Die unverwässerte Leidenschaft des Cristiano Ronaldo

11. Juli 2016, 15:02
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Während der Euro zeigte sich die portugiesische Fußball-Legende von ihrer besten Seite, nicht nur als Kicker

Am Ende gab Cristiano Ronaldo den Trainer. Er lief trotz Verletzung an der Seitenlinie auf und ab, gab synchron mit dem portugiesischen Chefcoach Fernando Santos Anweisungen. Einen Fuß am Spielfeld und wild gestikulierend dirigierte Ronaldo seine Kollegen Richtung Titelgewinn. Das war nicht regelkonform, aber höchst unterhaltsam. In der Welt aalglatter Bilder und standardisierter Interviews sehnen sich gelangweilte Fußballfans nach ungeschnittenen Emotionen. Dies waren nicht die Bilder eines eitlen Gockels, dies waren die Bilder eines groß gewordenen Jungen aus Madeira, der sich ohne Wenn und Aber dem Fußball verschrieben hat. Szenen einer trotz all der Moneten unverwässerten Leidenschaft.

Ronaldo ist ein Jäger und Sammler. Er jagt Rekorde, er sammelt Trophäen. Der Portugiese soll Spiele entscheiden, am besten jedes einzelne. Woche für Woche. Die öffentliche Erwartungshaltung ist enorm, mehr als das, sie ist in einer zugespitzten Sportart wie dem Fußball absurd. Noch weit absurder ist aber, dass der 31-Jährige diesen Erwartungen seit mehr als einem Jahrzehnt gerecht wird. Er widersetzt sich erfolgreich den Naturgesetzen des Profisports, die Höhen und mit zunehmendem Alter vermehrt auch Tiefen vorsehen. Formkrisen? Ja, gab es, man konnte von ihnen lesen – wann immer Ronaldo zwei Spiele in Folge nicht traf.

Dass Ronaldo ein fußballerischer Ausnahmekönner ist, weiß man nicht erst seit der Europameisterschaft. Dass er neben dem Entblößen seines Oberkörpers und dem Pflegen seines Egos auch noch Zeit für Fans und Kollegen findet, mag für unregelmäßige Aficionados überraschend gekommen sein. Wer nimmt sich nach einer gefühlten Niederlage Zeit, um mit einem Flitzer geduldig für ein Selfie zu posieren, wehrt dabei Wachpersonal ab? Ronaldo. Wer quittiert es mit einem breiten Lächeln, wenn sich ein Fan im Halbfinale auf das Mannschaftsfoto drängt? Ronaldo. Wer widmete den Titel "allen Einwanderern"? Erraten: Ronaldo. Und wer wirft das Mikrofon eines Journalisten nach einer harmlosen Frage in hohem Bogen in den Fluss? Okay, das war auch Ronaldo. Ein angesäuerter Ronaldo eben. Keine Inszenierung, alles Fleisch und Blut.

Und dann gab es noch jene Szene, als Ronaldo seinen Mitspieler Joao Moutinho im Viertelfinale gegen Polen zum Elferschießen ermutigte. Moutinho fühlte sich unwohl, wollte sich leise davonstehlen. Kein Wunder, 2012 verschoss er im EM-Halbfinale gegen Spanien. Wer will schon zweimal Dolm der Nation sein? Also sprach Ronaldo: "Komm und schieß! Komm her und schieß! Du schießt sie gut! Sei stark, es liegt jetzt in Gottes Händen." Moutinho traf, Ronaldo ebenso, Portugal zog über Polen ins Halbfinale ein.

Die portugiesischen Väter des Triumphes waren andere. Trainer Santos hat einen Underdog mit Geschick durch das Turnier gelotst. Goalie Rui Patricio und Abwehrbollwerk Pepe, der vielleicht beste Spieler des Turniers, liefen spätestens im Endspiel zur Höchstform auf. Der oft geschmähte Torschütze Eder fasste sich im richtigen Moment ein Herz. Seine Worte nach dem Spiel: "Ronaldo hat mir gesagt, dass ich das Siegestor schießen würde. Er hat mir die Stärke und diese Energie gegeben." Es lag nicht nur in Gottes Händen, es lag auch in Fußballgottes Kopf. (Philip Bauer, 11.7.2016)

  • Er hat den Pokal, die Coupe Henri-Delaunay: Cristiano Ronaldo.
    foto: apa/afp/leong

    Er hat den Pokal, die Coupe Henri-Delaunay: Cristiano Ronaldo.

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