Zirkus der Leidenschaften

11. Juli 2016, 14:33
6 Postings

"Cavalleria rusticana" und "I Pagliacci" im Innenhof des Stifts Klosterneuburg

Klosterneuburg – Das Bühnenbild (Walter Vogelweider) ist ein Kind der Hässlichkeit und des Kuddelmuddels. Was man sieht? Mächtige Burgzinnen von innen, mit Felsen und Sarastros Tempel in der Mitte? Oder die Arte-povera-Darstellung eines Dorfs, das nur an einem Eck fertig angemalt wurde? So was in die Richtung, wahrscheinlich. Denn im Innenhof des Stifts Klosterneuburg gibt man Cavalleria rusticana und I Pagliacci, und ein sizilianisches und ein kalabrisches Dorf sind ja die Handlungsorte beim veristischen Kombi-Pack von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo.

Andrea Hölzls Kostüme der Dorfbewohner – ein bisschen retro, ein bisschen Kleider Bauer – lassen sich zeitlich nicht klar verorten und strahlen mit ihrer frisch gebügelten Sauberkeit eine leichte Musical-Asepsis aus. Die Dorfbewohner selbst agieren speziell im ersten Einakter mit der steifen, anämischen Geziertheit höherer Töchter. Das wird bei I Pagliacci besser, da gelingt es Regisseurin Isabella Gregor, Leben und wirbelnde Zirkusbuntheit in die Unternehmung zu bringen.

Dazu tragen auch die hervorragenden Darsteller der Komödiantentruppe bei, die an Mariä Himmelfahrt blutigen Ernst aus dem lustigen Spiel machen: Clemens Unterreiner ist ein wohlklingender Tonio mit überbordender Blödellust, Eugenia Dushina eine liebreizende Nedda mit frechem, lebendigem Sopran und Maximilian Mayer (Beppo) ein Harlekin mit Spielfreude und herzerwärmend positiver Ausstrahlung. Zurab Zurabishvili ersticht als leidenschaftlicher Canio seine Frau und deren Lover Silvio (Klemens Sandner) mit Schmackes.

Auch das Morden des kraftvoll singenden Sebastian Holecek (als Alfio) erweist sich als effektiv, Bruno Ribeiro hat zum Ende der Cavalleria rusticana ausgesungen. Zum Glück hatte der Portugiese zuvor die Gelegenheit, die Qualitäten seines Tenors (als Turiddu) darzustellen. Stella Grigorian ist eine leidenschaftliche Santuzza, und Anna Marshaniya gibt die Lola im Milliardärstochter-Look.

Die Sinfonietta Baden klingt im offenen Innenhof weich und silberzart, Dirigent Christoph Campestrini könnte den ohne Verstärkung musizierenden Klangkörper (wie auch Holger Kristen den Chor) noch zu mehr Kraft und Wucht animieren. Allgemeine Begeisterung in der lauen Premierennacht. Nächsten Sommer zeigt man Rossinis Le Comte Ory. (Stefan Ender, 11.7.2016)

  • "I Pagliacci" in Klosterneuburg (v.l.n.r.): Eugenia Dushina (Nedda), Zurab Zurabishvili (Canio), Clemens Unterreiner (Tonio) und Maximilian Mayer (Beppo).
    foto: lukas beck / operklosterneuburg

    "I Pagliacci" in Klosterneuburg (v.l.n.r.): Eugenia Dushina (Nedda), Zurab Zurabishvili (Canio), Clemens Unterreiner (Tonio) und Maximilian Mayer (Beppo).

Share if you care.