Tibet: Ein Grazer auf Muschelsuche in 5.000 Meter Höhe

Blog11. Juli 2016, 11:00
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Naturfilmer Klaus Feichtenberger durfte dort drehen, wo seit 2008 kein ausländischer Korrespondent mehr hindarf

Manchmal braucht man in Peking nur zu warten, bis das Handy klingelt. Immerzu melden sich Leute, die aus dem Landesinneren kommen und spannende Geschichten mitbringen. Etwa der Grazer Klaus Feichtenberger. Er flog gerade vom Dach der Welt ein, wohin ausländische Korrespondenten seit den Unruhen 2008 nicht mehr frei reisen können.

Der preisgekrönte Naturfilmer und sein Österreich-Team hatten es einfacher, obwohl auch sie in Tibet keine Klöster besuchen durften. Aber das war nicht ihr Anliegen. Feichtenberger landete im Direktflug aus Lhasa und rief an. Er wohne im Hotel um die Ecke. Als Erstes erzählte er, dass ihm der Smog im schwülen Pekinger Juli weniger bekommt, als zwei Monate lang ohne jede Arbeitspause die dünne Luft in Tibet zu ertragen. Es machte dem 63-Jährigen auch nichts aus, sich auf 5.000 Meter Höhe ständig zu bücken. Der Grund dafür: Vor seinen Füßen lagen wahre Fundgruben "mit versteinerten Fossilien, Muscheln und Schnecken".

Feichtenberger weiß, wie die einstigen Ozeanbewohner auf das tibetische Hochplateau kamen, und vor allem, wann das war – "vor 25 Millionen Jahren". Damals steckten sie noch 1.000 Meter tief unter Wasser. Als sich der indische Subkontinent und das asiatische Zentralmassiv zusammenschoben und der Himalaja entstand, hob der gewaltige Druck auch den Meeresboden nach oben. Erst vor Ort erkenne man, "wie viel Bewegung in unserer Erdkruste steckt".

"Der Himmelfluss"

Das ist eines der Themen, die den Regisseur umtreiben. Hauptsächlich war er hinter einem tibetischen Fluss her, der an der Nahtstelle der beiden tektonischen Platten fließt. Seit dem 6. Mai folgten er, Kameramann Hubert Doppler und "Drohnenkapitän" Hans Hornberger dem Yarlung Tsangpo. So nennen die Tibeter den in Tibet 2.000 Kilometer langen Strom, der durch die Schluchten des Himalaja ins indische Tiefland stürzt und dort als mächtiger Brahmaputra weiterfließt. Unter dem Namen Jamuna mündet er schließlich in die Bucht von Bengalen. Das gigantische Wassersystem ist der Hauptdarsteller in dem mit Koproduzenten wie Chinas CCTV gedrehten Dreiteiler "Der Himmelfluss". Der ORF zeigt ihn Ende 2017. Feichtenberger ist für die Regie des Tibet-Teils und für die Gletscher in Nepal zuständig.

Die drei Österreicher und chinesische Mitarbeiter waren in alten Toyota Landcruisern unterwegs. "Ich habe in 20 Jahren als Dokumentarfilmer viele Geländefahrten mitgemacht. Aber noch keine so brutale." Zehnmal brachen die Wagen zusammen, waren Reifen und Bremsscheiben hinüber. "Wir hatten alle Ersatzteile mit und Fahrer, die ein Getriebe in 20 Minuten auswechselten." Für einige ihrer Touren mussten sie Pferde mieten.

Kein Facebook-Zugang

Um das Licht auszunutzen, starteten sie um sechs Uhr früh und fielen um 23 Uhr ins Bett. Meist gab es keine Internetverbindung. Wenn sie ins Netz kamen, hatten sie keinen Zugang zum in China gesperrten Facebook, über das sie vom Fortgang der Dreharbeiten berichten wollten. Doch sie hatten Glück mit dem Wetter und eine Drohne, die nur für 3.000 Meter Höhe ausgelegt war, aber auf 5.500 Meter Höhe immer noch funktionierte. "Uns gelangen traumhafte Aufnahmen."

1.200 Kilometer folgten sie dem Fluss von Lhasa bis zur mysteriösen Quelle, bei der sich der Geologe Sven Hedin (1865–1952) vertat. Chinas Akademie der Wissenschaften nennt heute den Angsi-Gletscher als Ursprung. Feichtenberger, der Hedins Notizen über dessen zehn Jahre dauernde Expeditionen in der Region durchackerte, bleibt skeptisch. Im Angsi-Quellgebiet entdeckte er einen unbekannten Nebenfluss, dessen Länge sich nicht erkunden ließ. Er vermutet: An dessen Anfang könnte die wirkliche Quelle liegen.

Der Dreiteiler, sagt er, ist der erste Versuch, das Gesamtsystem Fluss zu zeigen und darüber auch den klimatischen und geologischen Kreislauf in der Entwicklungsgeschichte der Erde. Die Muscheln sind ein Teil davon. Wenn der Strom nach tausenden Kilometern in die Bucht von Bengalen mündet, trägt er Sedimente vom Himalaja wieder ins Meer zurück. Aus dem sie einst kamen. (Johnny Erling aus Peking, 11.7.2016)

  • Regisseur Klaus Feichtenberger und Kameramann Hubert Doppler in Tibet.
    klaus feichtenberger

    Regisseur Klaus Feichtenberger und Kameramann Hubert Doppler in Tibet.

  • "Drohnenkapitän" Hans Hornberger.
    klaus feichtenberger

    "Drohnenkapitän" Hans Hornberger.

  • Zehnmal brachen die Wagen zusammen.
    klaus feichtenberger

    Zehnmal brachen die Wagen zusammen.

  • Der ORF zeigt die Dokumentation Ende 2017.
    klaus feichtenberger

    Der ORF zeigt die Dokumentation Ende 2017.

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