Seidenstraße soll nicht vor Österreich enden

11. Juli 2016, 18:31
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Die Seidenstraße verband China einst mit der Welt. Präsident Xi will sie wieder aufbauen, auch Österreich hat großes Interesse

Die antike Seidenstraße bescherte dem Reich der Mitte in der Vergangenheit ein goldenes Zeitalter lebhafter diplomatische Beziehungen und wirtschaftlicher Expansion. Durch die Wiederbelebung der Handelsrouten hofft China nun wohl auf Wachstumsimpulse für die an Überkapazitäten leidenden chinesischen Staatsunternehmen. Vom Osten des Landes ausgehend soll daher ein neuer Wirtschaftskorridor entstehen, der rund 65 Länder, 4,4 Milliarden Menschen und 29 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung berühren soll.

Österreichs Verkehrsminister Jörg Leichtfried reiste anlässlich einer internationalen Konferenz zum Thema "Entlang der Seidenstraße" nach Venedig und traf dort unter anderen seinen italienischen Amtskollegen Graziano Delrio.

foto: afp / stringer
Ein Container auf dem ersten Güterzug, der China und den Iran verbindet, bei seiner Ankunft in Teheran. Der Zug soll die antike Seidenstraße wiederbeleben. Auf ihm wurden chinesische Waren nach Kasachstan, Turkmenistan und in den Iran transportiert.

Wie der Titel nahelegt, ging es dabei um die Neuauflage der antiken Seidenstraße, die das Reich der Mitte mit Europa und dem Westen verband. Wenig verwunderlich ist, dass bei der Konferenz neben Vertretern aus der Wirtschaft auch wichtige Akteure aus der Politik aufeinandertrafen. Die Umsetzung dieses gigantischen Infrastrukturprojekts – geplant sind milliardenschwere Investitionen zum Infrastrukturausbau von Eisenbahnen über Häfen bis hin zu Atomkraftwerken – hängt schließlich in erster Linie von dem politischen Willen der beteiligten Länder ab.

One belt, one road

Chinas Präsident Xi Jingping hat die Seidenstraßeninitiative – die so eng mit dem Ziel, China zu einem starken und wohlhabenden Land zu machen, verknüpft ist – in den Mittelpunkt seiner Außenpolitik gestellt. In den vergangenen Monaten hat der Präsident nicht nur osteuropäische Länder wie Serbien und Polen besucht, sondern reiste auch in Länder wie Usbekistan, die zentraler Bestandteil der antiken Seidenstraße waren und auch künftig sein werden. Entgegen dem traditionellen Misstrauen gegenüber China hat sich nun auch Moskau dazu entschlossen, am Kuchen mitzunaschen: Bei einem Staatsbesuch Ende Juni in Peking vereinbarte Russlands Präsident Wladimir Putin mit seinem chinesischen Amtskollegen, bei Infrastrukturprojekten zusammenzuarbeiten.

foto: afp photo / pool / greg baker
Russlands Präsident Wladimir Putin und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping wollen gemeinsam den Ausbau der Seidenstraße vorantreiben.

"One belt, one road", kurz Obor, wird die Seidenstraßenstrategie auch genannt: ein Gürtel, ein Weg. Der Weg bezieht sich dabei auf den antiken Seeweg zwischen China, Afrika und Europa, während der Gürtel ein Verweis auf den weit bekannteren Landweg ist. Für die Neuauflage der Seidenstraße stehen aktuell drei Routen zur Debatte: zwei Landverbindungen, mit einer nördlichen Strecke durch die zentralasiatischen Staaten über Moskau und einer südlichen Strecke über den Iran und die Türkei sowie eine Seeverbindung über das Südchinesische Meer, den Indischen Ozean und das Rote Meer zu den Mittelmeerhäfen Europas. Um die Obor-Projekte – rund 900 Abkommen mit einem Gesamtumfang von 890 Milliarden US-Dollar sind bereits im Gange – finanziell stemmen zu können, rief die Volksrepublik den Seidenstraßenfonds mit rund 40 Milliarden US-Dollar ins Leben und gründete die Asiatische Infrastruktur Investment Bank (AIIB) mit einem Startkapital von 100 Milliarden US-Dollar.

Leichtfried: "Wien soll zentrale Drehscheibe werden"

Auch Österreich hat Interesse an dem Ausbau einer neuen Seidenstraße und soll von den damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten profitieren, da sie laut Verkehrsminister Jörg Leichtfried "unsere Industrie mit den Wirtschaftszentren Europas und den Märkten in der ganzen Welt verbindet". Beide Strecken – jene über Russland ebenso wie die südliche Strecke über die Türkei und den Iran – sind dabei für Österreich relevant. Wichtig ist dabei laut Leichtfried nur, dass die Seidenstraße nicht vor den Toren Österreichs endet, sondern Wien die zentrale Drehscheibe wird, "von der aus Reisende in die umliegenden Länder kommen und die Waren in ganz Europa verteilt werden."

Unter Federführung Chinas soll eine neue Seidenstraße entstehen, die Asien mit Europa und Afrika verbindet.

Tatsächlich liegt Wien an der Schnittstelle der großen drei Europäischen Korridore an der Seidenstraßenroute: Die baltisch-adriatische Achse verbindet die Häfen am Mittelmeer mit den Märkten in Mittel- und Osteuropa. Der Rhein-Donau-Korridor vernetzt West- und Osteuropa mit Bahn, Straße und Schiff, und der orientöstliche Mittelmeerkorridor erschließt die Häfen im Norden Deutschlands und das Schwarze Meer in Rumänien.

Konkret hat Österreich bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die die Verlängerung der bestehenden Breitspurbahnstrecke, die von China über Russland nach Europa führt, von Košice nach Wien prüft. Doch auch eine Bahnstrecke über die Türkei, ein wichtiger Handelspartner Österreichs, würde für Österreich neue Möglichkeiten eröffnen.

Chinesischer Traum

International sieht der Wiederbelebung der Seidenstraße aber nicht jedes Land so wohlwollend entgegen wie Österreich. Neben wirtschaftlicher Prosperität erhofft sich Chinas Führung von der Obor-Strategie wohl einerseits mehr Stabilität in den Grenzregionen Chinas und in benachbarten Krisengebieten wie Afghanistan und Pakistan und andererseits mehr Einfluss in einer multipolaren Weltordnung.

foto: afp/ aamir qureshi
China investiert in den Ausbau der Seidenstraße. Hier ist eine neue Straße in Pakistan zu sehen.

Dabei vermeidet das offizielle China tunlichst Vergleiche mit dem US-amerikanischen Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu den USA – deren Marshall-Plan der chinesischen Führung zufolge nur eine Belohnung für die Freunde Amerikas gewesen sein soll – spricht Xi Jinping im Zusammenhang mit der Seidenstraßeninitiative von einem "inklusiven Prozess" und dem Aufbau einer "Schicksalsgemeinschaft".

Der "Chinesische Traum" Xis bietet daher bewusst auch einen Gegenpol zur US-amerikanischen Sicht der Weltwirtschaft, bei der die USA im Mittelpunkt zwischen Europa und Asien stehen. Die beiden US-Freihandelsabkommen, die transpazifische Partnerschaft TPP auf der einen und das EU-USA-Abkommen TTIP auf der anderen Seite, veranschaulichen diesen Blickwinkel. Die chinesische Seidenstraßenvision sieht die Volksrepublik und Europa hingegen als gemeinsamen Wirtschaftsraum, dessen Zentrum jedoch nicht die USA, sondern das Reich der Mitte ist. (Judith Moser, 11.7.2016)

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