"Immense Enttäuschung" aufseiten Frankreichs

11. Juli 2016, 13:39
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Gastgeber blieb Krönung versagt – WM 2018 als nächstes Ziel – Trainer Deschamps: "Mir tun die Spieler leid" – Griezmann: "Es war einfach nicht unser Abend"

Saint-Denis – Frankreichs Heimserie ist am Sonntagabend in dramatischer Manier zu Ende gegangen. Als Favorit ins Finale der Heim-Europameisterschaft gestartet, rannten Les Bleus erfolglos gegen Portugals Abwehr an. Trotz des Ausfalls von Cristiano Ronaldo entschied der Außenseiter die Partie durch Eders Tor in der 109. Minute für sich. Bei den Heimischen war der Frust groß.

Trainer Didier Deschamps bemühte sich nicht, das zu verbergen. "Die Enttäuschung ist immens", sagte der ehemalige französische Kapitän, der das Team 1998 zum WM-Triumph und 2000 zum EM-Titel geführt hatte. "Mir tun die Spieler leid. Es gibt keine Worte, sie zu trösten. Das ist hart, wirklich hart." Es werde Zeit brauchen, diese Enttäuschung zu verarbeiten.

Mittagessen statt Triumphzug

Deschamps musste ebenso wie seine Spieler mitansehen, wie der neue Europameister Portugal mit einem am Ende doch noch überglücklichen Ronaldo kurz vor Mitternacht dort stand, wo er vor 18 Jahren den WM-Pokal überreicht bekommen hatte. Nichts wurde es mit der so erhofften triumphalen Fahrt zurück ins EM-Quartier in Clairefontaine. Nichts mit der ausgelassenen Feier am Montag. Staatspräsident Francois Hollande lud Mannschaft und Trainer aber zum Mittagessen in den Elyseepalast ein.

Mit der 0:1-Niederlage ging für die französische Nationalmannschaft eine lange Serie zu Ende. Zuvor 18 EM- oder WM-Spiele war man vor heimischer Kulisse auf dem Weg zu den Titelgewinnen 1984 (EM) und 1998 (WM) nicht besiegt worden. Bei der diesjährigen EM hatte die Equipe tricolore in den sechs Spielen bis zum Finale fünf Siege errungen. Ein Gruppenspiel gegen die Schweiz endete torlos.

Nach dem Halbfinal-Triumph über Weltmeister Deutschland in Marseille noch voller Vorfreude auf das Finale, herrschte nach der Schlusspfiff im Stade de France pure Niedergeschlagenheit. Während die Portugiesen ausgelassen feierten, saßen die Franzosen enttäuscht auf dem Spielfeld. Das Heimteam hätte die Partie in der regulären Spielzeit zu seinen Gunsten entscheiden müssen. Die Franzosen waren das bessere Team, hatten sich ein deutliches Chancenplus erarbeitet.

Der eingewechselte Andre-Pierre Gignac traf in der Nachspielzeit aber nur die Innenstange. Zuvor hatten Antoine Griezmann (66.), Olivier Giroud (75.) und Moussa Sissoko (84.) Möglichkeiten vorgefunden. Der starke Rui Patricio im portugiesischen Tor blieb aber unüberwindbar, Frankreichs Angriff – der stärkste des Turniers – wirkungslos.

Nächste Enttäuschung für "Grizou"

Den Goldenen Schuh für den EM-Torschützenkönig nahm Griezmann regungslos entgegen, das Posieren für die Fotografen ließ er über sich ergehen. Für den 25-Jährigen von Atletico Madrid endete das Finale mit der nächsten Enttäuschung, nur 43 Tage nach dem verlorenen Champions-League-Endspiel stapfte er wieder als Verlierer in die Kabine.

"Es ist frustrierend und nervig, aber so ist Fußball", meinte Griezmann. Ende Mai hatte er mit Atletico im Elferschießen gegen Real Madrid die CL-Trophäe liegenlassen. Gegen Ronaldo und Pepe folgte Sonntagabend im Stade de France mit dem 0:1 die nächste Pleite. Griezmann fand zwei Chancen per Kopf vor, seine Ausbeute von sechs Turniertoren konnte er aber nicht mehr erhöhen.

