Portugal nach 1:0 gegen Frankreich Europameister

11. Juli 2016, 00:07
1387 Postings

Portugal verhindert den französischen Heimtriumph. Die Selecção gewinnt das Finale im Stade de France in der Verlängerung. Ersatzstürmer Éder springt für Superstar Cristiano Ronaldo ein, der fast das gesamte Finale verletzt versäumt – und dann vor Glück weint

Saint-Denis – Nach wenigen Minuten des großen Endspiels flossen bei Cristiano Ronaldo schon Tränen. Aber zunächst nicht die Tränen der Freude, die der dreimalige Weltfußballer nach dem ersten Titelgewinn für sein Land weinen wollte. Ein vom englischen Schiedsrichter Mark Clattenburg ungeahndetes, gelbwürdiges Foul von Dimitri Payet (8.), der mit dem linken Knie das rechte seines Kontrahenten getroffen hatte, warf Ronaldo aus seinem zweiten EM-Finale nach dem mit 0:1 gegen Griechenland verlorenen bei der Heim-EM 2004. Der Wunderstürmer versuchte es noch bis zur 25. Minute, dann musste er verletzt vom Platz getragen werden.

Portugal passt sich an

Coach Fernando Santos passte das System an, Nani übernahm die Kapitänsschleife, Ronaldos Freund Ricardo Quaresma die tonnenschwere Last, den 31-Jährigen auch nur halbwegs zu ersetzen. Da waren selbst die Franzosen betroffen. Jede unfreiwillige Komik wegen einer tierischen Invasion war vergessen. Nahe Paris, der Stadt der Nachtschwärmer, flatterten wohl Hunderttausende von ihnen im Stade de France, nachdem die Stadionverwaltung wegen der Finalvorbereitung einladenderweise über Nacht das Flutlicht hatte brennen lassen.

Es lag aber eher an der Tragödie um Ronaldo als an der Insekteninvasion, dass die Gastgeber nach bärenstarkem Beginn deutlich nachließen. Lediglich Moussa Sissoko hielt sein Niveau. Der Legionär von Newcastle hatte schon die ersten Angriffe der Franzosen mitinitiiert. Die zunächst beste Chance leitete allerdings Payet ein, dessen Vorlage Kollege Antoine Griezmann per Kopf perfekt aufs Tor brachte, das Goalie Rui Patrício jedoch mit einer spektakulären Parade sauber hielt (10.). Die zweite Großchance der Franzosen vor Seitenwechsel vergab Sissoko nach machtvollem Solo. Seinen Schuss aus zehn Metern bändigte Rui Patrício ebenfalls (33.). Danach verstanden es die Portugiesen, den Elan zu bremsen. Als zur Pause gepfiffen wurde, waren erste Unmutsäußerungen von den Rängen zu vernehmen.

Die Partie, eines ihrer Schwergewichte beraubt, ging zerfahren weiter. Referee Clattenburg ahndete nur wenige Fouls, das wurde von beiden Seiten weidlich, aber nicht zum Wohle des Spielflusses genutzt. Die Franzosen bauten bedächtiger auf. Neuen Schwung suchte Coach Didier Deschamps mit Kingsley Coman für Payet zu bringen. Der Jüngling vom FC Bayern servierte Griezmann auch die mögliche Erlösung, aber der 1,76 Meter große Kopfballspezialist zielte mit dem Scheitel aus fünf Metern ganz knapp über das Tor (66.). Als Olivier Giroud, ebenfalls von Coman freigespielt, an Rui Patrício scheiterte, hob schon die Nemesis namens Verlängerung ihr Haupt (75.). Deschamps warf André-Pierre Gignac statt Giroud in die Waagschale. Zunächst aber stockte den französischen Fans der Atem, weil sich Goalie Hugo Lloris beinahe von einer Flanke Nanis übertölpeln ließ (80.).

Gignac fehlen Zentimeter, Éder entscheidet

Die Franzosen stürmten mit zunehmender Verzweiflung. Einen Gewaltschuss von Sissoko wehrte der überragende Rui Patrício ab (84.), bereits in der Nachspielzeit schrammte Gignac, der Torjäger des mexikanischen Meisters UANL Tigres, am Heldenstatus vorbei, als er Pepe und Rui Patrício aussteigen ließ, aber nur die Stange traf (92.).

