe im Holster stecken zu lassen, wann immer es gehe.

Weniger Beschwerden

Die Bilanz gab ihm recht. Hatten sich die Bewohner von Dallas 2009 noch in fast 150 konkreten Fällen über exzessive Polizeigewalt beklagt, so ging die Zahl derartiger Beschwerden im Laufe der Jahre auf 13 zurück. Die Mordrate fiel auf den niedrigsten Stand seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Umso härter wurde das aufblühende Dallas getroffen, als Micah Johnson im Stile einer Ein-Mann-Bürgerkriegsmiliz gezielt auf Polizisten anlegte.

Es liege bittere Ironie in der Tatsache, dass "dieser Verrückte" sich ausgerechnet Dallas ausgesucht habe, sagt Chuck Wexler, der Direktor eines Polizei-Forschungsinstituts in Washington. David Brown, der gefeierte Bürger-Cop, muss nun unter anderem begründen, warum er einen mit Sprengstoff beladenen Roboter zum Einsatz brachte, um den Schützen zu töten.

"Ich habe es genehmigt. Und ich würde es wieder tun, wenn ich mich noch einmal in so einer Lage befände", hält er Kritikern in resolutem Ton entgegen. In seinem Parkhaus-Versteck habe Johnson die Polizeitruppe verhöhnt, während Unterhändler ihn zum Aufgeben bringen wollten. "Er hat gelacht und gesungen, er hat gefragt, wie viele er schon getroffen hat, er hat gesagt, dass er noch mehr von uns töten wolle." Er habe geglaubt, Johnson werde noch einmal angreifen, verteidigt Brown seine Entscheidung für den Bombenroboter. Im Übrigen seien die Ermittler zu der Erkenntnis gelangt, dass Johnson weit über das Stadtzentrum von Dallas hinaus Unheil anrichten wollte. "Wir sind überzeugt davon, dass er größere Pläne hatte und sich dabei noch im Recht glaubte."

Persönliche Geschichte

Es hat auch persönliche Gründe, dass der Mann mit der blankpolierten Glatze Deeskalation trainieren lässt. Vor sechs Jahren erschoss Browns Sohn, David junior, einen Polizisten und einen Zivilisten, ehe er selbst von einem Beamten getötet wurde. Der schockierte Vater führte lange Gespräche mit den Familien der Opfer, bevor er vor laufenden Kameras bekannte: "Das tut so weh, dass ich die Trauer, die ich meinem Herzen trage, nicht annähernd mit Worten beschreiben kann." Wenn jemand in diesen Tagen absolut glaubwürdig zur Besinnung aufrufen könne, so der Tenor amerikanischer Medien, dann sei es David O'Neal Brown.

Allerdings lässt sich noch nicht sagen, dass seine Appelle zum Innehalten Wirkung zeigen. Die Demonstrationen, die auch in der Nacht zum Montag in etlichen Städten der USA über die Bühne gingen, etwa in New York, Chicago, Baltimore, Atlanta und Phoenix, deuten eher darauf hin, dass es ein hochnervöser Sommer wird. In Baton Rouge, wo zwei Polizisten vier Pistolenkugeln auf den Afroamerikaner Alton Sterling abfeuerten, obwohl er bereits auf dem Boden lag, stürmten Beamte sogar den Garten eines Privathauses, um Protestierende festzunehmen. Die Besitzer des Anwesens hatten sich vergeblich gewehrt. (Frank Herrmann aus Washington, 11.7.2016)

  • Dallas' Polizeichef David Brown bei einer Gedenkveranstaltung.
    foto: apa/afp/laura buckman

    Dallas' Polizeichef David Brown bei einer Gedenkveranstaltung.

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