"Wir waren knapp dran, sehr knapp. Es ist frustrierend. Es war einfach nicht unser Abend", sagte der Wirbelwind, dessen Tempodribblings von den Portugiesen meist im Ansatz verhindert wurden. "Portugal hatte nicht viele Chancen, aber sie haben schlau gespielt", erkannte Griezmann. Auch seine Nebenleute Dimitri Payet und Olivier Giroud – das Trio kam in Summe auf zehn EM-Tore – blieb fast wirkungslos.

Keine Ausrede

Deschamps ortete eine gewisse Müdigkeit, wollte das aber nicht als Ausrede gelten lassen. Kleinigkeiten hätten entschieden. Gratulationen gab es für den Europameister. Von einem unverdienten Champion – die Portugiesen haben auf dem Weg zum Titel nur eine Partie in der regulären Spielzeit gewonnen – wollte er nicht sprechen. "Vielleicht hat Portugal nicht viele Spiele gewonnen. Aber sie sind nicht zufällig im Finale gestanden."

Der 47-Jährige darf sich dennoch ein wenig wie ein Gewinner der Heim-EM fühlen. 2012 hat er die ob Disziplinlosigkeiten diverser Spieler verrufene Nationalelf übernommen und in den vergangenen Jahren zu einer starken, homogenen Einheit geformt. "Es gibt positive Aspekte, die Atmosphäre ist völlig anders, aber darüber können wir später sprechen", sagte er nun in Saint-Denis.

Es darf erwartet werden, dass Deschamps die Blauen auch zur WM 2018 in Russland führen wird. Sein Vertrag ist bis zum nächsten Großturnier datiert. Er selbst wollte nicht viel über seine Zukunft sprechen. "Ich brauche jetzt Zeit, das zu verdauen", meinte Deschamps. "Das ist nicht das Ende des Weges. Auch wenn es heute hart ist. Aber wir sollten daran denken, dass bessere Tage und eine aufregende Zukunft vor uns liegen", ließ er immerhin wissen.

Heiße Zukunftsaktien

Torhüter und Kapitän Hugo Lloris blickte bei aller Tristesse ebenfalls mit Zuversicht nach vorne. "Wir sind enttäuscht, aber wir haben ein Team, auf das wir aufbauen können", meinte der 29-Jährige. Noch etliche Jahre im Teamtrikot könnten die Stars Antoine Griezmann (25) und Paul Pogba (23) spielen. Die Zukunft gehört auch dem 22-jährigen Neo-Barcelona-Verteidiger Samuel Umtiti oder den 20-jährigen Flügelspielern Kingsley Coman (FC Bayern) und Anthony Martial (Manchester United).

Unterstützung bekam Deschamps von Thierry Henry. "Ich denke, er ist der Richtige für den Job", sagte sein ehemaliger Teamkollege. "Schauen wir einmal, ob wir es zur WM schaffen." Frankreich startet am 6. September in Weißrussland in die Qualifikation. Weitere Gegner sind die Niederlande, Schweden, Bulgarien und Luxemburg. Nur der Gruppenerste fährt fix nach Russland. (APA, Reuters, red, 11.7.2016)

  • Frankreichs Trainer Didier Deschamps (li.) ist nun vor allem als Seelentröster gefragt. Den Akteuren der Équipe tricolore stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. X-beliebiges Beispiel: Antoine Griezmann.
    foto: afp/ franck fife

    Frankreichs Trainer Didier Deschamps (li.) ist nun vor allem als Seelentröster gefragt. Den Akteuren der Équipe tricolore stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. X-beliebiges Beispiel: Antoine Griezmann.

  • Geknickte Franzosen: Bacary Sagna mit Yohan Cabaye und Eliaquim Mangala.
    foto: reuters/john sibley livepic

    Geknickte Franzosen: Bacary Sagna mit Yohan Cabaye und Eliaquim Mangala.

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