Andrea Leadsom: Mit dem Thema Mutterschaft in den Wahlkampf

Kopf des Tages10. Juli 2016, 17:50
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Die konservative Außenseiterin will britische Premierministerin und Tory-Chefin werden

Das Thema Europa machte sich Andrea Leadsom gleich nach ihrer Wahl ins Unterhaus 2010 zu eigen. Als Sprecherin einer informellen Fraktionsgruppe trieb sie Premier David Cameron vor sich her, sprach viel von den Defiziten der EU. Eigentlich ließ die Abgeordnete für die stramm konservative Grafschaft Northampton kein gutes Haar an Brüssel. Aber deshalb austreten? "Das wäre eine Katastrophe für unsere Wirtschaft", sagte Leadsom dem STANDARD noch vor drei Jahren.

Seither hat die 53-Jährige Erfahrungen in untergeordneten Regierungsämtern, zunächst im Finanz-, zuletzt im Energieressort, gesammelt. Und die EU habe sich so stark verändert, behauptet Leadsom, dass nun für die Insel der Austritt die bessere Option war. Seit dem gewonnenen Brexit-Referendum, Camerons Rücktrittsankündigung als Premier und der ruinösen Fehde der Brexit-Platzhirsche Boris Johnson und Michael Gove ruhen plötzlich die Hoffnungen der eingefleischten EU-Feinde auf der gelernten Bankerin.

Kinder geben ihr "Zukunftsperspektive"

Im Kampf um Camerons Nachfolge wird Leadsom von keinem Kabinettsmitglied unterstützt, dafür von der nationalistischen Parteirechten. Das hat seinen Grund: Die anglikanische Christin hat sich bei der Abstimmung über die Ehe für alle enthalten, galt bis zu ihrem jetzigen Posten als Klimawandelskeptikerin und Befürworterin aller Sozialkürzungen der Tory-Regierung. Sie sei eine Vorkämpferin für die traditionelle Familie, betont sie und verweist auf ihre drei Kinder: "Die geben mir eine Zukunftsperspektive" und damit eine bessere Sicht auf die Politik, sagte sie der "Times". Das sorgte für Entrüstung, weil es zu Recht als Tiefschlag gegen Leadsoms kinderlose Gegnerin Theresa May gewertet wurde.

Erschrocken ruderte Leadsom zurück: Das sei gar nicht so gemeint gewesen, die Zeitung habe "auf ekelhafte Weise" ihre Meinung verzerrt. Allerdings fügt sich die Episode ins Bild. Schon vergangene Woche musste sie sich des Vorwurfs erwehren, sie habe ihren Lebenslauf geschönt. Frühere Kollegen in der City of London konnten sich nicht recht daran erinnern, dass Leadsom für Barclays und den Fondsmanager Invesco Perpetual wie von ihr behauptet "gewaltige Teams" geführt habe. Sollte sich das Tory-Parteivolk dennoch für Leadsom entscheiden, würde die unerfahrenste Politikerin in die Downing Street einziehen, seit der kinderlose William Pitt 1783 das Amt übernahm. Dafür hätte die neue Regierungschefin Kinder. (Sebastian Borger, 10.7.2016)

  • Die konservative Andrea Leadsom will Vorsitzende der britischen Tories werden.
    foto: reuters/peter nicholls

    Die konservative Andrea Leadsom will Vorsitzende der britischen Tories werden.

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