Marie Rötzer: "Das Theater soll nicht an der Tür aufhören"

Interview12. Juli 2016, 05:30
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Die Intendantin will das Landestheater Niederösterreich zu einem Ort machen, an dem sich das Publikum einem Perspektivwechsel aussetzt. Ihre erste Spielzeit eröffnet sie am 16. September mit Ilija Trojanows "Die Welt ist groß ..."

STANDARD: Sie haben Ihre berufliche Laufbahn am Landestheater Niederösterreich begonnen. Was hat sich seither – neben der Umstellung des Hauses vom Mehrspartenbetrieb auf eine reine Sprechtheaterbühne – am meisten verändert?

Rötzer: Damals waren die organisatorischen Strukturen noch sehr reduziert; ich war zum Beispiel die einzige Dramaturgin. Vor allem hat sich aber die Stadt St. Pölten verändert und das Land Niederösterreich. Ich habe den Eindruck, dass alles viel offener geworden ist, multikultureller. Die Kulturlandschaft in Niederösterreich ist stark gewachsen, und die dadurch entstandenen Synergien mit anderen Institutionen stärken das Haus.

foto: robert newald
Marie Rötzer, Intendantin in St. Pölten: "Theater sollen sich mehr austauschen, auch innerhalb Österreichs. Leider gibt es hier das Theatertreffen nicht mehr. Wenn es Verbündete gibt, bin ich dabei!"

STANDARD: Ihre Vorgängerin Bettina Hering hat das Landestheater sehr gut positioniert. Wo gibt es da noch Entwicklungspotenzial?

Rötzer: Die Neupositionierung hat schon unter Isabella Suppanz begonnen. Es war zum Beispiel ganz wichtig, Gastspiele zu programmieren. Bettina Hering hat dann noch das Bürgertheater installiert. Meine Idee nun ist, aus dieser gewachsenen Struktur das Theater noch mehr zu öffnen. Das Theater soll nicht an der Tür aufhören; es soll in die Stadt hineinwachsen. Wir planen Interventionen im Stadtgebiet, und ich möchte auch so weit gehen, dass wir in das Land hinaus fahren, in Wirtshäusern auftreten oder in Kulturvereinen, auf Hauptplätzen. Zum anderen möchte ich das Haus öffnen für Kollektive aus der freien Szene, um viele unterschiedliche Ästhetiken zu etablieren. Und schließlich möchte ich den internationalen Charakter fördern, also Künstler am Haus haben, die unsere diverse Gesellschaft abbilden. Dazu zählen auch bilinguale Aufführungen, das heißt, dass wir uns mit Theatern der Nachbarländer kurzschließen. Es gibt prosperierende Theaterszenen in Serbien, Slowenien, auch in Ungarn.

STANDARD: Haben Sie gezielt nach Künstlern mit Migrationsbiografien gesucht?

Rötzer: Nein, aber ich konnte im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit Kontakt mit den unterschiedlichsten Künstlern knüpfen. Aus diesen Netzwerken schöpfe ich. Der deutschsprachige Theaterraum öffnet sich derzeit für internationale Einflüsse; diese Tendenz liegt auf der Hand.

STANDARD: Sie haben sich gegen 67 Mitbewerber durchgesetzt. Womit haben Sie überzeugt?

Rötzer: Ich denke, dass es wichtig war, den Fokus auf Weltoffenheit zu richten. Das muss unbedingt in Niederösterreich stattfinden. Österreich liegt im Zentrum Europas, (Nieder-)Österreich grenzt an viele Länder. Wir sind wirtschaftlich sehr globalisiert, hinken aber politisch und kulturell noch hinterher. Das muss man am Theater reflektieren.

STANDARD: Ist St. Pölten in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ein Begriff? Wie nahmen Sie das von Hamburg aus wahr?

Rötzer: Vom Thalia-Theater aus, muss man ehrlicherweise sagen, verschwimmt vieles, was nicht oberste Spitze ist. Vor allem schaut man in Österreich aufs Burgtheater. Aber durch die Gastspielvernetzung ist das Landestheater Niederösterreich zu einem Haus geworden, das man schätzt. Es hat sich einen sehr guten Ruf erarbeitet. Es gab auch bereits regen Austausch. Im nächsten Jahr haben wir auch ein Gastspiel vom Thalia eingeladen: Warten auf Godot von Stefan Pucher mit Jens Harzer und Jörg Pohl. Theater sollten sich mehr austauschen, auch innerhalb Österreichs. Leider gibt es das österreichische Theatertreffen nicht mehr. Das fehlt mir.

STANDARD: Das müssen Sie initiieren!

Rötzer: Wenn es Verbündete gibt, bin ich dabei!

STANDARD: Sie haben gesagt, Sie möchten am Theater eine "Humanismusdebatte" anstoßen. Was meinen Sie damit konkret?

Rötzer: Ich habe letztes Jahr im Zuge der Flüchtlingsdebatte gemerkt, dass es ein enormes Redebedürfnis gibt bei den Menschen; Fragen kreisen im Kopf herum, man will sich austauschen. Dafür ist das Theater ein idealer Ort. Wir müssen neu über unsere Werte nachdenken, in diesen Fragen gibt es derzeit ein Vakuum. Unsere Wohlstandsgesellschaft ist in eine Schieflage gerutscht. Der Ort der Kirche funktioniert als Hilfestellung für viele Menschen heute nicht mehr. Theater kann ein Ort der Begegnung sein, wo man sich mit seinen Ängsten oder Traumata wiederfindet. Wo man sich einem Perspektivwechsel aussetzen kann, fast wie in einer Therapie.

STANDARD: Neben Klassikern wie Grillparzer, Shakespeare und Ayckbourn liegen den Uraufführungen Ihrer ersten Spielzeit Romane zugrunde – Ilija Trojanow, Josef Winkler, Thomas Morus. Ist die Prosa die neue Dramatik?

Rötzer: Das Theater ist ein gefräßiges Tier, das sich alles einverleibt, was es braucht. Es geht dabei nicht um Prosa im Speziellen, sondern generell um Stoffe und Materialien, die wir für die Bühne aufgreifen. Den Austausch der Künste gab es schon immer. Romane und Theaterstücke werden ja auch verfilmt. In erster Linie geht es aber um die Themen, die wir behandeln wollen: Flucht, Heimat, Fremde und Theater als Zukunftslabor mit der Frage: Welche Utopien gibt es noch? (Margarete Affenzeller, 12.7.2016)

Marie Rötzer (47), geboren in Mistelbach, übernimmt nach Stationen in Berlin, Zürich, Graz, Mainz und zuletzt im Leitungsteam am Thalia-Theater Hamburg mit der Spielzeit 2016/17 die Intendanz am Landestheater Niederösterreich. Eröffnungspremiere am 16. September, Eröffnungsfest auf dem Rathausplatz am 17. September mit Ensemble und Gästen.

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Landestheater Niederösterreich

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