Das portugiesische Abwehrbrett erwies sich schließlich als zu dick, um innerhalb der regulären Spielzeit durchbohrt zu werden. Wie schon im Halbfinale der Heim-EM 1984 musste Frankreich gegen Portugal in die Verlängerung. Und dort fand der für Renato Sanches gekommene Éder die goldene Chance, aber Lloris hielt (105.). Und als Raphael Guerreiro aus einem Freistoß den Ball an die Latte setzte (108.), waren selbst die Franzosen schon froh, demnächst Elfmeter schießen zu dürfen.

Doch dazu kam es nicht. Denn Éderzito António Macedo Lopes, kurz Éder, der in Guinea-Bissau geborene, von Swansea an Lille verliehene Stürmer, sorgte mit einem herzhaften Schuss für die Sensation (109.) – und brachte nicht nur Ronaldo zum Weinen. (lü, 11.7.2016)

EM 2016, Finale, Sonntag

Portugal – Frankreich 1:0 n. V. (0:0)
St. Denis, Stade de France, 75.900 Zuschauer, SR Clattenburg (ENG)

Tor: 1:0 (109.) Eder

Portugal: Rui Patricio – Cedric Soares, Pepe, Fonte, Raphael Guerreiro – William Carvalho – Renato Sanches (79. Eder), Adrien Silva (66. Joao Moutinho), Joao Mario – Nani, Ronaldo (25. Quaresma)

Frankreich: Lloris – Sagna, Koscielny, Umtiti, Evra – Pogba, Matuidi – Sissoko (110. Martial), Griezmann, Payet (58. Coman) – Giroud (78. Gignac)

Gelbe Karten: Cedric Soares, Joao Mario, Raphael Guerreiro, William Carvalho, Rui Patricio bzw. Umtiti, Matuidi, Koscielny

Stimmen:

Éder (Portugal-Torschütze): "Es ist einfach unfassbar. Wir haben so hart gearbeitet. Alle Menschen in Portugal haben uns unterstützt. Wir haben uns stark gefühlt. Ich glaube, wir haben es uns verdient. Wir wollten das unglaublich, und wir haben so lange darauf gewartet. Vom ersten Tag an habe ich gewusst, dass meine Chance kommen wird. Dass es heute so klappt, ist natürlich Wahnsinn. Cristiano (Ronaldo) hat mir gesagt, dass ich treffen werde. Aber ob ich das Tor schieße oder jemand anderer, ist egal. Es ist einfach nur schön, dass es geklappt hat."

Pepe (Portugal-Verteidiger, Man of the Match): "Wir haben viel gelitten, es war ein intensives Spiel. Wir müssen viel arbeiten und bescheiden sein. Wir vertreten ein ganzes Land. Es ist ein Land von Immigranten, ein wunderschönes Land mit tollen Spielern. Wir vertreten sie alle. Sie haben uns gelehrt, Opfer zu bringen. Es war schwer, wir haben unseren wichtigsten Mann verloren. Den Mann, der in jedem Moment ein Tor erzielen kann. Aber Gott hat uns geholfen. Wir waren Kämpfer auf dem Platz. Wir haben uns geschworen, für ihn zu gewinnen, und wir haben für ihn gewonnen. Ich möchte allen Portugiesen danken. Wir haben ein neues Kapitel unserer Geschichte geschrieben. Wir werden weiter wachsen."

Raphael Guerreiro (Portugal-Verteidiger): "Ich bin immer noch am Träumen. Ich kann es immer noch nicht fassen. Das ist fantastisch. Besonders in Frankreich die EM zu gewinnen ist fantastisch. Wir haben den Kritikern nicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Es war immer unser Ziel zu gewinnen. Das ist der schönste Augenblick meiner Karriere."

Adrien Silva (Portugal-Mittelfeldspieler): "Dieses Team hat es geschafft, alle Kritiker zu überzeugen. Wir haben uns mit harter Arbeit durchgesetzt. Große Gratulation an alle Fans, die uns unterstützt haben. Unsere Fans waren heute lauter als die Franzosen. Wir wussten, dass wir dieses Spiel gewinnen können. Frankreich hatte einige Chancen, aber wir haben uns durchgesetzt."

