Portugal – Frankreich als Spiegelbild des Turniers

Infografik11. Juli 2016, 11:52
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Das Finale war von spielerischer Bescheidenheit, viel Unruhe und Hektik im Spielaufbau geprägt. Mängel wurden durch große Konsequenz in der Arbeit gegen den Ball kompensiert

Jenseits der spielerischen Bescheidenheit mauserte sich das Finale der EURO zwischen Frankreich und Portugal zu einem Musterstück über vermeintliche und tatsächliche Leer- und Schwachstellen, Lückenbüßer, Haupt- und Nebenrollen, Wasserträger und Rädelsführer. Beginnen wir bei den Siegern: Nach dem frühen, verletzungsbedingten Hollywood-Abgang von Stürmerstar Ronaldo stellte sich die Frage, ob das auf dem Feld verbleibende Häuflein in seine Einzelbestandteile zerfallen oder aber aus dem Schatten des Giganten treten und endlich aufblühen würde.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.

Lange Zeit spielte das Team so weiter, als würde es das Trauma der Abwesenheit des Meisters ignorieren. Das Spiel nach vorne mündete immer wieder in fruchtloses Flügelgeflanke, in der Netzwerkgrafik zu erkennen an den Achsen Mario–Quaresma bzw. Cédric–Nani. Zwei Wechsel brachten Portugal schließlich in die Lage, das Spiel nicht nur zu verhindern, sondern vor allem in der Verlängerung nachgerade zu dominieren: Durch die Hereinnahme von Moutinho erhielt das Zentrum einen erfahrenen Spielgestalter, sodass der bis dahin mit Aufbauagenden befasste bis überforderte Nani auf die ihm angestammte rechte Seite wechseln konnte. Die Einwechslung von Eder ermöglichte eine Art Ronaldo-Simulation, denn nunmehr konnten Nani und Quaresma auf den Flügeln toben und Eder seine Wucht als Mittelstürmer einsetzen.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die, in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Den Franzosen blieb es verwehrt, ihrer personellen Mutation die Krone des Triumphs aufzusetzen. Nach der Einwechslung von Coman und Gignac statt der im Verlauf des Turniers so wichtigen, an diesem Abend aber ausgepumpten Spieler Payet und Giroud erarbeiteten sich die Gastgeber ein spielerisches Übergewicht, dem einzig die Finalisierung verwehrt blieb, als Gignac kurz vor Ende der regulären Spielzeit den Ball an die Stange setzte.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihres Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben.

Insgesamt gab das Finale ein prägnantes Spiegelbild des gesamten Bewerbs ab: viel Unruhe und Hektik im Spielaufbau, kompensiert durch die große Konsequenz in der Arbeit "gegen den Ball". Es steht zu befürchten, dass auch künftige Turniere ähnlich geprägt sein werden. (Helmut Neundlinger, 11.7.2016)

Analytikerinnen und Analytiker

FASresearch war bei den Weltmeisterschaften 2006, 2010 und 2014 sowie bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den STANDARD auch die laufende EURO in Frankreich.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

fas-research.com

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