Deutscher Geheimdienst spionierte EU-Regierungs- und -Staatschefs aus

11. Juli 2016, 06:00
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Neue Details in der BND-Affäre könnten die deutsche Kanzlerin Merkel unter Druck bringen

Berlin – In der Affäre um den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) sind neue Details zum Umfang der bis Oktober 2013 laufenden Abhöraktionen bekanntgeworden. Laut einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Bewertung des deutschen Bundestagsgremiums zur Kontrolle der Geheimdienste (PKGr) wurde "eine niedrige zweistellige Zahl von Teilnehmern" abgehört, darunter Staats- und Regierungschefs von EU-Staaten.

Es gehe um "mehrere Dutzend" solcher Fälle, erfuhr die dpa. Abgehört wurden demnach auch Minister und deren Umfeld, also Amtssitz, Stab oder Büro, sowie militärische Einrichtungen. Besonders intensiv hat der BND diplomatische Vertretungen von EU- und Nato-Ländern weltweit ausspioniert. In diese Kategorie fallen mehr als zwei Drittel der insgesamt 3.300 Ziele mit EU- und Nato-Bezug, die der BND bis etwa Ende 2013 im Visier hatte.

Hinzu kommt eine mittlere zweistellige Zahl von Institutionen aus den Bereichen Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaft. Als Beispiele werden die Sektoren Luft- und Raumfahrt, Rüstung, Verkehr, Medien und Beratung genannt. Unklar bleibt in dem Bericht unter anderem, was mit dem Bereich Medien gemeint ist.

Mögliche Konsequenzen

Die neuen Details könnten Kanzlerin Angela Merkel und ihre schwarz-rote Regierung in diplomatische Erklärungsnot bringen, selbst wenn die meisten Spionageaktionen wie vom BND erklärt bis spätestens Ende 2013 eingestellt wurden. Angesichts der schwierigen Lage nach dem Brexit-Votum und der Flüchtlingskrise ist Deutschland auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit in der EU angewiesen. Früheren Berichten zufolge belauschten die BND-Mitarbeiter auch das österreichische Innenministerium.

Bei den vom BND ausspionierten EU-Institutionen handle es sich zwar um eine überschaubare Anzahl von Zielen, schreibt das Gremium. Ein speziell dargestellter Fall wird aber als besonders gravierend und "selbst bei wohlwollender Betrachtung" ungerechtfertigt beschrieben. Es gebe "keinerlei Hinweise, dass im BND zu irgendeinem Zeitpunkt der erhoffte Informationsgewinn gegen das politische Risiko der Maßnahme abgewogen wurde". Und weiter: "Das schwerste Problem liegt aber darin, dass der BND hier zumindest einen deutschen Staatsbürger mit Wissen und Wollen gesteuert", ihn also abgehört hat. Deutsche Bürger sind per Gesetz auch im Ausland vor Ausspähung durch deutsche Geheimdienste geschützt.

"Rechtlich unzulässig"

Neben den diplomatischen Vertretungen tauchen laut dem Bericht besonders viele Einzelpersonen als BND-Ziele in EU- oder Nato-Ländern auf. Auch hier könnte noch Sprengstoff verborgen liegen, denn die Ermittler räumen ein, dass aus den vom BND zur Verfügung gestellten Unterlagen meist nicht hervorgeht, um wen es sich handelt und warum die Person abgehört wurde.

Die Geheimdienstkontrollore bescheinigen dem BND in ihrem in der letzten Sitzung vor der Sommerpause am Mittwoch verabschiedeten Bericht in vielen Fällen, dass die Aktionen "als nicht auftragskonform und rechtlich unzulässig" zu betrachten seien. Mehrmals wird dem BND ein unverhältnismäßiges und politisch unsensibles Vorgehen attestiert. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele wirft dem BND in einem "Sondervotum" Rechtsbruch und die Verletzung internationaler Vereinbarungen vor.

Empfehlungskatalog

In einem Neun-Punkte-Empfehlungskatalog werden zahlreiche Eingrenzungen in den Regeln für den BND gefordert, die sich bereits in dem kürzlich von der Koalition vorgelegten Entwurf für ein neues BND-Gesetz finden. Betont wird: "Zukünftig muss sichergestellt sein, dass der Schutz sensibler Ziele (...) sowie der Schutz von EU-Bürgern und EU-Einrichtungen (...) gewährleistet bleibt."

Die deutsche Regierung hatte dem Kontrollgremium im Oktober 2015 mitgeteilt, dass es neben Suchkriterien des US-Geheimdiensts NSA auch eigene problematische BND-Selektoren gegeben hat. Selektoren sind Suchmerkmale wie IP-Adressen von Computern, Mail-Adressen und Telefonnummern, die genutzt werden, um weltweite Datenströme zu durchkämmen. Am Ende waren den 3.300 Zielen in EU- und Nato-Staaten vom BND rund 15.000 Telekommunikationsmerkmale zugeordnet worden. (APA 11.7.2016)

  • Der Eingang zur BND-Zentrale in Pullach bei München.
    foto: apa/afp/jansen

    Der Eingang zur BND-Zentrale in Pullach bei München.

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