Machtkampf um britische Parteispitzen

10. Juli 2016, 17:41
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Angela Eagle fordert Labour-Chef Jeremy Corbyn heraus. Bei den Tories erklärt Andrea Leadsom ihre Mutterschaft zum Kriterium guter Politik

Wie bei den britischen Konservativen und bei der nationalpopulistischen Ukip kommt es nun auch bei der größten Oppositionspartei Labour zum Machtkampf. Am Montag will Staatssekretärin Angela Eagle ihre Kandidatur um den Parteivorsitz vorstellen. Amtsinhaber Jeremy Corbyn sei "ein netter Mann ohne Führungsqualität", teilte sie mit. Bei den Tories macht die Außenseiterin Andrea Leadsom Wahlkampf unter der Gürtellinie: Ihre Mutterschaft gebe ihr größeres Interesse an der Zukunft des Landes als der kinderlosen Innenministerin Theresa May.

Leadsoms "Times"-Interview sorgte für Empörung, nicht zuletzt bei Parteifreunden. Die Energie-Staatssekretärin sei bestenfalls naiv, lautete die einhellige Meinung. Dass sie sich noch in der Nacht von dem "ekelhaften" Interview distanzierte und die Times der Falschinterpretation bezichtigte, hat der Mutter von drei Kindern zusätzlich geschadet, zumal ein Mitschnitt des Gesprächs die Darstellung der Zeitung bestätigte. Die Gespräche über den Brexit vertraue man vielleicht doch besser einem erfahrenen Kabinettsmitglied an, sagte Ex-Minister Eric Pickles, "als jemandem, der wegen eines Interviews in Panik verfällt und alles noch schlimmer macht".

Beim entscheidenden Wahlgang der Unterhausfraktion hatten sich 60 Prozent der Tory-Parlamentarier hinter May gestellt. Dennoch muss sie gegen Leadsom in die Urwahl durch die höchstens 150.000 Parteimitglieder.

Viele halten sich bedeckt

Einer BBC-Befragung unter Ortsvereinsvorsitzenden zufolge genießt May zwar bisher großen Vorsprung unter jenen, die sich äußern; doch halten sich viele bedeckt. Je länger das interne Schaulaufen dauert, desto mehr könnte die prominente Brexit-Vorkämpferin Leadsom das überwiegend EU-feindliche Parteivolk für sich einnehmen. Um dies zu verhindern, drängen May-Alliierte die Außenseiterin zum Rückzug.

Würde Leadsom gewählt, hätte sich das Parteivolk gegen die Fraktion gestellt – eine ähnliche Situation wie bei Labour. Vier Fünftel der Abgeordneten sprachen vor etwa zwei Wochen Corbyn das Misstrauen aus, dutzendfach traten Mitglieder des Leitungsteams von ihren Funktionen zurück. Doch Corbyn zeigt sich unbeeindruckt: "Ich habe ein Mandat von den Mitgliedern." Vermittlungsversuche von Parteivize Tom Watson sowie prominenter Gewerkschafter blieben ergebnislos.

51 Unterschriften notwendig

Angela Eagles Kandidatur soll nun die Entscheidung herbeiführen. Die Rebellen setzen auf die Parteisatzung, wonach Kandidaten die Unterschriften von 51 Mitgliedern der Fraktionen im Unterhaus und im EU-Parlament (von insgesamt 242) benötigen. Eagle überspringt diese Hürde mühelos, Corbyn würde wohl an ihr scheitern. Doch der Chef argumentiert: Als Amtsinhaber habe er das Quorum nicht nötig. Wenn der Parteivorstand anders entscheidet, will Corbyn die Gerichte anrufen. Kommt es dann zur Spaltung? "Jeremy würde das in Kauf nehmen", glauben fast alle Mitglieder der unterschiedlichen Parteiflügel.

Während sich Tories und Labour intern zerfleischen, beraten Brexit-Aktivisten über eine neue Populistenpartei, sollte Ukip an Bedeutung verlieren. Das sei denkbar, sagte der millionenschwere Geschäftsmann Arron Banks. Einstweilen will er aber Ukip weiter mit Spenden unterstützen, vor allem zum Aufbau von Strukturen in Nordengland. Dort sei "Labour total abgekoppelt von den Wählern", glaubt er. Die Tories gelten in den deindustrialisierten Gebieten seit Jahrzehnten als unwählbar. (Sebastian Borger aus London, 10.7.2016)

  • Ihre Mutterschaft gebe ihr größeres Interesse an der Zukunft Großbritanniens als ihrer kinderlosen Konkurrentin, sagte Andrea Leadsom in einem Interview – von dem sie sich später distanzierte.
    foto: reuters / paul hackett

    Ihre Mutterschaft gebe ihr größeres Interesse an der Zukunft Großbritanniens als ihrer kinderlosen Konkurrentin, sagte Andrea Leadsom in einem Interview – von dem sie sich später distanzierte.

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