Renato Sanches (Portugal-Mittelfeldspieler): "Das war die bestmögliche Antwort an alle, die nicht an uns geglaubt haben. Éder hat es verdient. Er hat sich diesen Moment verdient, weil viele Leute ihn kritisiert haben. Darum geht es im Fußball, um diese großen Momente. Ronaldo ist sehr wichtig, aber wir haben andere wichtige Spieler. Wir haben die Sache erledigt."

Fernando Santos (Portugal-Teamchef): "Ich bin sehr glücklich. Cristiano war ein großartiges Beispiel, er hat es zweimal noch versucht. In der Kabine hat er allen Burschen geholfen, das war die Definition von Teamwork. Wir haben eine strahlende Zukunft vor uns."

Cristiano Ronaldo (Portugal-Kapitän, verletzt ausgewechselt): "Diese Trophäe ist für alle Portugiesen, für alle Einwanderer und für alle Menschen, die an uns geglaubt haben. Das war nicht das Finale, das ich mir gewünscht hatte. Es ist nicht mehr gegangen, dass ich weiterspiele. Ich hatte zu große Schmerzen, aber ich bin sehr glücklich."

Didier Deschamps (Frankreich-Teamchef): "Wir haben die große Chance vergeben, den Titel zu holen. Es gibt keine Worte, um dieses Gefühl zu beschreiben. Die Enttäuschung ist da, und sie ist immens. Es wird Zeit brauchen, um das zu verarbeiten. Wir haben gemeinsam gelitten, wir haben gemeinsam gewonnen, und wir haben am Ende gemeinsam verloren."

Antoine Griezmann (Frankreich-Stürmer, EM-Torschützenkönig): "Wir haben alles gegeben. Wir wollten diesen Sieg unbedingt, aber wir haben kein Glück gehabt. Ihr Torhüter hat großartig gehalten, wir sind mehrmals sehr nahe gekommen. Portugal war im Konter gefährlich. Sie haben zehn Minuten vor Schluss getroffen. Es ist frustrierend und nervig, aber so ist Fußball. Wir müssen uns so schnell wie möglich davon erholen und die WM-Qualifikation angehen. Es war nicht unser Abend. Wir können stolz sein auf unser Team und auf unseren Weg. Wir haben eine gute EM gespielt. Für mich ist es die zweite Finalniederlage in einem Monat. Das ist sehr schade. Aber ich werde stärker zurückkommen."

Moussa Sissoko (Frankreich-Mittelfeldspieler): "Ich glaube, wir haben ein gutes Spiel gemacht, weil wir viele Chancen vorgefunden haben. Wir haben viele gute Dinge gezeigt, aber uns hat auch ein bisschen das Glück gefehlt. Es ist enttäuschend, aber so ist es. Wir müssen Portugal gratulieren. Wir haben den Titel in der Hand gehabt, aber es hat uns etwas gefehlt. Wir werden diese Niederlage verarbeiten und stärker zurückkommen. Es war ein großes Abenteuer, ein großes Turnier hier zu Hause. Wir haben den großen Erfolg verpasst, aber so ist Fußball."

Hugo Lloris (Frankreich-Kapitän): "Wir hatten viel mehr Chancen als sie. Ich glaube nicht, dass wir cool genug waren. Portugal war mental stark. Sie haben nur ein Spiel gewonnen über 90 Minuten – und das zeigt die Möglichkeiten, die dieses Team hat. Wir sind enttäuscht, aber wir haben ein Team, auf das wir aufbauen können. Fußball kann sehr brutal sein. Das überwältigende Gefühl im Moment ist Traurigkeit. Wir müssen den Kopf hochnehmen, weil wir während des Turniers großartige Dinge erreicht haben. Wir haben vielen Franzosen Freude bereitet, aber wenn man ein Wettbewerbstyp bist, akzeptiert man niemals Niederlagen."

  • Es ist vollbracht: Die Coupe Henri-Delaunay ist in Portugals Händen.
    foto: reuters/pfaffenbach

    Es ist vollbracht: Die Coupe Henri-Delaunay ist in Portugals Händen.

  • 109. Minute: Éderzito António Macedo Lopes, kurz Éder, nimmt sich ein Herz – Hugo Lloris im französischen Goal hechtet vergeblich.
    foto: reuters/pfaffenbach

    109. Minute: Éderzito António Macedo Lopes, kurz Éder, nimmt sich ein Herz – Hugo Lloris im französischen Goal hechtet vergeblich.

Share if you care.