Ryanair: Gewerkschaft fordert Anstellung "scheinselbstständiger" Piloten

11. Juli 2016, 13:25
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Staatsanwalt und Zoll haben in den letzten Tagen Pilotenräume durchsucht und Flugkapitäne nach ihren Arbeitsverhältnissen befragt

Dublin/Koblenz – An sechs deutschen Airport-Standorten gab es vorige Woche Razzien beim irischen Billigflieger Ryanair. Die Staatsanwaltschaft Koblenz und der deutsche Zoll ermitteln wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung und Scheinselbstständigkeit. Die Fahnder befragten die Piloten nach ihrem Arbeitsverhältnis, sie beschlagnahmten Computer, Einsatzpläne und Dokumente. Nun ergreift die Gewerkschaft das Wort.

Nach den Razzien hat die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) die Fluggesellschaft heute aufgefordert, die Piloten direkt einzustellen. Der Billigflieger müsse seine "zwielichtigen Geschäftspraktiken" mit zwischengeschalteten Personaldienstleistern beenden, verlangte die VC in einer Mitteilung.

Verdacht auf Steuerhinterziehung

Hinter den Durchsuchungen an sechs deutschen Ryanair-Flughäfen in der vergangenen Woche und bereits zuvor bei zwei britischen Personaldienstleistern steht laut Staatsanwaltschaft Koblenz der Verdacht der Scheinselbstständigkeit und der Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben.

Der Billigflieger nutze als Vorreiter aus, dass in Deutschland mehr als 10 Prozent aller Piloten arbeitslos seien, kritisierte die VC. Laut einer Studie müssten bereits 16 Prozent aller Piloten in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten.

Ryanair hatte erklärt, mit den deutschen Behörden zusammenzuarbeiten. Gegen die Airline selbst werde nicht ermittelt. Die Fluggesellschaft verlange von all ihren freien und fest angestellten Piloten, dass sie sich stets entsprechend ihren steuerlichen Pflichten verhalten.

Diese Haltung und der Verweis auf die beschuldigten Partnerfirmen mute wie Hohn an, erklärte VC-Sprecher Markus Wahl. "Die Preiskriege dürfen nicht länger auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden, erst recht nicht in sicherheitsrelevanten Umfeldern wie dem Luftverkehr", sagte VC-Vizepräsident Martin Locher .

Auch mindestens zwei Privatwohnungen von Piloten seien durchsucht worden, hieß es letzte Woche in deutschen Zeitungen.

Ermittlungen seit sechs Jahren

Zugrunde liegen Ermittlungen gegen zwei britische Personaldienstleister, die Piloten unter Vertrag genommen und an den irischen Billigflieger Ryanair ausgeliehen haben. Über solche Firmen können Fluggesellschaften ihre Personalkosten drücken. In Deutschland stationierte, selbstständige Ryanair-Piloten sollen Steuern und Abgaben aber nicht – wie nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft von einer EU-Verordnung vorgeschrieben – am Einsatzort abgerechnet haben, schrieb die "Berliner Morgenpost".

Die Ermittlungen laufen bereits seit mindestens sechs Jahren. Auch die beiden britischen Personaldienstleister wurden schon im Wege der Rechtshilfe durchsucht. Die Ermittler hoffen, mit ihrer Arbeit im Lauf dieses Jahres fertig zu werden. (APA, 11.7.2016)

  • Winkender Ryanair-Pilot am Flughafen Amsterdam: Deutsche Staatsanwälte ermitteln wegen des Verdachts auf Scheinselbständigkeit.
    foto: afp photo / anp / remko de waal

    Winkender Ryanair-Pilot am Flughafen Amsterdam: Deutsche Staatsanwälte ermitteln wegen des Verdachts auf Scheinselbständigkeit.

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